Oscarverleihung 2026 – eine Prognose, Teil #5

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen. Nachdem es in Teil #1 um die Kurzfilme, die Dokumentarfilme und die Animierten Spielfilme, in Teil #2 um die technischen Kategorien, in Teil #3 die vier Schauspielkategorien und Best Casting ging und wir uns in Teil #4 die Drehbücher, die Regie und die Internationalen Filme angeschaut haben, kommen wir nun zum großen Finale. Es geht um den Hauptpreis, den Oscar für den Besten Film.
Die Entscheidung über die finale Kategorie wird über das Preferential Ballot gefällt. Dieses Präferenzsystem führte die Academy im Jahr 2009 ein, bei gleichzeitiger Ausweitung der Short List in der Hauptkategorie von fünf auf zehn Nominierte. Die Academy wollte damit dem Vorwurf begegnen, sie sei zu elitär und würde nur Filme auszeichnen, die kein großes Publikum anlocken. Mit dem Preferential Ballot wurde ein Konsenssystem eingeführt, das in den letzen Jahren einige der interessantesten Best Picture-Gewinner hervorgebracht hat. Beste Filme, wie 12 YEARS A SLAVE (2013), BIRDMAN… (2014), MOONLIGHT (2016), THE SHAPE OF WATER (2017), PARASITE (2019), NOMADLAND (2020), EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (2022) oder ANORA (2024). Allesamt Filme, die in früheren Jahren durchgefallen und vermutlich nicht einmal nominiert worden wären.
Beim Preferential Ballot gibt jedes Academy Mitglied für den Besten Film nicht nur eine Stimme sondern eine Rangfolge ab. Der nach jeweiliger Auffassung beste Film steht auf Platz 1, der schwächste auf Platz 10. Taucht ein Film bei mehr als 50 % der abgegebenen Ranglisten auf Platz 1 auf, hat er den Oscar gewonnen. Das könnte aufgrund des Favoritenstatus des Frontrunners in diesem Jahr schon in Runde 1 der Fall sein. Wenn nicht, werden die Ballots erneut ausgezählt. Der Film mit den wenigsten Platz 1-Notierungen wird gestrichen und auf den jeweiligen Ranglisten rutscht der nächst genannte Film auf Platz 1. Filme, die auf vielen Abstimmungszetteln auf Platz 2 oder 3 genannt werden, haben in diesem Verfahren also gute Chancen, am Ende auf genügend Stimmen zu kommen. So steht als Konsens am Ende der Film, den die meisten Academy Mitglieder am besten, sehr gut oder zumindest gut gefunden haben, auf Platz 1 und gewinnt den Oscar.
Bester Film
Wird gewinnen: ONE BATTLE AFTER ANOTHER (R: Paul Thomas Anderson) geht als klarer Frontrunner in diese Oscarverleihung und ist 13 Mal nominiert. Seit seiner Premiere im vergangenen Herbst hat der Film gerade aus der Industrie – und die vergibt am Ende die Oscars – überwältigende Zustimmung erfahren. Sowohl die Story und die Darsteller als auch die technische Umsetzung wurden viel gelobt. Manche sprachen schon vom besten Film des Jahrzehnts. Was Publikum, Kritik und am Ende auch die Academy wohl am meisten beeindruckt, ist die fast schon haarsträubende Aktualität dieses Films, der ja lange vor der Wiederwahl Donald Trumps und was dem folgte, geplant, vorbereitet und gedreht wurde. ONE BATTLE AFTER ANOTHER ist der seltene Glücksfall, in dem sich zeitgenössische Brisanz und künstlerische Vision zu einem faszinierenden cineastischen Amalgam verbinden, das Zuschauern noch in vielen Jahren Spaß bereiten und zugleich einen recht genauen Eindruck über die Krise unserer Zeit vermitteln wird.
