Festival des gescheiterten Films: Filmkunst am Wühltisch


Ein Festival für Gescheiterte. In welcher Stadt außer Berlin wäre so etwas denkbar? Oder: Wo wäre so ein Festival besser aufgehoben als in einer Stadt, die sich ihre Armut zum Glanze ans Revers steckt? Zum Abschluss der 5. Staffel kehrte das Festival am 28. Mai noch einmal in der Hauptstadt ein und zeigte einen Querschnitt des vergangenen Programms.

Gegen 19.15 Uhr traf ich im Babylon Mitte Kino ein. Die Sonne schien und hinter mir diskutierte ein Pärchen über Ballkleider. Nach ein, zwei Zigaretten ging es los. Zehn zahlende Gäste, ein Regisseur und ich machten uns auf, dem „Festival des gescheiterten Films“ beizustehen …Als erstes begrüßte uns der Initiator Hawe Müller mit ein paar warmen, aber nicht besonders originellen Worten über das Scheitern im Filmbetrieb und die Vernachlässigung des Undergrounds in den Lichtspielhäusern dieser Welt und vermittelte uns seine (Vor)liebe für trashiges Kino.

Anschließend folgte ein einstündiges Potpourri der letzten Jahre. Den roten Faden der in ihrer Qualität höchst unterschiedlichen Kurzfilme fand ich in der Persiflage des Filmbetriebes und einzelner Filmgenre. So wurde im ersten Kurzfilm, „Making of“ das stereotype Hollywood auf die Schippe genommen, wo etablierte Schauspieler opak-charmant Kohlendioxid ausstoßen und das Ganze mit Wörtern konterkarieren, um den Anschein von Inhalten zu gewährleisten. Eine gute Idee, nur wäre hier weniger mehr gewesen. Der Film driftete zu schnell in eine Michael Moore-artige Doku ab. Machte also den Fehler der meisten filmischen Satiren: das Publikum für Idioten zu halten. Gut (zu)geschnitten wirkte der nächste Streifen, eine Hommage an den heimischen Angler. Und so knapp wie sich die Kleider der weiblichen Darsteller zeigten, war es nur eine Frage der Zeit, bis einem der Subtext über vegetarische Ernährung samt nacktem Hintern ins Gesicht sprang.

Mein persönlicher Favorit war der Kurzfilm „Muss besser werden„. Ein Schwerstalkoholiker erwacht aus seinem Suff und sondert ein „Das muss aber besser werden“ in das triste, von Bierflaschen überflutete Zimmer ab. Er schaut sich in seinem Container der Selbstaufgabe nach einer vollen Pulle um, findet sie und verabschiedet sich mit den Worten : „Ist ja schon besser.“ Knapp, tragisch, pointiert, gelungen – der einzige Film der gesamten Auswahl, bei dem ich nicht verstand, dass er „scheiterte“. Danach kam noch ein Streifen, der sich in seiner Motiv-Wahl bei erfolgreichen Horrorfilmen der letzten Jahre wühltischartig bediente. Der wahrscheinlich bestproduzierteste Film des Abends – nur war in ihm nicht eine Spur Originalität erkennbar. Der angereiste Regisseur gab in einem kurzen Publikumsgespräch bekannt, dass der Film für das digitale Spartenprogramm „13th street“ produziert wurde. Anyway.

Im zweitem Durchgang lag der Schwerpunkt auf dem Thema „Zigarette„. Ein Thema, dem ich durchaus einiges abgewinnen kann. Nur leider ist eine Persiflage über den Heimatfilm mit einem schwäbischen Muttersöhnchen als Hauptdarsteller und einem Rauchentzugsstreifen so launehebend, wie eine leere Zigarettenschachtel. Was also bleibt?

„Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst“. Ein Aphorismus von Hippokrates. Das Wort „Makros“ wird hier mit „lang“ übersetzt. Man kennt es aus vielen Zusammenhängen: Makrokosmos, Makroklima, Makroökonomie. In all diesen Ausdrücken wird makro mit groß und nicht mit lang übersetzt. Ebenso könnten wir auch mit dem hippokratischen Aphorismus verfahren und ihn wie folgt umarbeiten: Kurz ist die Lebenszeit, groß ist die Menge des zu erwerbenden Fachwissens. Die Menschen haben in unserem Leben zu wenig Zeit, aber ein Leben, so kurz oder so lang es auch sein mag, ist immer noch lang genug, um vor der Welt bestehen zu können. Nur werden es die meisten als Kinobesucher und nicht als Regisseure schaffen.

Text: Joris J.


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