EIN EINFACHER UNFALL von Jafar Panahi

SCHULD UND SÜHNE
Der Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) hört eines Abends, während ein Kunde (Ebrahim Azizi) um eine Reparatur bittet, ein seltsam vertrautes Quietschen. Das Geräusch weckt sofort schmerzhafte Erinnerungen. Denn Vahid war einst wegen eines Streiks in Gefangenschaft geraten und wurde dort von einem Schergen des iranischen Regimes, den alle Mitgefangenen nur unter dem Namen Eghbal bzw. „Holzbein“ kannten, schwer gefoltert. Sehen konnte Vahid seinen Peiniger nicht. Doch das verräterische Quietschen, das er nun in seiner Werkstatt vernimmt, erinnert ihn an die Beinprothese, die jener immer stolz als Ausweis seiner Loyalität zum Regime trug.
Ohne die Konsequenzen seines Handelns in Betracht zu ziehen, setzt Vahid einen spontanen Racheplan in Gang. Er entführt Eghbal, bringt ihn in seinem Van in die Wüste, um ihn dort bei lebendigem Leib zu verscharren. Da Vahid aber kein kaltblütiger Mörder ist, gelingt es dem Entführten Zweifel in Vahid zu wecken. Ist er wirklich das Scheusal, das Vahids Leben zerstört und seine Verlobte in den Selbstmord getrieben hat oder ein Unschuldiger, der nur zufällig eine quietschende Beinprothese trägt? Vahid sucht Rat und ist nach kurzer Zeit Teil einer kleinen Gruppe ehemaliger Gefängnisinsassen, von denen jeder eine eigene Rechnung mit Eghbal offen hat.
So unterschiedlich die Herkunft und Motivation der Ex-Häftlinge, so unklar ist auch das Meinungsbild, ob der Gefangene tatsächlich der frühere Folterknecht ist und wie mit ihm des Weiteren zu verfahren sei. Während Vahid nur die Bestätigung von Eghbals Identität sucht, um keinen Unschuldigen zu töten, möchte die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) die Vergangenheit am Liebsten hinter sich lassen, während Golrokh (Hadis Pakbaten), die eigentlich gemeinsam mit ihrem Bräutigam (Majid Panahi) und Shiva für Hochzeitsfotos verabredet war, von schlimmen Erinnerungen an Eghbal geplagt ist. Der aufbrausende Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) schließlich, Shivas Ex-Lover, ist überzeugt, endlich Rache an Eghbal nehmen zu können.
Wäre EIN EINFACHER UNFALL eine Hollywoodproduktion, vielleicht unter der Regie des für seine Rachefantasien gefeierten Quentin Tarantino, würde der Film wahrscheinlich nun zu einer aus raffinierten Kamerawinkeln aufgenommenen und mit schmissiger Musik unterlegten blutigen Schlachtplatte übergehen. Doch Jafar Panahi ist glücklicherweise kein Hollywoodregisseur und klüger als die meisten seiner amerikanischen Kollegen. Was ihm an finanziellen Mitteln fehlt, macht er mit smarter Regie, einem großartigen Ensemble und einem brillant durchdachten Drehbuch wett. Dabei ist sein Film hoch spannend und verblüffend zugleich. Mit jedem Akt vollzieht er einen Wechsel im Ton, gibt dem Film eine neue Richtung. Thriller, Komödie, Drama – EIN EINFACHER UNFALL ist vieles und manches gleichzeitig.
Doch Panahi hält immer den Fokus auf seinen grundsätzlichen moralischen Diskurs. Wie umgehen mit der Vergangenheit, mit den Schmerzen, die ein brutales, menschenverachtendes Regime seinen überwiegend unschuldigen Opfern zugefügt hat? Und ab wann macht man sich gemein mit den Tätern, ihrer verkommenen und ideologisch verblendeten Rechtfertigung und vor allem mit ihren Methoden? Fragen, die sich gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse im Iran immer lauter stellen. Panahi gibt sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden. Was seinen Film aber besonders auszeichnet, ist, dass er in den dunklen Abgründen menschlicher Emotionen und Handlungen, in die er sich hinab begibt, einen profunden Humanismus findet, der diesem Film trotz seines schweren Themas eine hoffnungsvolle Note verleiht. Dazu mündet EIN EINFACHER UNFALL in die vielleicht beste Schlusseinstellung des vergangenen Kinojahres.
Jafar Panahi, der als Assistent des großen iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami begann, bevor er vor 30 Jahren mit DER WEISSE BALLON sein Debüt feierte und 2000 mit DER KREIS den Goldenen Löwen in Venedig gewann, gehört heute neben Asghar Farhadi und Mohammad Rasoulof zu den herausragendsten Stimmen des persischen Kinos. Neben seinem beeindruckenden Œuvre ist Panahi aber auch aufgrund seines persönlichen Schicksals die wohl wichtigste künstlerische Stimme seines geschundenen Volkes. Während seine Filme weiterhin auf internationalen Filmfestivals gezeigt und dort mit Preisen überhäuft wurden, sah er sich in seiner Heimat mit Beschränkungen und Restriktionen konfrontiert.
Seit 2009 durfte Panahi sein Land nicht mehr verlassen. Er wurde verhaftet und verbrachte im Anschluss fast drei Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis. 2010 wurde er zu 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Das hielt Panahi freilich nicht ab, inkognito weiterhin Filme zu inszenieren. Einer dieser Filme, TAXI TEHERAN, wurde auf der Berlinale 2015 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Die Guerrilla-Taktik, mit der er seine Kunst in den Jahren der Illegalität schuf, ist auch in EIN EINFACHER UNFALL noch zu spüren, für den er eine offizielle Dreherlaubnis aus mangelnder Aussicht auf Erfolg gar nicht erst beantragt hatte. Kleine intime mit der Handkamera gefilmte Settings machen den Großteil des Films aus, während die wenigen Panoramen und Totalen – zum Beispiel eine Szene, in der die Gruppe den stotternden Van anschieben muss – aus einer gewissen Entfernung, sozusagen als Dokumentation des realen Straßenverkehrs gedreht sind.
Im Sommer 2022 wurde Panahi erneut verhaftet und sollte eine sechsjährige Gefängnisstrafe antreten, zu der er schon 2010 verurteilt worden war. Nach fast sieben Monaten Haft, internationalen Protesten und einem kräftezehrenden Hungerstreik wurde er im Februar 2023 schließlich entlassen und sogar das Berufsverbot aufgehoben. Und doch war es eine Sensation, als Panahi im Mai vergangenen Jahres seinen neuen Film in Cannes persönlich vorstellen konnte. Standing Ovations waren ihm sicher. Dass er mit EIN EINFACHER UNFALL auch noch sein Meisterwerk ablieferte, ist gewiss die schönste Pointe dieser Geschichte. Panahi gewann die Goldene Palme und ist damit der bislang einzige Filmemacher, der mit den Hauptpreisen der drei großen Festivals (Cannes, Venedig, Berlin) ausgezeichnet wurde.
EIN EINFACHER UNFALL läuft seit dem 8. Januar im Kino.
Mögliche Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Drehbuch, International Feature Film.
YEK TASADOF-E SADEH (UN SIMPLE ACCIDENT), Regie: Jafar Panahi, Darsteller_innen: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi, Mohamad Ali Elyasmehr, u.v.a.