Der Film beginnt mit den Aktionen einen Gruppe von Untergrundaktivisten, die sich „The French 75“ nennen, eingesperrte Migranten befreien und Bombenanschläge auf Banken und staatliche Einrichtungen verüben. Als eine der Anführerin, die explosive Perfidia Beverly Hills, gefangen genommen wird und ihre ehemaligen Mitstreiter verrät, muss ihr Liebhaber, der Sprengstoffexperte Pat mit der gemeinsamen Tochter untertauchen. 16 Jahre später halten sich Willa und Pat, der sich inzwischen Bob nennt, immer noch in der fiktiven kalifornischen Stadt Baktan Cross versteckt. Bob, der nach wie vor fürchtet entdeckt und eingesperrt zu werden, verbietet seiner Tochter die Nutzung von Mobiltelefonen. Doch Col. Lockjaw, der eine Affäre mit Perfidia hatte und möglicherweise der biologische Vater von Willa ist, hat die Jagd auf frühere Mitglieder der „French 75“ nie aufgegeben. Als Lockjaw Bob aufspürt, bringt eine alte Freundin Willa zunächst in Sicherheit, während Bob flieht und verzweifelt versucht, Kontakt zu Willa aufzunehmen. Währenddessen lässt Lockjaw über Baktan Cross ein an die ICE-Auftritte der letzten Monate erinnerndes Inferno ausbrechen.
ONE BATTLE AFTER ANOTHER vereint mehrere Genres. Er ist Drama, Komödie, Thriller und Actionfilm, vor allem aber eine beißende Satire. In der Figur der Willa (Chase Infiniti in einem beeindruckenden Debüt) spiegelt sich die Bürde einer jeden Generation, die Folgen der Fehler der vorangegangenen Generationen tragen zu müssen. Willa hat keinerlei Schuld an den Aktionen ihrer Eltern und doch ist ihre Existenz durch diese bedroht. Willa wird dadurch zum universellen Symbol des menschlichen Dramas. Ihre Entscheidung am Ende des Films könnte ein Hoffnungsschimmer für uns alle sein.
Was nun den Oscar angeht, kommt ONE BATTLE AFTER ANOTHER auf ein beeindruckendes Portfolio an Kritikerpreisen und Precursor Awards. 257 Mal wurde der Film bisher von verschiedenen Organisationen ausgezeichnet. Darunter finden sich Preise der American Cinema Editors, der Set Decorator’s Society, des National Board of Review, der Golden Globe (Comedy or Musical), der Critics Choice Award, der BAFTA und der Producers Guild Award. Der Film ist so populär, dass er vielleicht nicht mal den Umweg über das Preferential Ballot nehmen muss und direkt im ersten Wahlgang siegt. Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, wird er auf mehr Zweit- und Drittplatzierungen kommen als jeder andere nominierte Film. Natürlich steht hier nichts in Stein gemeißelt und es kann immer noch auf den letzten Metern anders kommen. Wahrscheinlich ist das aber nicht.
Eine Besprechung zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER findet ihr hier.
Sollte gewinnen: ONE BATTLE AFTER ANOTHER.
Für den unwahrscheinlichen Fall, das BATTLE nicht gewinnt, kann ich mir eigentlich nur einen anderen Film vorstellen, der an seiner Stelle triumphiert. Und das wäre SINNERS. Der Horrorfilm von Ryan Coogler kommt auf die meisten Nominierungen der Oscargeschichte (16) und ist ein kulturelles Phänomen, besonders für die afroamerikanische Community. Vor allem aber ist SINNERS eine verdammt guter Film.
Er erzählt von den Zwillingen Smoke und Stack, die nach einer Gangster-Karriere ins Mississippi-Delta heimkehren, um mit geraubten Geld einen Juke Joint, eine Trink- und Tanzhalle für die schwarze Community, zu eröffnen. Unterstützt werden sie von Smokes früherer Geliebten Annie, einer magisch veranlagten Voodoo Priesterin, ihrem jüngeren Cousin Sammie, einem angehenden Blues Gitarristen, Delta Slim, einem Musiker, der seine besten Tage hinter sich hat, und einigen weiteren Freunden. Die Eröffnung wird ein voller Erfolg, doch plötzlich tauchen drei weiße Musiker auf und begehren Einlass. Er wird ihnen verwehrt, um Ärger zu vermeiden. Der Film spielt 1932, in der Jim Crow-Ära, in der schon ein falsch interpretierter Blick auf eine weiße Frau für einen Afroamerikaner den Lynch-Tod bedeuten kann. Doch einer der drei Weißen, der jahrhundertealte irische Vampir Remmick, hat es auf Sammie und dessen Begabung, über seine Musik eine Verbindung zu den Ahnen heraufzubeschwören, abgesehen. Und Vampire, das weiß man als geneigter Horror-Fan, lassen sich nicht so leicht abwimmeln.
