HAMNET von Chloé Zhao – Kritik #2

Trauer und Erlösung
Kann Kunst wahrhaftig unsere Gefühle ausdrücken? Selbst wenn sie einer imaginierten Erzählung entspringt? Was die Einen berührt, lässt die Anderen kalt. Im besten Fall aber ergibt sich ein kollektives Erlebnis. Wenn ein Publikum Freude oder Trauer teilt und durch Mitgefühl eine „Reinigung“ der Seele erlebt. Aristoteles nennt diesen Prozess in seiner „Poetik“ Katharsis. Sie ist im Idealfall Höhe- und Schlusspunkt jeden Dramas. Das gilt auch für Chloé Zhaos neuen Film, der sich der Natur dieses Phänomens widmet.
In ihrer 2020 veröffentlichten Novelle HAMNET ersann die irische Schriftstellerin Maggie O’Farrell eine Art Entstehungsgeschichte des neben ROMEO & JULIET und MACBETH wohl berühmtesten Bühnenstücks William Shakespeares. In O’Farrells fiktiver Handlung müssen der Dramatiker und seine Frau Agnes, die tatsächlich Anne Hathaway hieß, den Tod ihres Sohnes Hamnet erleben. Das Buch widmet sich vor allem Agnes’ Trauer, während Shakespeare den unfassbaren Verlust in seinem Drama HAMLET verarbeitet.
Diesen Stoff hat Chloé Zhao nun fürs Kino adaptiert (Drehbuch: Zhao und O’Farrell) und einen Film geschaffen, der bewusst kein Biopic ist, der Figur Shakespeare aber mehr Handlungsraum zugesteht, als die literarische Vorlage. Im Zentrum des Films steht aber ganz klar Agnes, die von Jessie Buckley in einer markerschütternden Performance dargestellt wird. Zhao zeigt, was im Buch auf verschlungenen Pfaden nur angedeutet wird: das sich Verlieben der beiden Hauptfiguren, das nicht konfliktfreie Zusammenleben und Aufziehen der gemeinsamen Kinder, bevor sie im letzten Drittel zum Kern der Geschichte vorstößt: das Drama des Verlustes und die Erlösung durch ein kathartisches Erlebnis.
Wiewohl Shakespeare heute als der berühmteste Dramatiker der Literaturgeschichte gilt, ist über den Mann, vor allem über seine frühen Jahre, so gut wie nichts bekannt. Das gilt umso mehr für seine Gattin. Es gab sie wohl, wie die Kinder. Doch da enden schon unsere gesicherten Kenntnisse. Agnes, wie sie im Film genannt wird, bleibt eine historische Leerstelle. Sie tritt erst in diesem Film ins Licht der Öffentlichkeit und so ist ihr erster Auftritt denn auch wie eine Geburt inszeniert. Sie liegt in einem roten Kleid wie ein Embryo zusammengekauert in einer Kuhle im Waldboden, umgeben von den kräftigen Grün- und Brauntönen der Natur, bevor sie (gleich einem ersten Atemzug) erwacht und die Welt um sich herum betrachtet.
Agnes enge Bindung an die Natur – sie geht alleine in den Wald, sammelt Kräuter, hält sich einen Falken und wird dort auch ihr erstes Kind, Susanna, zur Welt bringen – trägt ihr das Misstrauen der Dorfbewohner ein. Eine „Waldhexe“ wird sie von Shakespeares Mutter genannt, mit der man sich besser nicht einlasse. Doch der junge Will (Paul Mescal), der in den Augen seines strengen Vaters den Kopf in den Wolken hat und zu „ehrlicher“ Arbeit nicht taugt, ist von Agnes Erscheinung ganz hingerissen. Einem kurzen Flirt folgt ein erster, zaghafter Kuss. Schließlich wird der Ehebund geschlossen. Da ist Agnes bereits schwanger.
Wills Berufung liegt im Schreiben und so wird er von Agnes ermutigt, nach London zu gehen, sein Glück zu finden und die kleine Familie später nachzuholen. Inzwischen sind auch die Zwillinge Judith und Hamnet geboren, die von Agnes mehr oder weniger allein aufgezogen werden, da Will mittlerweile zwar Erfolg hat, doch die Arbeit ihn in der Ferne hält. Seine seltenen Heimatbesuche werden von den Kindern genossen. Vor allem Sohn Hamnet (Jacobi Jupe) leidet unter des Vaters Abwesenheit. Die Katastrophe kommt schließlich in Form der Pest über die Familie. Die heilkundige Agnes kann ihren Sohn nicht retten.
Was nun folgt, ist eine als historisches Drama getarnte Reflexion über die Kraft der Kunst, Trauer zu überwinden. Zhao und O’Farrell sind an den realen Ereignissen nur bedingt interessiert. Ein faktischer Zusammenhang zwischen dem Tod Hamnets und der Veröffentlichung des fast gleichnamigen Dramas wenige Jahre später ist nicht belegt. Real aber ist die Trauer, die Eltern mit dem Verlust eines Kindes überkommt. Der kaum beschreibbare Schmerz, der Mutter und Vater den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Auch Agnes und Will fallen in ein tiefes Loch und sind zunächst nicht in der Lage, sich gegenseitig Halt zu bieten. Verdrängte Vorwürfe werden ausgesprochen. Nach kurzer Zeit zieht sich Will nach London zurück. Später wird Agnes erfahren, dass er an einem neuen Stück arbeitet. Nein, keine Komödie diesmal. Stattdessen ein Drama: HAMLET.
