"Zeit sparen und zu Hause aufs Knöpfchen drücken."


Jürgen Hirsch: "Ich werde noch ein paar Monate damit beschäftigt sein, unseren Filmbestand zu verkaufen." Foto: Video Collection

Hirsch: "Ich werde noch ein paar Monate damit beschäftigt sein, unseren Filmbestand zu verkaufen." Foto: Video Collection

Ausgewählte Schwerpunkte, Special-Interest-Ecken und Themenwochen, dazu bekannte Promis aus der Berliner Filmbranche, die in regelmäßigen Abständen einen Film empfehlen und beliebter Treff für Filmschaffende und Cineasten – was muss man heutzutage noch tun, um eine Videothek am Leben zu halten?
Ganz ehrlich? Mit etwas anderem Geld verdienen als mit dem Verleih. Der Verleih kann zukünftig nur noch Liebhaberei sein. Selbst mit DJs, Drehbuchlesungen, Promis, Filmvorführungen, Kontaktbörse für Filmschaffende, tollem Ambiente, einer Bar, Workshops, Filmgesprächen und vielem mehr ist in diesem Metier keine Mark mehr zu verdienen. Und egal was man veranstalten würde, die Leute fänden es toll und würden ihre Filme doch online schauen oder beim Billiganbieter um die Ecke holen. Es gab mal den Versuch der „Video Collection“, in einem kleinen Kino in der Schliemannstrasse Filme zu zeigen. Ausgewähltes Doppelprogramm von tollen Filmen. Da saßen pro Vorstellung zwei bis drei Leute. Das Soupanova führt regelmäßig Filmgespräche mit prominenten Leuten durch. Da sitzen dann auch nur fünf Leute. Und das sind nur zwei Beispiele.

Video-on-Demand, Download-to-Rent und schließlich die vielen Online-Anbieter, auf denen man im Stream eigentlich alles sehen kann, was der Schwarzmarkt im Netz so hergibt: Muss eine Videothek vielleicht Angebote entwickeln, die das Netz nicht bieten kann?
Welche Angebote könnten das sein? Die Leute wollen sich einen Film anschauen und fertig. Da interessiert kein Referat über die Herstellung des Filmes oder Hintergründe oder Infos zum Making of. Und „Rent-a-movie-und-die-Pizza-liefern-wir-euch-auch-gleich-mit“ sehe ich nicht als motivierendes Angebot. Die Preise noch weiter senken? Der Verleihpreis liegt in Deutschland momentan durchschnittlich bei 1,70 Euro pro DVD und Tag. Viele Anbieter hauen den Kram dann für einen Euro oder 0,75 Cent raus. Wovon wollen die gute Videothekare bezahlen? Für die fünf Euro, die sie dann an ihre Leute auszahlen, kriegst du doch kein Personal, das sich mit irgendwas identifiziert. Die Branche hat sich durch ihr Preisdumping selbst kaputt gemacht. Und ich wiederhole die Frage gerne: Welche Serviceleistung würde den Kunden zum Filme schauen/holen locken? Drei für fünf, sieben für neun – oder alles umsonst für eine Woche? Viele sind nicht mehr interessiert, sich Filme in einem Laden auszuleihen, dort Zeit zu verbringen und sie dann auch noch dorthin zurückbringen zu müssen. Sie wollen Zeit sparen und zu Hause aufs Knöpfchen drücken. Und das machen sie bei Büchern so, Klamotten und Musik und allem anderen auch, das sich im Netz bestellen lässt.

Die „Video Collection“ hat bereits zum 31.12. geschlossen, was wirst Du jetzt tun?

Ich werde noch ein paar Monate damit beschäftigt sein, unseren Filmbestand zu verkaufen. Ausserdem kümmere ich mich ein wenig um unsere letzte verbliebene Filiale in Pankow. Aber nur noch wenig im Verleih. Und dann arbeite ich daran, was ich immer schon mal machen wollte, nämlich mit den Leuten aus der „Video Collection“ ein Projekt stemmen. Diese ganze kreative Kraft meiner Kollegen, die vom Film kommen, bündeln und nutzen. Dieses Projekt haben wir gerade noch rechtzeitig gestartet, mit vielen VClern vor und hinter der Kamera. Wir drehen bereits seit September und konnten so auch noch den heiligen Hallen der Video Collection ihr filmisches Denkmal setzen. „Ken and Allan make a world wide web series“ ist der Arbeitstitel und das Ganze wird ab April im Netz zu sehen sein.

Das Interview führte Cosima Grohmann

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15. Januar 2013 | In Allgemein

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