Trübes Prisma


"Curling": Leben im Niemandsland in der frankokanadischen Provinz.

"Curling": Leben im Niemandsland in der frankokanadischen Provinz. Foto: Kino Arsenal

Wer sich tapfer durch die zweite Staffel der US-amerikanischen Serie „Girls“ geguckt hat, entsinnt sich möglicherweise einer ganz besonders aufschlussreichen Szene: Hauptprotagonistin Hannah sitzt in irgendeinem aufgebrezeltem Büro in NYC und spricht für einen Redakteursjob vor. Eine etwas überdrehte Frau versucht ihr das Konzept des Online-Magazins zu unterbreiten und zeigt währenddessen auf einen goldenen Bilderrahmen an der Wand. Darin steht: „This is your comfort zone“  Und daneben, einige Zentimeter vom Rand entfernt auf weißer Tapetenfläche: „This is where the magic happens…“

Unwahrscheinlich, dass sich die Kuratoren des Arsenals für ihre Denis Côté-Reihe vom 12. bis 23. April auf jene Sequenz bezogen haben. Und dennoch verweist der Titel der Retrospektive „No Comfort Zone“ auf ein ähnliches Moment – das Außergewöhnliche, das passieren kann, wenn man die vertraute Einfassleiste verlässt. Ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Und gerade deswegen reizvoll. Der kanadische Filmemacher Denis Côté vollführt dieses Heldenstück auf zwei Ebenen, in dem er zum einen seine Figuren selbst in Situationen tappen lässt, die ihren gewohnten Alltagsrhythmus durchbrechen. Und zum anderen schwappt genau dieses Gefühl auf den Zuschauer über, der die Fußstapfen Richtung Sonderbar von einem Tableau zum nächsten verfolgt wie ein Fährtenleser in der Wildnis – und dabei wunderbarerweise selbst gehörig vom Weg abkommt.

Sieben Filme Côtés sind es, die das Arsenal präsentiert und zu nicht wenigen Vorführungen wird der Regisseur anwesend sein. Darunter befindet sich auch der diesjährige Berlinale-Preisträger „Vic + Flo Saw a Bear“ (Kanada 2013), zu Recht ausgezeichnet mit einem Silbernen Bären. Er ist zugleich das jüngste Werk Côtés. Und unter anderem auch deswegen spannend, weil er in Hinblick auf seine früheren Filme einen Kulminationspunkt in Sachen Figurenbewegung und Motivistik darstellt: Außenseitertum, Wälder, Unheimliches und letztlich Gewalt – Themen, die allesamt bereits mehr oder weniger deutlich in den Vordergrund traten. Und auch Indizien, die, schenkt man No Comfort Zone“ etwas mehr Aufmerksamkeit als vielleicht üblich, sich zu einem nachvollziehbaren und faszinierenden Œuvre verketten.

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9. April 2013 | In Allgemein

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