Wenn Agnes das Globe Theatre betritt, um der Premiere des Stücks beizuwohnen, scheint es ihre erste Begegnung mit der Welt der Kunst zu sein. Dieser sich so sehr der Natur verbunden fühlenden Frau sind die abstrakten Codes und Narrative des Theaters fremd („Was hat das alles mit meinem Sohn zu tun?“). Bis sich die Katharsis in einem kollektiven Erlebnis einstellt. Dass man als Publikum diese Erfahrung teilen kann, hängt an der gefühlsmäßigen Bindung, die man zuvor mit den Figuren eingegangen ist. Es gibt im zeitgenössischen Kino nur wenige Filmemacher_innen, denen es so scheinbar beiläufig gelingt, diese Bindung aufzubauen, wie der chinesischstämmigen Amerikanerin Chloé Zhao.
Mit HAMNET kehrt sie ein Stück weit zu ihren Wurzeln zurück. In Filmen wie SONGS MY BROTHER TAUGHT ME (2015), THE RIDER (2017) und NOMADLAND (2020) folgte Zhao weniger den Regeln einer stringenten Erzählung und verlieh ihren Geschichten vielmehr einen quasidokumentarischen Realismus, der sich auch in der Besetzung mit vielen Laiendarstellern ausdrückte. Es war aber vor allem ihr visueller Stil mit langen, ruhigen Einstellungen und Pausen, die ihrem Publikum ihre „realistischen“ Geschichten erfahrbar machten. Ihr filmisches Vokabular erinnert bisweilen an Terrence Malick, aber ohne Off-Kommentar. Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, gewann sie mit ihrer Einsamkeitsstudie NOMADLAND die Oscars für den Besten Film und die beste Regie. Ihr darauf folgender Ausflug ins kommerzielle Kino ETERNALS (2021) – trotz zahlreicher Schmähungen so genannter Marvel-Fans immer noch einer der interessanteren Filme des MCU – war allerdings nicht von Erfolg gekrönt.
HAMNET ist nun Zhaos erster historischer Film. Ausstattung (Fiona Crombie) und Kostüme (Malgosia Turzanska) sind von hoher Präzision. Łukasz Żal, mit dem Zhao erstmals zusammen arbeitete, lässt das Publikum mit seinen Bildern in diese Settings eintauchen. Der Pole, der schon mit seiner Arbeit an IDA (2013), COLD WAR (2018), I’M THINKING OF ENDING THINGS (2020) oder THE ZONE OF INTEREST (2023) begeisterte, unterstreicht auch mit diesem Film seinen Ruf, einer der besten Kameramännern der Welt zu sein. Vor allem die Naturaufnahmen, in denen Agnes als rot leuchtender Kontrapunkt arrangiert ist, sind von atemberaubender Schönheit. Für die betörende Filmmusik zeichnet Max Richter verantwortlich, der den Höhepunkt des Films allerdings mit einer älteren Eigenkomposition, dem berühmten „On The Nature Of Daylight“ aus dem Jahr 2004, unterlegt.
Trotz des anachronistischen Settings gelingt es Zhao ihren Stil, ihr visuelles Storytelling auch in diesem Film zu voller Blüte zu entfalten. Sie führt ihr Publikum in eine Gefühlslandschaft, die tiefste Abgründe aufweist, am Ende aber doch Trost und Hoffnung spendet. Getragen wird der Film von einer epochalen Performance Jessie Buckleys, die für ihre Darbietung in wenigen Wochen sehr wahrscheinlich einen Oscar gewinnen dürfte. Auch der restliche Cast überzeugt. Paul Mescal fügt seiner Galerie an Leidensmännern eine weitere Facette hinzu. Jacobi Jupe, dessen älterer Bruder Noah am Ende des Films als Hamlet auftritt, bricht einem das Herz und Emily Watson hat als Agnes’ Schwiegermutter einen bemerkenswerten Auftritt, der in der diesjährigen Diskussion über preiswürdige Nebendarstellerinnen viel zu wenig Beachtung findet.
Am Ende ist das Kino Chloé Zhaos aber immer ein Kinos des Vibes, das Angebot einer emotionalen Reise, die wahrhaftige Gefühle auslösen kann. Oder eben nicht.
HAMNET läuft ab dem 15. Januar im Kino.
Mögliche Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Drehbuch, Casting, Hauptdarstellerin, Nebendarsteller, Kamera, Schnitt, Ausstattung, Kostüme, Original Score.
HAMNET, Regie: Chloé Zhao, Darsteller_innen: Jessie Buckley, Paul Mescal, Joe Alwyn, Emily Watson, Jacobi Jupe, David Wimot, Olivia Lynes, Bodhi Rae Breathnack, Justine Mitchell, Noah Jupe u.v.a.