76. Berlinale: JOSEPHINE von Beth de Araújo


JOSEPHINE © Josephine Film Holdings LLC
JOSEPHINE © Josephine Film Holdings LLC

Zeugin der Anklage

Das Pressefoto zu diesem Film zeigt eine Dreiergruppe: ein Kind, getragen von einer Frau, schaut über deren Schulter auf einen nahestehenden und doch separierten Mann. Das Bild zeigt eine Familie, Mutter, Tochter und Vater, und könnte als Zusammenfassung der Ereignisse in JOSEPHINE gelesen werden. Denn ein Riss geht durch diese Familie und die ursächliche Schuld daran trägt keine der drei Personen. Die zum Bild gehörende Szene sehen wir erst spät im Film. Da haben die drei schon einiges durchgemacht.

Zu Beginn des Films sind Vater und Tochter noch ein gut eingespieltes Team. Er trainiert sie, vielleicht etwas zu fordernd, im Fußball. Das Körperliche liege ihm mehr, wird er ihr später einmal sagen. Als sie eines Morgens durch den Wald joggen, verlieren sich kurz ihre Wege und Josephine (Mason Reeves), Jo genannt, wird Zeugin einer brutalen Vergewaltigung. Auch wenn sie von dem Übergriff nicht persönlich betroffen ist, verstört sie das Gesehene nachhaltig. Doch nicht nur die Tat selbst wirft fortan einen Schatten auf ihr bis dahin fröhliches Wesen. Es ist vor allem die Hilflosigkeit der Erwachsenen, das Geschehene für Jo richtig einzuordnen und einen Weg zu finden, wie das Kind die Tat verarbeiten kann, ohne nachhaltige psychische Schäden davon zu tragen, die JOSEPHINE im folgenden mit klinischer Präzision durchleuchtet.

Da ist zunächst Claire, die Mutter (Gemma Chan), eine professionelle Tänzerin, die Jo eine verstörende Befragung durch Polizei und Anwälte ersparen will. Vermutlich ahnt Claire, vielleicht durch eigenes Erleben, wie schwer es ist, einen Täter hinter Gitter zu bringen. Ihr Angebot, das Gespräch mit einer Kinderpsychologin zu suchen, wird von Jo, die das als Strafe interpretiert, abgelehnt. Unterstützt wird Jo dabei von ihrem Vater Damien (Channing Tatum), der es für wichtiger hält, seine Tochter für alle Eventualitäten in Selbstverteidigung trainieren zu lassen. Auch befürwortet Damien eine Aussage seiner Tochter vor Gericht, um den Täter unschädlich zu machen, obgleich er später gegenüber Jo zugeben muss, dass es „Fairness in dieser Welt nicht gibt“, da der Täter nach spätestens acht Jahren wieder auf freiem Fuss sein werde. Es sei denn, man sorge selber dafür. Damien, der seiner Tochter Spielzeugpistolen untersagt, wird sich später selbst bewaffnen.

Und Jo? Ist über die Unfähigkeit ihrer Eltern, das nahe liegende auszusprechen ebenso irritiert, wie über die zunehmend lautstark ausgetragenen Konflikte der beiden. Per Google Recherche klärt sich die Achtjährige, natürlich unzureichend, über die Begriffe Sex, Ficken und Vergewaltigung selber auf und reagiert verständlicherweise empört, als sie ihre Eltern beim Beischlaf erwischt. Ihr Blick auf Männer ist vom Erlebten geprägt und das schließt auch ihren Vater nicht aus.

Es ist Beth de Araújos sensibler Regie zu verdanken, die Spuren der Tat im kindlichen Gemüt ihrer Heldin fast schon physisch nachvollziehbar zu gestalten. Jo wird lernen müssen, das Gesehene zu verarbeiten und sie wird Narben davontragen. Der Film schildert die Tat und ihre Folgen ganz und gar aus der Sicht seiner unschuldigen Hauptfigur. Greg, der Täter (Philip Ettinger), ist zwar permanent präsent – er wird zu Jos ständigem imaginierten Begleiter – kommt aber nie zu Wort. Er hat im Leben der Anderen genügend Unheil angerichtet.

Auch visuell ist JOSEPHINE ganz auf das Erleben seiner Protagonistin ausgerichtet. Die Kamera ist überwiegend auf Jos Augenhöhe positioniert, wodurch das Publikum die Welt aus ihrer Sicht wahrnimmt. Alles Männliche wirkt aus diesem Blick zunehmend bedrohlich, ob real oder imaginiert. Das Drehbuch, in dem de Araújo ein eigenes Kindheitstrauma verarbeitet, ist ebenso pointiert, wie die Montage den Film in einem stetigen Fluss hält. Großes Glück hat de Araújo auch mit ihrer Besetzung. Gemma Chan und Channing Tatum sind als verunsicherte und überforderte Eltern überzeugend und können ihre darstellerischen Qualitäten ausspielen.

Eine Sensation ist allerdings die erst achtjährige Mason Reeves, die, entdeckt auf einem Bauernmarkt in San Francisco, praktisch den ganzen Film auf ihren zarten Schultern trägt. Gleich zu Beginn des Films sehen wir die Vergewaltigung aus ihrer Sicht. Intuitiv scheint Jo zu ahnen, dass da etwas Falsches vor sich geht, kann das aber nicht wirklich verstehen und beobachtet die Tat in einer Mischung aus Angst und Neugier. Da ihre Eltern nicht in der Lage sind, das Geschehene auf verständnisvolle Weise mit ihrer Tochter zu verarbeiten, macht Jo sich einen eigenen Reim darauf und neigt in der Folge in Konflikten mit Mitschülern auch zu Handgreiflichkeiten.

In dem zum Teil unmittelbaren Aufeinanderprallen von gewalttätigem Verhalten und kindlich-naiver Verspieltheit liegt die Stärke des Films, der vor einer brutalen Realität nicht die Augen verschließt und das Publikum auffordert, die Dinge beim Namen zu nennen. Regisseurin de Araújo spricht da aus eigener Erfahrung. Als Achtjährige wurde sie selbst Zeugin eines sexuellen Übergriffs. Während ihr geistesgegenwärtiger Vater den Täter verfolgte, versuchte sie dem Opfer Trost zu spenden. Erst nachdem sie über 20 Jahre alt war, sahen sich ihre Eltern im Stande, mit ihr über dieses Ereignis zu sprechen. Mit ihrem kraftvollen und bewegenden zweiten Spielfilm richtet sie nun den Fokus auf eine „extreme Version weiblicher Angst“ und zeigt den Horror, den eine derart abscheuliche Tat auch bei jenen auslöst, die, wie Jo, nicht direkt betroffen sind.

Beim Sundance Festival hat JOSEPHINE vor wenigen Tagen den Großen Preis der Jury und den noch begehrteren Publikumspreis gewonnen, während Beth de Araújo beim Palm Springs International Film Festival als „Director to watch“ ausgezeichnet wurde.

Mögliche Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin, Nebendarsteller, Casting, Schnitt

JOSEPHINE , Regie: Beth de Araújo, Darsteller_innen: Mason Reeves, Channing Tatum, Gemma Chan, Philip Ettinger, Syra McCarthy, Eleanore Pienta u.v.a.

A COMPLETE UNKNOWN – Termine auf der 75. Berlinale
Freitag, 20.2., 18:15 Uhr, Berlinale Palast
Samstag, 21.2., 09:45 Uhr, Zoo Palast 1
Samstag, 21.02., 21:45 Uhr, Uber Eats Music Hall
Sonntag, 22.02., 12:15 Uhr, Uber Eats Music Hall