Gebt den Filmfreaks ein Zuhause


Cosima M. Grohmann ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Als Regie- und Produktionsassistentin hat sie bei diversen Filmproduktionen mitgewirkt, am Ende sogar einen eigenen Dokumentarfilm gedreht. Als Kritikerin aus der Ferne fühlt sie sich dem Kino näher, sie schreibt u.a. für fluter, die Berliner Zeitung und die Deutsche Presse Agentur.

Cosima M. Grohmann ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Als Regie- und Produktionsassistentin hat sie bei diversen Filmproduktionen mitgewirkt und einen eigenen Dokumentarfilm gedreht. Als Kritikerin aus der Ferne fühlt sie sich dem Kino näher, sie schreibt u.a. für fluter.de, die Berliner Zeitung und die Deutsche Presse Agentur.

Was bewegt und über welche Projekte spricht die Filmbranche? Wo wird gerade wieder einmal unter Protest ein traditionelles Programmkino geschlossen – und wie steht es um die deutsche Filmförderung und ihre wichtigsten Köpfe? In ihrer Kolumne Zurückgespult blickt Autorin Cosima M. Grohmann einmal im Monat zurück und schaut auf das, was passiert ist vor und hinter den Leinwänden.

Gebt den Filmfreaks ein Zuhause

Eine weitere Berliner Programmvideothek muss schließen. Wohin gehen jetzt eigentlich all die Filmfreaks, deren Sammelpunkt die „besondere Videothek“ war?

Ich gebe zu, unter den vier bekanntesten Berliner Programmvideotheken war das „Negativeland“ im Prenzlauer Berg nicht gerade mein Favorit. Neben dem Videodrom in Kreuzberg, der Filmgalerie 451 in Mitte und der Videocollection in Prenzlauer Berg kam mir das selbsternannte „Filmarchiv“ – damals noch am Helmholtzplatz – immer ein bißchen zu dunkel, zu alternativ, zu spezialisiert vor. Wer ins Negativeland ging, musste jedenfalls sehr gut vorbereitet sein. Auf bohrendes Nachfragen seitens der Videothekare, bezüglich der Filmauswahl. Auf ein Expertengespräch mit mindestens vier oder fünf ausführlich begründeten Filmempfehlungen. Aber auch auf entrüstetes Kopfschütteln, waren die Meinungen zu weit auseinander gegangen. Das Negativeland war der Ort, an dem mit Sicherheit der Begriff „Filmfreak“ geboren wurde. Wer dieser Spezies nicht gewachsen war, wagte sich lieber nicht in den dunklen Schlund dieser Videothek mit ihren 25 Jahren auf dem Buckel.

Dass das Negativeland nun wie ziemlich genau vor zwei Jahren die Videocollection seine Pforten für immer schließen muss, dürfte ein weiteres Zeichen dafür sein, dass die Branche für diese Art von Expertentum keine Verwendung mehr hat. Ähnlich wie bei der Videocollection oder dem Videodrom – das ebenfalls vor zwei Jahren seine originellen Filmaccessoires im Online- und den Verkaufsshop durch Schuhe ersetzte – standen bis vor kurzem hinter den exzellent sortierten DVD-Regalen waschechte Cineasten vom alten Schlag. Liebevolle, leicht nervige Nerds, die einem auf Knopfdruck sowohl etwas zur Entwicklung des asiatischen Kinos der vergangenen zwanzig Jahre sagen konnten als auch in der Lage waren, sämtliche Zitate des Paten I bis III den einzelnen Filmen zuzuordnen. Ich mache mir Sorgen um diese bedrohte Spezies. Wo ist der Platz für solcherlei Expertentum, jahrelang mit abseitiger Fachlektüre angelesen, in WG-Küchentisch-Diskussionen ausgefeilt und vor allem: In unzähligen einsamen Filmstunden Stück für Stück erweitert. „Wir hatten die Filme nach Regisseuren und nach Themen geordnet, wie Pippi Langstrumpf, Edgar Allan Poe, Fußball, Terrorismus und Skateboards. In jahrelanger Arbeit haben wir Listen erstellt“, sagt Videothekar Hans Brake, wenn man ihn nach den Herzstücken des Ladens fragt. Die Papierliste als Relikt einer analog sortierten Welt, in der der Beruf des Videothekars seinen Ursprung hat.

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3. Februar 2015 | In Allgemein

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