Dokumentation, die Fragen beantworten


Rodney Aschers "Room 237" untersucht Kubricks Overlook Hotel. Foto: Unknown Pleasures.

Rodney Aschers "Room 237" untersucht Kubricks Overlook Hotel. Foto: Unknown Pleasures.

Ob es tatsächlich das Genre der Künstler-Dokumentation gibt, darüber ließe sich sicher streiten. Denn wie könnte sich eine solche Schublade wohl definieren? Eine Dokumentation, das ist mehr oder weniger klar. Doch portraitiert in ihr ein Regisseur die Arbeit eines Künstlers (wie es beispielsweise James Scott 1967 so wunderbar mit David Hockney in „Loves Presentation“ gemacht hat)? Filmt der Künstler sich selbst? Ist nicht gar der Regisseur selbst ein Künstler? Und was war das noch einmal, Kunst? Ach, Fragen über Fragen.

Einigen kann man sich letztlich immerhin darauf, dass es gute Dokumentationen gibt und weniger gute. Feststellen kann man außerdem, dass sich jeder der 23 Filme, die im Rahmen der Doku.Arts vom 11. bis zum 29. September im Berliner Zeughauskino gezeigt werden, in irgendeiner Weise mit Kunst auseinandersetzen: Angefangen bei Rodney Aschers Eröffnungsfilm „Room 237“ bis „Pussy Riot: A Punk Prayer“ (Regie: Mike Lerner & Maxim Posdorowkin) und „All This Can Happen“ (Regie: Siobhan Davies & David Hinton), die das Festival beschließen werden. Hierbei kann es sich sowohl um die Verdichtung anhand eines einzelnen Protagonisten handeln – als auch um lose Ansammlungen an den Rändern einer Kunstform, die ein anderer Künstler wiederum in einer Filmarbeit bündelt. Klingt verwirrend? Ist es auch.

Ein Blick in das Programm der Doku.Arts hilft jedoch dabei zu verstehen, dass eine gewisse Unschärfe aufs Schönste mit einer gewissen Attraktivität korreliert. In „A Story of Children and Film“ (Mark Cousins) ist die angepeilte Thematik im Titel zwar klar und deutlich formuliert – was da denn aber nun eigentlich gezeigt werden soll? Im Programmtext heißt es: „Der Einstieg erfolgt über Vincent van Gogh und die eigene Nichte – und schon ist man mittendrin in einem assoziativen Sternstunden-Parcours durch eine Filmgeschichte, in der albanische Produktionen Seite an Seite mit Hollywood-Blockbustern wie „E.T.“ stehen.“ oder „Surrealismus, Einsamkeit, Spaß, Zerstörungswut und Unbeholfenheit gesehen in 53 ausgewählten Filmen aus 25 Ländern.“ Eine Schnippselarbeit der interessanteren Art, in ähnlicher und dabei doch ganz anderer Tradition als György Pálfis „Final Cut„, der im letzten Jahr nicht gerade wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Oder David Hintons und Siobhan Davies filmische Übersetzungsleistung einer Erzählung Robert Walsers („Der Spaziergang„, 1917) „All This Can Happen„.

Auch der Beitrag der ägyptischen Künstlerin Maha Maamoun präsentiert sich als Collage unter Zuhilfenahme eines speziellen Überbaus: der Pyramide. In „Domestic Tourism II“ macht sich Maamoun auf die Suche nach ikonografrischen Deutungen dieses „Wahrzeichens“ und schlittert dabei einmal quer durch die ägyptische Filmgeschichte. Die Dokumentation als Kompilation – oder auch, ganz klassisch, als filmisches Konterfei einer Person, wie es Karl Böcker in „Fürchtegott Steinreich“ der Regisseurinnen Julia Alberti und Sandra Fiedler widerfährt. „Eine Hommage an ein Düsseldorfer Künstlerleben zwischen Ratinger Hof und Kunstakademie, Altbier und Afghanistan“, steht es Programm geschrieben und anders möchte man das eigentlich auch gar nicht formulieren. Und wie gesprungen wird, zwischen Altbier und Afghanistan, so spulen sich auf die Doku.Arts von einer Seite auf die anderen, hüpfen von links nach rechts und kugeln sich oben hüftwärts wieder zurück. Ein großer Spaß, eine schöne Entdeckung – all dies dürfte es in Berlins Mitte ab dieser Woche zu finden geben.

Carolin Weidner

DOKU.ARTS, vom 11. bis zum 29. September 2013 im Berliner Zeughauskino.

10. September 2013 | In DOKU.ARTS

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