Die Verschleierung von Sex in Spielfilmen nervt



In diesem Sklaven-Camp wird Klaus ausgepeitscht und angepisst. Du forderst diese Momente zum Teil ein. Wie war das für dich?
Für den Film war es wichtig, Klaus in seinem Alltag zu zeigen und das Lager gehört eben dazu. Die Schwierigkeit bestand aber darin, die Szene an die richtige Stelle zu setzen. Ich konnte sie nicht an den Anfang des Films montieren, das hätte den Eindruck erweckt, das sei ein Spielfilm. Vor allem hätte es den Beigeschmack einer Rechtfertigung gehabt, nach dem Motto: „Alles klar, der Vater war bei der SS und deshalb ist der so.“ Diese Kausalität wollte ich umkehren, um Klaus nicht zum Opfer zu machen.
Wenn ich versuchen würde, meine Filme hinsichtlich ihrer expliziten Bilder und ihrer Körperlichkeit einzuschränken, würde ich sie beschränken und in diesem Fall würde ich Klaus etwas wegnehmen. Das durch Bilder hervor gerufene Unwohlsein ist etwas Konkretes, an dem der Zuschauer sich reiben kann. Aber ich bin durchaus an meine Grenzen gestoßen: Ich wusste, dass es sich um ein Rollenspiel handelt und alle Beteiligten im respektvollen Einverständnis miteinander umgehen. Dennoch hat es mir Angst gemacht, dass sich jemand freiwillig so unterordnet. Beim Drehen bin ich allerdings sehr technisch und habe durch die Kamera einen Filter, sodass ich vieles nicht so nah an mich ran lassen muss. Ich habe erst danach gemerkt, dass es für mich hart war, alles zu sehen.

In deinen Filmen arbeitest du dich immer wieder an einer Art sozialer Schamgrenze ab und richtest den Blick auf die Dinge, die in der Gesellschaft tabuisiert werden. Was interessiert dich daran?
So denke ich nicht. Ich mache meine Filme nicht im Kontext dieser Kategorien. Ich definiere meine Themen nicht als Tabus. Ich sehe das offener: Ich lerne die Menschen, mit denen ich die Filme mache, selbst erst durch die Filmarbeit kennen. Bei dem Thema Zoophilie war es zum Beispiel so, dass ich einen Film zu diesem Thema gesehen hatte, der mir aufgrund seiner Machart irgendwie Bauchschmerzen bereitet hat. Als Reaktion darauf habe ich „Geliebt“ gedreht, um die Menschen, die sich als zoophil bezeichnen, besser zu begreifen. Meine Filme sind dabei wie eine Art Suche. Wenn ich etwas von vornherein als Tabu wahrnehme, gehe ich mit einer ganz anderen Haltung an die Sache heran, also versuche ich, möglichst offen zu bleiben.

Deine Filme haben alle etwas mit Sexualität zu tun. Warum ist das so?
Sexualität im Film war für mich oft eine Leerstelle: Wenn etwas ausgespart wird, wächst das Bedürfnis, es zu sehen und sich damit zu beschäftigen. Ich denke, dass in dem Bereich vieles ungeklärt ist, gerade auch im Bezug zum eigenen Körper. Die Filme sind für mich eine Beschäftigung damit. Anfangs wollte ich Sexualität filmen, weil mich die Verschleierung von Sex in Spielfilmen genervt hat. Ich wollte Sex dekonstruieren, entromantisieren und von außen zeigen. Damals habe ich im Körper und im Sex noch die Psychologie gesucht, ganz ähnlich wie Bruno Dumont oder RP Kahl es in ihren Spielfilmen zeigen. Rückblickend handeln meine Filmen nicht von Sexualität. Gerade in „Der Unfertige“ geht es um Sicherheit und Kontrolle. Die Sexualität in meinen Filmen ist vielmehr als Abstraktion von Beziehungen zu verstehen.


Der Unfertige„, aber auch „Ein Wochenende in Deutschland“ oder „Zucht und Ordnung“ thematisieren inhaltlich oder im Titel einen Zusammenhang mit Deutschland. Warum ist das so?
Die Filme zeigen deutsche Realität, und meinen Blick darauf. Bei „Zucht und Ordnung“ habe ich im Titel versucht, den Blick auf faschistoide und christliche Werte zu öffnen, um zu zeigen, wie diese gebrochen werden. Klaus, der Protagonist in „Der Unfertige„, ist selbst ein Stück gelebte deutsche Geschichte. Man spürt in diesem Film eine deutsche Vergangenheitsschuld und die Selbstbestrafung dafür. Das dort gezeigte Lager erinnert an Bilder vom KZ oder Guantanamo. Es sind Bilder, die sich wieder finden. Ich würde aber nie behaupten, dass meine Protagonisten versuchen, bewusst etwas nachzuleben. Doch diese transformierten Geschichtsbilder sind für mich nicht das Thema des Films. Vielmehr wird ein Ort für die Auseinandersetzung darüber geöffnet. Mich beeindruckt an den Menschen in meinen Filmen, dass sie sich einen gewissen Raum erarbeiten, in dem sie sich frei bewegen.

Spielfilm langweilt mich

Warum bevorzugst du es, Dokumentarfilme zu machen?
Die Reproduktion von Gedanken durch das Schreiben und Inszenieren im Spielfilm langweilt mich. Ich dachte lange, ich müsse auch Spielfilme machen – so wurde es mir an der Hochschule nahe gelegt. Also habe ich es versucht und wurde mit „Crazy Denis Tiger“ sogar für den deutschen Kurzfilmpreis nominiert und lief ebenfalls im Wettbewerb auf der 62. Berlinale in der Generation 14plus. Es hat also ein Stück weit funktioniert und die Anerkennung auch zeitweise meine Unzufriedenheit über meine fiktionale Arbeit verschleiert, aber mein Interesse liegt beim Dokumentarfilm. Das ist mir jetzt klar. Er entspricht im Gegensatz zum Spielfilm viel mehr meinem Bedürfnis nach Authentizität und meiner Form von Wahrheit und erlaubt es mir, mich den Menschen wirklich zu nähern.

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19. März 2014 | In Allgemein

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