RP Kahl: Ich misstraue der Improvisation



Der Film spielt über weite Strecken in einer bestimmten Szene im Berlin der 90er Jahre. Hast du dort auch die Besetzung für einige Rollen gefunden?
Mit den meisten meiner Hauptdarsteller in „Angel Express“ hatte ich vorher gemeinsam als Schauspieler in anderen Filmen vor der Kamera gestanden. Aber genau wie du in der Frage andeutest, gab es auch jede Menge Street Castings. Mit meiner damaligen Casting-Direktorin Stephanie Platow war ich viel in Clubs, Skater-Locations und in Model-Kaschemmen unterwegs, um diese besondere Mischung von Charakteren zu erreichen. Damals gab es noch die wirklich gute und berühmte People Agentur Type Face, die mittlerweile leider pleite gegangen ist, wie so Vieles aus der „guten alten Berlin-Mitte-Zeit“. Es gab auch solch obskure Model Agenturen wie Berlin Models, die damals schon Heidi Klum-mäßige Wettbewerbe durchführte. Da habe ich wirklich tolle Leute entdecken können, so z.B. Doreen Jacobi, die später als Schauspielerin großen Erfolg hatte. Selbst bei den Statisten hatten wir sehr genau gesucht. Es gab extra eine Regieassistentin für diese Aufgabe. Neleesha Barthel, mittlerweile selber Spielfilmregisseurin, machte einen perfekten Job. Sie kannte Tod und Teufel, sie arbeitete damals im legendären Kurvenstar.

Wie genau hältst du dich beim Dreh an das Drehbuch? Wie viel Raum gibst du Improvisation oder den Ideen deiner Darsteller und änderst unter Umständen sogar den Verlauf einer Szene?
Ich finde ein gutes Drehbuch ist absolut notwendig. Ich misstraue sehr der Improvisation als Mittel zum Herstellen eines glaubwürdigen und lebendigen Spiels. Im ersten Eindruck ist das meist so. Wenn man jedoch genauer und länger hinsieht, entdeckt man die Begrenztheit dieser Variante des Spielens und Inszenierens. Für einen Spielfilm braucht man einen dramaturgischen Spannungsbogen, der meiner Meinung nach durch Improvisation nur schwer zu erzielen ist. Der Input durch die Persönlichkeit eines Schauspielers ist jedoch wichtig, weil dadurch die Figur erst entsteht und Dinge möglich werden, die man sich am Schreibtisch nicht ausdenken konnte. Es wäre verschenkt, diesen Input nicht anzunehmen – ganz im Gegenteil, man sollte ihn sogar herausfordern.

Gab es filmische oder literarische Vorbilder oder Referenzen, die dich bei der Arbeit an „Angel Express“ inspiriert haben?
Es gibt einen Berlin-Film, dessen dunkler, technoider Style und dessen Wahl der Drehorte mich sehr fasziniert haben: Eckhart Schmidts „Alphacity – Abgerechnet wird nachts“ aus dem Jahr 1985 mit Al Corley und Claude-Oliver Rudolph – der perfekte West-Berlin-Film der 80er Jahre. „Angel Express“ sollte so etwas Ähnliches ohne die Mauer werden. Es gibt auch einen deutlichen literarischen Bezugspunkt, den für mich wichtigsten Roman der 90er Jahre, Bret Easton Ellis’ „American Psycho„. Und natürlich hatte ich Wong Kar-Weis „Chungking Express“ und „Fallen Angels“ begierig aufgesogen. Der Filmtitel ist auch eine Referenz daran.

Findest du Berlin als Schauplatz für deine Filme heute noch ähnlich spannend, wie vor sechzehn Jahren?
Ehrlich gesagt, nein. Nach „Bedways“ habe ich eigentlich nie mehr in Berlin an Originalschauplätzen gedreht, sondern war in Zürich, München, Los Angeles oder in der Lausitz unterwegs.

Gibt es neue Filmprojekte, zu denen du schon etwas sagen kannst?
Beginnen wir am Ende meiner letzten Antwort: In der Lausitz habe ich gemeinsam mit Laura Tonke eine 30-minütige Dokumentation gedreht, in der meine Großmutter die Protagonistin ist: „Elsbeth Maschke in Crashland„. Der Film feierte seine Berlin-Premiere am 8. April in der Volksbühne Berlin. Am 16. April stelle ich im Moviemento Kino meine Editions-Reihe „Studio RP Kahl“ vor, die verschiedene kürzere Videoarbeiten der letzten Jahre vereinigt, die im Geiste meines letzten Spielfilms „Bedways“ entstanden sind. „Elsbeth Maschke in Crashland“ bedeutet den Beginn einer neuen Phase von filmischen Arbeiten, die ich unter die Überschrift „Identität/Heimat/Frauen“ stellen will. Für einen neuen Film innerhalb dieses Zyklus’ habe ich letztes Jahr in Los Angeles erste Szenen gedreht, als ich dort für drei Monate in der Villa Aurora zu Gast war. Für die fernere Zukunft steht ein Projekt an, das in meiner alten Heimat, dem Erzgebirge, spielen wird – ein historischer Film zum Thema Wismut, der Uran-Abbaugesellschaft der DDR unter sowjetischer Flagge.

Das Interview wurde uns freundlicherweise von realeyz.tv zur Verfügung gestellt.

Angel Express“ ist bei achtung berlin im Rahmen der Retrospektive „Berlin im Film der Neunziger Jahre“ an folgenden Terminen zu sehen:
Sa, 12. April 22:00 Uhr, Babylon 2
Mo, 14. April 22:15 Uhr, Tilsiter

In Zusammenarbeit mit achtung berlin zeigt die VoD-Plattform realeyz.tvAngel Express“ von RP Kahl exklusiv in seiner Director’s Cut-Fassung zwischen dem 13. und 16. April 2014 frei und kostenlos als Web-Premiere.

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10. April 2014 | In achtung berlin

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