Das Annecy Blog 2014


Das See-Ufer in Annecy. Foto: Marie Ketzscher

Das See-Ufer in Annecy. Foto: Marie Ketzscher

Tag 4 – Der Festivalfavorit steht

Wenn ich ein Smartphone hätte, würde ich wohl auch damit rumspielen. Der Typ neben mir ist jedenfalls völlig versunken, als der Kurzfilmblock 2 läuft. Die Stimmung im Raum wirkt, als wäre sein Verhalten relativ repräsentativ – verwunderlich, welche Kriterien die Programm-Jury der Auswahl der Filme zu Grunde legt. Block 2 besticht in jedem Fall durch eine haarsträubende Handlungsarmut, was ziemlich traurig ist. Das Experiment wird irgendwann uninteressant, wenn man es lediglich um seiner selbst willen bedient und auch eine Message möchte nicht immer in Zaunpfahlmanier überbracht werden (zum Beispiel in „Heir to the Evangelical Revival„). Manchmal kommt es mir fast vor, als würde sich niemand mehr trauen, eine einfache Geschichte zu erzählen, weil die Angst besteht, als langweilig, als normal, als Durchschnitt zu gelten. In so einem unzufriedenstellenden Umfeld fällt ein vielleicht anderenfalls nur peripher wahrgenommener Film wie Torill Koves „Moulton og Meg“ positiv auf: Die Geschichte dreier Schwestern, die sich von ihren exotischen (weil andersdenkenden) Eltern ein Fahrrad wünschen, ist selbstironisch, lustig und hätte sogar ohne eine Message gut funktioniert. Das liegt vor allem am Drehbuch, das konzentriert und durchdacht wirkt und die Alleinstellungsmerkmale der Eltern – die zugleich als Konfliktpotential fungieren – mit einfachen Sätzen wie „Mein Vater war der einzige Mann in der ganzen Stadt, der einen Schnurbart trug“ hervorzuheben weiß.

Nach so vielen Unzufriedenheiten flüchte ich also gern aus dem Kino in die Hitze zu den realen Geschichten, zu den Alltäglichkeiten, die oft nichts anderes sind als die Rohversionen kleiner Drehbücher. Also geht es entlang der baumgesäumten Ufer-Promenade, die bis zum Mittag in der glühenden Sonne liegt und erst am Nachmittag ein bisschen Schatten zulässt, zum Strand vorm Hotel Imperial. Hier findet traditionell bei jeglichem Wetter das MIFA-Picknick statt (die MIFA ist der Ausstellerbereich des Festivals, auf dem sich alle möglichen Professionals zum Netzwerken treffen). Im Grunde ist es auch egal, ob sich die Veranstaltung Picknick, Empfang oder sonstwie nennt: Meistens gibt es Kopfschmerzwein in Plastikgläsern, so auch heute. Ich denke an den vorhergehenden Abend und ziehe gleich das Wasser vor: Am Mifa-Strand baden nicht nur die Animatoren und Festivalbesucher, sondern – man mag es nicht glauben – sogar der in Annecy wohnhafte Mensch. Noch nass geht’s zum finnischen Empfang. Es gibt Sekt zu Ehren der heute 100 Jahre alten finnischen Animation und einen armen Finnen im Schneemannkostüm, dem die Brühe aus jeder Körperöffnung rinnt. Der Magier ist auch wieder da. Er ist sympathischerweise größenwahnsinnig geworden. Er möchte nun auf jedem Festival der Welt die Moderatoren durch eine Magier-Performance ersetzen, natürlich seine eigene.

Szene aus  “The Boy and the World” (“O menino e o mundo“) von Alé Abreu. Foto: 38. Annecy

Szene aus “The Boy and the World” (“O menino e o mundo“) von Alé Abreu. Foto: 38. Annecy

Eigentlich möchte ich nicht wieder in einen dunklen Raum zurück nach so viel Licht, so viel Sommersonnensprossen. Doch ich bin dann heilfroh, dass ich die Promenade wieder zurück gerannt bin: Die Premiere von „The Boy and the World“ (im Original: „O menino e o mundo „) – in Anwesenheit des Regisseurs Alé Abreu und anderen Teammitgliedern – ist ein unglaubliches Highlight. Das beginnt mit der überbordend fröhlichen Stimmung im Raum und endet, wie auch sonst, mit dem Film selbst, der vielleicht den schönsten 2D-Look und die schönsten handgezeichneten Bilder im petto hat, die ich jemals sehen durfte. Charmant und kindlich kommt dieser Look daher, oft ist das Objekt oder Subjekt lediglich ein verwischter Farbklecks. Ich möchte kaum glauben, dass dies ein Kinderfilm ist – vielleicht hat er nur so einen Verleiher gefunden. Die Geschichte ist jedenfalls auch und vielleicht sogar viel eher etwas für Erwachsene: Ein kleiner Junge wächst mit Mutter und Vater in der ländlichen Idylle auf, bis der Vater eines Tages mit dem Zug in die große Stadt fährt, arbeiten. Der kleine Junge ist verzweifelt, spürt die Abwesenheit des Vaters in jeder alltäglichen Geste. Also bricht er auf, den Vater zu suchen, und lernt die große Welt kennen, die sich nicht nur als düster und kompliziert erweist, sondern gar als Moloch, der ihm quasi das Erwachsen-Werden aufzwingt. In „The Boy and the World“ stimmt einfach alles, aber es ist dann vor allem die Symbiose aus Bild und Ton, die diesen Film so schön, so groß macht – und die Konzentration und Reduktion der Mittel. Es ist ein kleines, großes Wunder, dass es möglich ist, eine derart komplexe Adoleszenz-Geschichte mit den Mitteln der digitalen 2D-Animation und der klassischen Zeichnung, ganz ohne Worte und vor allem ohne Pathos zu erzählen. Um mich herum sind alle so ergriffen wie ich, zumindest, wenn man dem Geräuschpegel Glauben schenken darf. Es ruft, applaudiert, jubelt und trampelt, dass der Salle du Haras nahezu abhebt.

Dass es sich beim Phänomen der Ergriffenheit manchmal allerdings lediglich um eine Alterserscheinung handelt, lässt mein letzter Film des heutigen Tages stark vermuten. Alessandro Raks „L’Arte della Felicita“ ist völlig unbegreiflicher Weise auch im Wettbewerb zu sehen. Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich jeder Film seiner Mittel bewusst sein sollte, denn: nein, Animation darf eben auch nicht alles. Eine Traumszene, in der Sergio (der Protagonist) einem scheuen Reh auf eine lichtdurchflutete ruinöse Waldlichtung folgt und dort auf einem zufällig (!) herumstehenden Klavier ein eingängiges, episches Stück spielt, bleibt auch in 2D und 3D eine Traumszene. Möchte sagen: „L’Arte della Felicita“ erinnert mich ganz unangenehm an Rosamunde Pilcher Filme und Konsorten, vielleicht auch Nicolas Sparks-Verfilmungen, also mitnichten an einen ernst zu nehmenden Wettbewerbsbeitrag. Und hier kommt trotzdem die Ergriffenheit ins Spiel: die vier älteren Damen neben mir schniefen gerührt. Ich mache, dass ich schnell aus dem Kino komme, bevor ich am Ende vor Empörung vergesse, was ich heute schon so Schönes erlebt habe.

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10. Juni 2014 | In Allgemein

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