Das Annecy Blog 2014


Szene aus Bill Plymptons “Cheatin‘“. Foto: 38. Annecy

Szene aus Bill Plymptons “Cheatin‘“. Foto: 38. Annecy

Tag 5 – Animierte Brüste, endlich!

Vier Tage musste ich auf meinen ersten Sex in Annecy warten. Vor zwei Jahren enthielt (gefühlt) jeder zweite Kurzfilm eine Sexszene – und auch die Langfilme bestachen nicht grad durch Prüderie. Damals wurde Michaela Pavlátovás „Tram“ zum besten Kurzfilm gekürt: Die Tramfahrerin und ihre erotischen Phallusfantasien waren der Jury wohl am eindrucksvollsten erschienen.

In diesem Jahr gab’s also erst kurz vor Schluss den Blick auf das zerwühlte Bett, in Bill Plymptons „Cheatin‘„. Jack und Ella lernen sich auf einem Jahrmarkt kennen und die Pheromone explodieren quasi vesuv-artig, denn der jeweils andere erscheint dem Gegenüber als die perfekte Verkörperung von Testosteron und Östrogen. Jack kann vor lauter adonesker Männlichkeit kaum mehr laufen und Ellas Kirschmund und Wespentaille ziehen die Blicke der ganzen Stadt auf sich. Es folgen Hochzeit, Glück, Tage im Bett. Ein intrigantes Missverständnis stellt die perfekte Beziehung auf die Probe: Um die Ehe zu retten, verwandelt sich Ella nun in verschiedene Mätressen… Die Kurzbeschreibung verrät zugegebenermaßen nicht viel und hält es damit ähnlich wie das Kurzsummary im Booklet – jedes Wort mehr würde die Pointe des Films (denn der Film hat tatsächlich eine) vorweg nehmen. Und das ist auch der leichte Wermutstropfen des Films, der den Kampf der Geschlechter im Grunde so wunderschön und selbstironisch zu bebildern weiß: Sein Spannungsbogen steht und fällt mit einer Pointe, die auch in einem 6-Minüter gut aufgehoben wäre, Plymptons gönnt sich allerdings 76 Minuten.

Beachtlich und nachhaltig beeindruckend ist allerdings die künstlerische Freiheit, die der Film atmet. Man merkt genau, dass Plympton keinerlei Kompromisse gemacht hat, dass das Filmprojekt ohne Zuschüsse durch Eigenmittel und Crowdfunding finanziert wurde: Eine sehr schöne romantische Liebeszene steht hier ganz leger neben einer Cumshot Einstellung. Nach dem Film sitzt der Regisseur Bill Plympton vor dem Décavision und verkauft DVDs und Prints, damit er weiter die Geschichten erzählen kann, die er erzählen möchte. Die eigene Vision muss eben oft hart erkämpft werden.

Fetische kriegen auch ihre Bühne in Annecy, zum Beispiel in Delphine Hermans Kurzfilm „Poils“ („Hair„). Hier kreuzen sich die Wege verschiedener Haar-Liebhaber – der eine sammelt einzelne herumfliegende Haare, eine andere reißt ihrem Freund beim Liebesspiel die Brusthaare aus, ein wiederum anderer Protagonist ist glatzköpfig und die von ihm angebetete Dame lässt nur langhaarige Freier bei sich einkehren. „Poils“ ist ein ständiger Wechsel zwischen Narrativ und Metapher, ein Wechsel, der unglaublich amüsant und kurzweilig ist. Damit bleibt „Poils“ als einer der wenigen humorvollen Kurzfilme in Erinnerung. Vielleicht bin ich inzwischen hypersensibiliert, aber die anderen Kurzfilme des Kurzfilmblocks 5 sind durchgängig schwere Kost oder dadaistische Spielerei.

Manieggs_PosterEs mag eben dieser Hypersensiblisierung und der ständigen Konfrontation mit schweren Themen geschuldet sein, dass mir deswegen der Trash-Beitrag „Manieggs – The Return of the Hard Egg“ so gut gefällt. Der ungarische Film, der außerhalb des Wettbewerbs läuft, wird vom Regisseur mit den Worten angekündigt „Hungarian humour is very dark. Don’t try to make any sense of it.“ In der Tat: „Manieggs“ – ein Film über verschiedene Ei-Typen – lässt keine politische Inkorrektheit aus. Der Rachefeldzug eines eben aus dem Knast entlassenen Kriminellen macht Witze über alle denkbaren Minderheiten, klaubt sich eklektisch Film- und Serienreferenzen zusammen (Arnie, Danny Trejo, „The Wire“, „Friends„, „Wolverine„) zusammen und ist auch ansonsten entweder geschmacklos, brutal oder sexistisch. Stellvertretend dafür steht beispielsweise eine Kampfszene, die im Rahmen der Unfair Games stattfinden – die Unfair Games basieren auf dem Prinzip des Machtungleichgewichts. So sieht man einen wilden Neandertalertypen auf einen Mann losgehen, der gerade mit seinem Krankenhausbett aus der Intensivstation in den Ring gekarrt wurde. So viel habe ich in diesem Annecy-Filmprogramm jedenfalls noch nie gelacht – und auch um mich herum kriegen sich die Leute kaum mehr ein.

Eklektischer Trash-Talk – mit dem geht es abends bei Weißwein weiter. Es geht um Drogen, den Zufall und das Schicksal, Gay Pick-Up Culture und um französischen Käse und Schnaps. Ein iranischer Regisseur erzählt einen unglaublich dreckigen, billigen Witz und ich kann sogar darüber lachen. Der Anspruchs-Akku gibt langsam, aber sicher den Geist auf, Annecy winkt schon fast ein Adieu.

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10. Juni 2014 | In Allgemein

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