Kultische Verehrung



So schützt er das Enigmatische seiner Bilderwelten und macht sie dadurch zeitlos, denn etwas nicht Strukturierbares kann man schlecht in einen zeitlichen Rahmen setzen. Die Arbeit eines Künstler ist für ihn sogar prinzipiell antirational: „Wenn ein Künstler ein Bild schafft, dann bezwingt er immer auch sein eigenes Denken, das ein Nichts ist gegenüber einem emotional wahrgenommenen Bild von der Welt, das für ihn eine Offenbarung ist. Denn der Gedanke ist kurzlebig, das Bild aber ist absolut. Daher kann auch von einer Parallele zwischen dem Eindruck, den ein spirituell empfänglicher Mensch von einem Kunstwerk erhält, und einer rein religiösen Erfahrung gesprochen werden. Die Kunst wirkt vor allem auf die Seele des Menschen ein und formt seine geistige Struktur.“

Obwohl alle seine Filme nach Eisenstein entstanden, obwohl eine „Formale Schule“, Strukturalismus und Semiotik ihre geisteswissenschaftlichen Spuren hinterließen, erscheinen seine differenzierte Orchestrierung von Geräuschen, Farben und Tönen als bizarr vormodern. Sie sind Träger einer moralischen Spiritualität, einer konservativen Provokation: „Der Osten war der ewigen Wahrheit stets näher als der Westen. Aber die westliche Zivilisation hat den Osten mit ihren materiellen Lebensansprüchen verschlungen. Man vergleiche nur einmal die östliche und die westliche Musik. Der Westen schreit: Hier, das bin ich! Schaut auf mich! Hört, wie ich zu leiden und zu lieben verstehe! Wie unglücklich und glücklich ich sein kann! Ich!! Ich!!! Ich!!!! Der Osten dagegen sagt kein einziges Wort über sich selbst. Er verliert sich völlig in Gott, in der Natur, in der Zeit. Und er findet sich in all dem selbst wieder! Er vermag alles in sich selbst zu entdecken! Taoistische Musik. China, sechshundert Jahre vor Christi Geburt! „. Die kultische Verehrung, die Tarkowskij mittlerweile entgegengebracht wird, begründet sich nicht nur durch die Qualität seiner Filme, sondern auch die jahrelange Behinderung durch die russischen Behörden und seinem Tod im Exil. Tragischerweise ist er am Ende selbst zu einem Symbol geworden, das nur für sich selbst steht und keiner Analyse mehr bedarf.

Joris J.

Retrospektive Andrej Tarkowskij 16. Juli bis 18. August 2013, Porgramm unter www.arsenal-berlin.de

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10. Juli 2013 | In Allgemein

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