Letzte Chance: THE CLOCK von Christian Marclay in der Neuen Nationalgalerie

THE CLOCK – Filmuhr und Zeitzeugnis einer vergangenen Ära
Tick, Tick, Tick: quirlig hetzt der Sekundenzeiger einer Armbanduhr über das Zifferblatt, ein Radiowecker schlägt Alarm, eine Kuckucksuhr ruft zur vollen Stunde, vom Big Ben donnert der Gong wie ein mahnender Zeitwächter über die Stadt an der Themse. Momentaufnahmen aus dem Kult-Videokunstwerk des Konzeptkünstlers Christian Marclay. Uhren in allen Formen und Macharten, deren Nutzer*innen und Zeit als rhythmische Größe unseres Alltags sind Gegenstand dieses ‚Supercuts‘, der sich überwiegend aus ikonischen Bildsequenzen der westlichen Filmgeschichte speist. Ein Meisterwerk aufwendiger Montagekunst, für das der heute 71-Jährige nicht nur 2011 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig erhielt, sondern fast auch ein Karpaltunnelsyndrom riskierte. Die jahrelange intensive Schnittarbeit drohte ihren Tribut zu fordern. 12.000 Videoclips aus über 100 Jahren Film- und TV-Geschichte fügte der von der Fluxusbewegung beeinflusste Künstler in drei Jahren Arbeit mühevoll zusammen und erschuf dabei nichts Geringeres als ein Monumentalwerk, ein einzigartiges filmisches Chronometer: THE CLOCK.
Einen Vorläufer zu diesem Opus Magnum schuf Marclay bereits 1995 mit der siebenminütigen Videocollage TELEPHONES, die aus Sequenzen von 130 Hollywood-Filmen besteht. Während dieses Frühwerk noch überschaubar blieb, umfasst THE CLOCK Schätzungen zufolge Ausschnitte aus rund 3.000 Filmen. Offizielle Zahlen oder eine autorisierte Filmliste zum Kunstwerk gibt es jedoch nicht, was für etliche Cinephiles geradezu nach einer Aufforderung klingt, das Gros der Filme auf Plattformen wie Letterboxd einfach selbst zusammenzutragen und die Szenennachweise auf Fan-Wikis teilweise minutengenau zu dokumentieren.
15 Jahre alt ist THE CLOCK bereits und mittlerweile ein veritables Zeit-Dokument, aus einer anderen Ära, wie es scheint. Denn spätestens seit 2017 und dem #MeToo Skandal ticken viele Filme und auch die Branche doch sukzessive anders. Zuschauer dieser Videoarbeit werden also nicht nur Zeugen ihres eigenen Zeitverlustes, sondern begeben sich auch auf eine Zeitreise in vertraute Bildwelten, die einst ihr Denken, Wahrnehmen und Fühlen maßgeblich mitprägten und sich dennoch heute für die einen oder anderen fremd anfühlen dürften. Es sind Filme, in denen Macht-Räume und ‚Service-Stellen‘ zumeist noch wie selbstverständlich einer alten patriarchalen Ordnung unterlagen: darunter Filmklassiker wie Zinnemanns ZWÖLF UHR MITTAGS, Hoppers EASY RIDER, Lumets DIE ZWÖLF GESCHWORENEN, Langs DER MÜDE TOD, Fellinis 8 1/2 oder auch Tarantinos PULP FICTION. Viele (weiße) Männer dominierten die Geschichten und Settings, waren Entscheider, risikofreudige Abenteurer, kette-rauchende Revolverhelfen, Haudegen, Agenten, Chefs, Mörder, machten Geschäfte und atmeten auf der Harley ihre große Freiheit. Die meisten (nicht alle) Frauen in diesem zusammengesetzten Belegexemplar eines Filmkanons durften dagegen eher helfen, assistieren, passiv agieren, sexy aussehen, schlafen, verrückt, schön, krank, tot, hilflos oder einfach nur Lustobjekt sein. Selten ist es möglich, die Narrative einseitiger Erzählungen aus der Kulturgeschichte so opulent und quasi aus einem Guss zu überblicken und zu studieren.
Es sind Blockbuster und Indieproduktionen, die hier schwarz-weiß und in Farbe nahtlos miteinander verschmelzen und durch Christian Marclays handwerkliche Brillanz eine einzigartige Sogwirkung entfalten. Die Präzision, mit der er dabei Bild- und Tonübergänge setzt, suggeriert eine Dynamik und narrative Kontinuität, wo eigentlich keine ist. Mit geschickten Audioüberblendungen gelingt es dem in der Schweiz aufgewachsenen US-Künstler, Klangkomponisten und Mitbegründer des Turntablism dabei ausgesprochen orchestrierte Spannungswechsel und Erzählbögen immer wieder neu zu erzeugen. THE CLOCK ist damit geradezu ein meisterhaftes Lehrstück in Sachen Filmmontage.
Zugegeben, der massive Fokus auf britische, us-amerikanische oder französische Filme vermag den einen oder anderen nach einer Weile etwas langweilen. Sicher hätten ein paar Abstecher mehr bspw. ins indische, europäische, persische, lateinamerikanische oder auch russische Kino dem Werk gutgetan und ganz nebenbei den menschlichen Alltag überall auf der Welt in eine charmante Synchronität getaucht, was inzwischen vielleicht sogar unterhaltsamer wäre als das gewohnte Blockbuster-Einerlei.
In diesem Sinne bin ich versucht zu sagen: „Let‘s do the Time Warp again“.
SuT
THE CLOCK von Christian Marclay ist noch bis zum 25. Januar 2026 in der Neuen Nationalgalerie zu erleben.
Eine Sondervorführung der gesamten 24-stündigen Videoarbeit läuft vom 23. Januar 2026 von 10 Uhr bis 20 Uhr am 24. Januar 2026 zu sehen. Außerhalb der Öffnungszeiten ist der Eintritt kostenlos.
Wer die Auststellung verpasst haben sollte, hat online hier noch einmal die Chance zur filmischen Zeitansage.