Ein leises Servus


Szene aus Fikapaus (Uranium Film Festival 2012)

Szene aus Fikapaus (Uranium Film Festival 2012)


Wirtschaften im großen Stil begann damit, dass regenerative Energiequellen über ihren Regenerationspunkt hinaus genutzt wurden. Das betraf in erster Linie das Holz, den traditionell wichtigsten Energielieferanten in Europa. Wenn heute noch, wie zum Beispiel in Brasilien, Stahlwerke mit Holzkohle befeuert werden, war für den großen Take-off doch wesentlich mehr Energie vonnöten, als der Raubbau an einem nachwachsenden Rohstoff liefern konnte. Das 20. Jahrhundert, insbesondere die “Wirtschaftswunderära” nach dem 2. Weltkrieg, brachte zwei Veränderungen mit sich: Das Erdöl lief der Kohle den Rang ab. Mit der Automobilmachung der Gesellschaft übernahm es die Hauptrolle. Zum anderen erreichte der Raubbau an der Vergangenheit seither eindrucksvolle Dimensionen. Lange bevor die ökologischen Folgen der Verbrennungswirtschaft (Treibhauseffekt, CO2-Emissionen) zum Thema wurden, machte die Angst die Runde, der Brennstoff könnte über kurz oder lang ausgehen. In dieser Situation bot sich die Nutzung der Atomenergie als Königsweg an und wurde dementsprechend als strategische Option nach Kräften durchgesetzt. Sie eröffnete die Möglichkeit, künftig zur Befriedigung des Energiebedarfs neben der geologischen Vergangenheit auch indirekt die Zukunft heranzuziehen und zu verbrauchen. Der billige Atomstrom hinterlässt den nachfolgenden Generationen eine „strahlende“ Zukunft.

Szene aus Los Alamos Herdeiros Bomba (Uranium Film Festival 2012).

Szene aus Los Alamos Herdeiros Bomba (Uranium Film Festival 2012).

Im kulturellen Bereich hat sich seit nun mehr ein paar Jahren der hauntologische Rückgriff auf altbekanntes als friedliche, bleiche Liebe so sehr festgesetzt, dass man den Eindruck gewinnt, unsere Gegenwart steht, was Zukunftsentwürfe betrifft, im Vergleich mit der Vergangenheit schlecht da. Das Uranium Film Festival, das vom 4. bis 8. Oktober im Eiszeit-Kino und vom 9. bis 12. Oktober im Kino Moviemento stattfindet, ist von daher doppelt gemoppelt. Produktion, ganz egal ob nun kultureller oder anderer Natur beruht auf dem Prinzip der Lastenexternalisierung. Ohne „Little Boys“ Verbindung zu Hiroshima wäre Motoo Ogasawaras „Hiroshima – Gebet einer Mutter“ nie zu Stande gekommen. Cynic but true, doch nüchterner kann man die Folgen des Abwurfs einer Atombombe nicht mehr wiedergeben. Peter Greenways „Atomic Bomb On The Planet Earth“ dagegen lichtet das sehr weiß und ungeheuer oben von 2201 Atompilzwolken ab. Erschreckend entspannend. Der Zuschauer wandert zunehmend durch eine Geographie der Gewalt und stellt die Verfassung der Realität in Frage, nämlich Gleichgewicht und hegemoniale Stabilität.
Wieso begutachtet niemand geopolitische „Peanuts“ wie Georgien gründlich?!? In „Orphaned Sources“ von Anita Top und Marii Kloosterhof geht es um das fehlende Geld das Georgiens Regierung dringend benötigt um radioaktiven Schrott der ehemaligen Weltmacht Sowjetunion fachgerecht zu entsorgen. Wie jede „gute“ Weltmacht verschob auch sie die Folgekosten ihres Handelns von heute in eine unbestimmte Zukunft. Selbstverständlich wird in erster Linie die Gesundheit der ansässigen Bevölkerung zur Kasse gebeten.

The Nuclear Family (Uranium Film Festival 2012).

The Nuclear Family (Uranium Film Festival 2012).

Nathan Meltz nimmt sich in „After The Day After“ dem Klassiker „The Day After“ an und versieht ihn mit einem 6-minütigem Kommentar. Zu meist westliche Regierungen setzten auf die Atomenergie, da sie die Zuwachsraten der Jahre des Wirtschaftswunders einfach in die Zukunft verlängerten und damit eine Verknappung und Verteuerung der fossilen Brennstoffe befürchteten. Diese Erwartungen erwiesen sich als nicht mehr denn beschriebenes Papier. In Europa stieg der Verbrauch in den letzten 20 Jahren um 18%, in den USA nur um 8%. Die Schleuderpreise für fossile Energien haben den Ausbau der Atomwirtschaft seit Mitte der 80er Jahre gebremst. Nur der Iran denkt noch, dass er sich mit angereichertem Uranium einen Gefallen tut. So darf man das „Uraniumfestival“ als Retrospektive auf einen hohen Lebensstandard und die tödlichste aller Energiequellen betrachten. Zu beiden darf nun leise Servus gesagt werden.

Joris J.

Das Uranium Film Festival von 4. bis 8. Oktober im Eiszeit-Kino und von 9. bis 12. Oktober im Kino Moviemento.

1. Oktober 2012 | In Uranium Film Festival

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