Die Verschleierung von Sex in Spielfilmen nervt



Obwohl deine Filme an Grenzen gehen, sind sie zum Teil sehr humorvoll, beispielsweise sieht man in „Geliebt“ eine Szene, in der die beiden Hauptdarsteller Wii spielen, was angesichts der Thematik zwar absurd aber nicht böswillig oder herablassend wirkt. Wie schaffst du diese Balance?
Die Tanzszene in „Geliebt“ wollte ich aufgrund der Körperlichkeit im Film haben. Die Protagonisten zeigen sich darin von einer ganz anderen Seite, als es im Restfilm der Fall ist. In „Ein Wochenende in Deutschland“ habe ich oristische Elemente gezielter verwendet. Aber das sollte niemals verkrampft humoristisch wirken. Ich gucke, was mir die Darsteller geben wollen, und forciere im Schnitt dann erst bestimmte Momente, die schon da sind. In diesem Fall waren die Protagonisten einfach sehr humorvoll.

Wie viel in deinen Filmen ist inszeniert? Wie kommunizierst du mit deinen Protagonisten?
In „Geliebt“ hatte ich ein Storyboard mit Bildern, die ich drehen wollte. Wobei alle Anweisungen in Absprache und in Orientierung an die Realität der Protagonisten getroffen wurden. Der Film „Zucht und Ordnung“ entstand bei meinem ersten Treffen mit den Protagonisten Manfred und Jürgen und im Gegensatz zu „Geliebt“ habe ich hier überhaupt keine Vorgaben gemacht. Bei Der „Unfertige“ bin ich allerdings wieder einen Schritt zurückgegangen. Klaus brauchte – im Gegensatz zu Manfred und Jürgen – einen festen Rahmen, das passte auch zu seinem Sklaventum. Ich hatte ihm vorher eine Mail geschrieben mit Dingen, die mich interessieren und er hat sich selbst mehrere Seiten notiert. Damit war jedoch kein organisches Gespräch mehr möglich, weil er sich zu sehr daran festgehalten hat. Daraufhin haben wir die Zettel nicht weiter genutzt. So lerne ich immer wieder aufs Neue, wann ich mich wie unter welchen Umständen jemanden nähern kann. Manchmal klappt es auch gar nicht. Meine Filme sind trotz allem auch Übungen für mich, wie ich mit Menschen und der Kamera umgehe.

Warum sind deine Akteure hauptsächlich männlich?
Das war eine zwangsläufige Entwicklung, da ich im Hetero-Bereich einfach an Grenzen gestoßen bin. Da schien das Sich-Nackt-Zeigen weitaus tabuisierter und ich habe irgendwann niemanden mehr gefunden, der sich zeigen mochte. In der queeren und schwulen Szenen, habe ich jedoch immer wieder Männer finden können, die mir mit derselben Offenheit entgegen gekommen sind, wie ich sie gesucht habe.

Jeder sexuelle Akt hat etwas mit Selbstverwirklichung zu tun

Für einige Protagonisten sind deine Filme ein Outing. In „Geliebt“ wird explizit gesagt, dass die Protagonisten ihre Lebensumstände nicht nach außen tragen können. Wie gehst du damit um?
Einer meiner Protagonisten hat mal gesagt: Es sei bei allen Randgruppen so, dass sie durch die gesellschaftliche Ausgrenzung ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Wenn du dich als Zoophiler bekennst, dann bist du schon am Rand und das gibt dir wiederum eine gewisse Freiheit. Ich glaube, dass das eine große Rolle spielt und aus dieser Haltung und Situation auch ein großes Bedürfnis entsteht, sich mitteilen zu wollen. Jeder sexuelle Akt hat etwas mit Selbstverwirklichung und Souveränität zu tun, wo man sich gut und bei sich selbst fühlt, egal was psychologisch dahinter steht. Bei all meinen Protagonisten ist zu spüren, dass sie durch diese Selbstverwirklichung eine gewisse Stärke ausstrahlen. Die Filme spiegeln das wider.
Ich will als Filmemacher diesbezüglich bewusst keine Stellung beziehen. Ein offener Blick und ein Raum, in dem sich meine Protagonisten entfalten können, sind mir wichtiger für den Film, als eventuelle persönliche Befangenheiten.

Wie positionierst du dich in der aktuellen deutschen Kurzfilmlandschaft?
Ich habe mich oft als Außenseiter gefühlt, was mich genervt hat, weil ich nicht verstanden habe, warum die Sensibilität in meinen Filmen nicht gesehen wird und sie nur auf angebliche Effekthascherei reduziert wurden. Durch die Filme „Zucht und Ordnung“ und „Ein Wochenende in Deutschland“ habe ich das Gefühl, dass irgendetwas passiert ist. Ich habe Preise gewonnen, gerade mit „Der Unfertige“ in Rom, aber auch mit den anderen beiden Filmen. „Geliebt“ lief 2010 auf der Berlinale. Ich höre oft, meine Filme seien ja „etwas anders“ und deshalb gut und das ist dann als Lob gemeint. Aber letztendlich ist das nur Ausgrenzung, wenn ich etwas aus dem Fremdem heraus lobe. Mit Verständnis hat das nicht viel zu tun.

Das Interview führten Deniz Sertkol und Tatiana Braun.

Am 24. März 2014 zeigt die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Jan Soldat-Filme „Geliebt„, „Ein Wochenende in Deutschland“ und „Der Unfertige„.

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19. März 2014 | In Allgemein

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