Man könnte SINNERS als Horror- oder Vampirfilm abtun – Genre, die üblicherweise nicht mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet werden. Den bislang einzigen oscargekrönten Horrorfilm, THE SILENCE OF THE LAMBS (1991), könnte man auch dem Genre Psychothriller zuordnen. Doch damit würde man dem vielschichtigen Ereignis, das SINNERS ist, nicht gerecht werden. Der Film erzählt auf verspielte Weise von der afroamerikanischen Experience. Vieles, was wir hier sehen, kann auf verschieden Weise interpretiert werden und diese Oscar Prognose bietet nicht genug Raum dafür. SINNERS wäre aber auf jeden Fall ebenfalls ein würdiger Gewinner des wichtigsten Oscars.
Über die zahlreichen Kritikervereinigungen in den USA kommt der Film sogar auf 308 bisher gewonnene Preise. Er war für alle Precursor Awards nominiert. Der einzige Hauptreis, den er gewinnen konnte, war allerdings der Ensemble-Preis der Screen Actors Guild, der wichtig ist, da Schauspieler immer noch die größte Gruppe unter den knapp 11.000 Academy Mitgliedern stellen. Ob das aber genügt, um an ONE BATTLE AFTER ANOTHER noch vorbeizuziehen, darf bezweifelt werden. Es hat solche Fälle schon gegeben, allerdings gegen deutlich schwächere Top-Favoriten.
Außerdem nominiert: BUGONIA, in dem zwei Hinterwäldler eine smarte Geschäftsfrau, CEO eines Chemiekonzerns entführen, weil sie meinen, in ihr ein Alien erkannt zu haben, das die Menschheit unterdrücken will. Yorgos Lanthimos ist mit seinen Filmen inzwischen ein Academy Favorit. Nach THE FAVORITE (2018) und POOR THINGS (2023) ist BUGONIA bereits sein dritter Film im Rennen um den Hauptpreis. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er eine seiner vier Nominierungen umsetzen kann.
Eine Besprechung zu BUGONIA findet ihr hier.
F1, mit dem Joseph Kosinski nach TOP GUN: MAVERICK (2022) zum zweiten Mal um den Hauptpreis konkurriert. Der Film ist ein klassisches Dad-Movie, ein Blockbuster, der vor allem eine ältere, männliche Demografie ansprechen sollte. Er erzählt von einem in die Jahre gekommenen Rennfahrer und früheren Formel 1-Piloten, der einem scheiternden Rennstall auf die Beine helfen soll. Die Story ist so banal, dass es fast schmerzt, sie hier auszuführen. Was Kosinski und sein Team aber draufhaben, sind die Rennszenen. Da schießt der Film aus allen Rohren und ist in einer IMAX-Projektion tatsächlich ein aufregendes Erlebnis. Wenn nur der Rest (die wie Pappkameraden agierenden Figuren, die Dialoge und die entsetzlich altmodische White Saviour Haltung) nicht wären. F1 – im Grunde genommen ein sehr teurer Werbefilm für ein ohnehin sehr erfolgreiches Milliardenimperium – ist für vier Oscars nominiert, hat in der Hauptkategorie aber beim besten Willen nichts verloren.
FRANKENSTEIN, eine opulente Literaturverfilmung, mit der sich Regisseur Guillermo del Toro einen Kindheitstraum erfüllt hat. Das Dreistunden-Epos bietet jede Menge Eye Catcher, eine dramatische Vater-Sohn-Konstellation, einige engagierte Darstellungen, von denen aber nur eine wirklich überzeugen kann und ist ansonsten eindeutig zu lang und bisweilen auch etwas kitschig. Nicht gerade del Toros bester Film, aber trotzdem mit genügend Schauwerten angereichert, die seine neun Nominierungen durchaus rechtfertigen. Nur „Bester Film“ ist ein wenig übertrieben.
