„The End of Time“ von Peter Mettler


"The End Of Time":  Die Verräumlichung des Zeitproblems ist das eine, das andere ist die Voraussetzung eines Bruchs.

"The End Of Time": Die Verräumlichung des Zeitproblems ist das eine, das andere ist die Voraussetzung eines Bruchs.

Eine sträfliche Emanzipation

Pünktlich zum Ende des Maya-Kalenders erwartet man einen weiteren Weltuntergangsfilm, doch der sachte Jäger und Sammler Peter Mettler liefert mit „The End of Time“ ein filmisches Essay zu den Begriffen Raum und Zeit ab. Das klingt und ist weniger dystopisch, jedoch muss der Streifen erst einmal sich selbst und dann alle anderen davon überzeugen, dass er nicht nur esoterischer Schund ist. Die Reise führt den Zuschauer zwar ins schweizerische CERN, wo anhand winzigster Partikel nachgewiesen wird, dass Raum und Zeit miteinander verzahnt sind, doch entpuppt sich das Auge des Regisseurs nicht als technokratisches, das mit schönem humanitärem Schwung dazu anregt, die Entfremdung des Menschen doch endlich zu Ende zu bringen. Die mystische Decke des Seins lässt lediglich einen Einschlag erkennen und hört auf, ihre Beziehungen zu umhüllen. Die Abnutzung der mythischen Strukturen und ihr Verzug, sich zu erneuern, manifestieren sich einen Schnitt weiter, wo anhand der Insel Hawaii geologische Zeit demonstriert wird. Man trifft auf einen Insulaner, der sein Leben an die langsame Bewegung der Landschaft angepasst hat. Die Verräumlichung des Zeitproblems ist das eine, das andere ist die Voraussetzung eines Bruchs. In Indien, am Baum der Erleuchtung Buddhas, veranschaulicht der Gläubige Rajeev: „Wenn du einen Anfang hast, dann hast du ein Problem. Gibt es jedoch keinen Anfang, dann hast du auch kein Problem.“ Man selbst wird zur Geisel der in ihre kleinsten messbaren Einheiten entschwindenden Zeit. Bevor sie entschwindet, kann man davon träumen, sie neu zusammenzusetzen. So macht man Quartier im ruinösen Detroit, dem Geburtsort des Techno, der die Saat für die digitale, also entmaterialisierte Ära der Musik bereitstellte.

Das hat freilich auch etwas Verkrampftes, fast schon Lächerliches an sich. Hier muss nämlich das Kino sich wieder einmal selbst retten, wieder vor dem Home Entertainment, das heute in Gestalt von Web 2.0-Plattformen die Zeitressourcen des Publikums so sehr bindet, dass das Versacken im Kinosessel schon beinahe als Arbeit deklariert werden kann. Das Opfer der Laufzeit und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit begründet den Begriff des gemeinsamen Schicksals. Mit anderen Worten liegt der Definition des Wesens des Menschen ein ideales und schmerzvolles Bild zugrunde. Dem Mythos kommt die Funktion zu, die Dialektik zwischen dem Willen zum Leben und seinem Gegensatz in einer Folge statischer Augenblicke zu vereinheitlichen, zu verewigen und nicht nur Peter Mettlers Verhältnis zur Zeit wird sich mit dem Sehen von „The End of Time“ ändern. Das hat Nietzsche recht deutlich gesehen, der geschrieben hat: „Jedes Werden ist dem ewigen Wesen gegenüber eine sträfliche Emanzipation, die mit dem Tod bezahlt werden muss.“

Joris J.

http://www.youtube.com/watch?v=RnSldl1WO8o