HAMNET, der die Gattin William Shakespeares aus der Fußnotenexistenz, die sie in der Literaturgeschichte führt, herausholt und sie ins Zentrum eines ergreifenden Dramas stellt. Wenn man sich auf Chloé Zhaos emotionalisierende Inszenierung einlässt, kann HAMNET am Ende zu einem kathartischen Erlebnis führen. Nach seiner Premiere beim Toronto International Film Festival im Herbst galt die Literaturverfilmung kurzzeitig als wahrscheinlichster Oscargewinner. Neben dem TIFF-Publikumspreis wurde HAMNET mit dem Golden Globe (Drama) und dem BAFTA für den besten britischen Film ausgezeichnet und ist in acht Kategorien für den Oscar nominiert.
MARTY SUPREME, in dem ein junger Schuhverkäufer davon träumt, als Ping Pong-Weltmeister seiner kleinbürgerlichen Existenz zu entkommen. Die rasante und sehr unterhaltsame Dramödie lebt von seiner zentralen Performance, dem gelungenen Zeitkolorit, den vielen tollen Nebenfiguren und der gewohnt atemlosen Inszenierung Josh Safdies. Auch dieser Film wurde nach seiner Premiere kurz vor Jahresende als potentieller Oscarkandidat gehandelt. Sein Momentum ist allerdings wie die Karriere von Marty Mauser verpufft. Für neun Oscarnominierungen hat es dennoch gereicht.
Eine Besprechung zu MARTY SUPREME findet ihr hier.
THE SECRET AGENT, in dem ein Wissenschaftler vor den Killern der Militärjunta untertauchen muss und versucht, mit seinem Sohn außer Landes zu fliehen. Ein Film, der das Gefühl der permanenten Bedrohung während der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur herauf beschwört und zugleich ein sensibles Gesellschaftsporträt zeichnet. Neben dem fantastischen Hauptdarsteller beeindruckt auch die Erzählstruktur, in der die Geschichte als Rekonstruktion einer jungen Geschichtsstudentin erscheint, die in der Gegenwart alte Aufnahmen sichtet. Kleber Mendonça Filho hat einen Slow Motion-Politthriller inszeniert, der sich geschickt sämtlichen Genrekonventionen verweigert und nun als zweiter brasilianischer Film für den Hauptpreis und drei weitere Oscars nominiert ist.
SENTIMENTAL VALUE, in dem ein lange abwesender Vater versucht, wieder Kontakt zu seinen erwachsenen Töchtern aufzunehmen. Während die ältere der beiden davon nichts wissen will, versucht die jüngere, die Leerstelle, die ihr Vater im Leben beider hinterlassen hat, zu füllen. Familie als Minenfeld aus Emotionen, unausgesprochenen Wahrheiten und verdrängten Erfahrungen. Joachim Triers Film ist ein superb gespieltes und verschlungen erzähltes Meisterwerk, dass den European Film Award als Bester Film gewann und als erster norwegischer Film für den wichtigsten Oscar (sowie acht weitere) nominiert ist.
TRAIN DREAMS, ein filmisches Gedicht über einen Tagelöhner und Waldarbeiter, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts kurz familiäres Glück erlebt, bevor das Schicksal in seiner wertfreien Grausamkeit zuschlägt. Ein Film, der das Leben eines absoluten Nobodys feiert. Robert Grainier lebt sein Leben, ohne jegliche Spur zu hinterlassen. Er hat keinen Einfluss auf den Lauf der Geschichte, er kämpft in keiner Schlacht und er erfindet nichts, was das Leben der Menschen verändert. Die Zeit geht einfach über ihn hinweg. Und doch führt er ein reiches und tiefgründiges Leben. Clint Bentley und sein Co-Autor Greg Kwedar tauchen ihre poetische Erzählung in atemberaubend schöne Bilder, die das einfache Leben und die Majestät der Natur zelebrieren. TRAIN DREAMS ist für vier Oscars nominiert.
Soviel an dieser Stelle von mir. Ich wünsche allen, die sich in der Nacht von Sonntag auf Montag die Oscars anschauen viel Spaß. Es wird gewiss ein spannender Abend.
Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.