76. Berlinale: THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK von Noah Segan


THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK © MRC II Distribution Company L.P.
THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK © MRC II Distribution Company L.P.

ONE LAST SHOT

Die Berlinale hatte auch wieder viele Genrefilme im Programm. Horrorfilme, Western, Gangsterfilme. Einer der charmantesten lief kurz vorm Festivalende in der Sektion Berlinale Special: Noah Segans melancholischer kleiner Gangsterfilm THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK, der den letzten Stunden eines Taschendiebes folgt und zugleich eine Ode an seine Heimatstadt ist. Harry (John Turturro) hat seine besten Tage hinter sich. Auch wenn er immer noch mit viel Geschick zu Werke geht und gleich zu Beginn des Films einem snobistischen Geschäftsmann die Geldbörse abnimmt, muss er doch immer häufiger feststellen, dass mit dem Umstieg auf bargeldloses Bezahlen seine Gaunertalente zunehmend der Rubrik „brotlose Kunst“ zuzurechnen sind. Die Zeit ist über Harry hinweggegangen, mit der modernen Welt kann er nicht mehr viel anfangen.

Sein Dealer Ben (ebenfalls in die Jahre gekommen: Steve Buscemi) kann ihm immer seltener sein Diebesgut abnehmen. Zu Hause kümmert sich Harry um seine große Liebe Rosie (Karina Arroyave), die nach einem nicht näher definierten Vorfall ans Bett gefesselt ist. Eines Abends nimmt er einem jungen Mann seine Sporttasche ab. Als er darin eine Waffe entdeckt, entsorgt er sie schleunigst, behält aber eine sehr teure Uhr und eine Kreditkarte mit USB-Anschluss. Was er nicht ahnt: Dylan (Will Price) ist der Spross einer großen Unterwelt-Familie, mit der man sich besser nicht anlegt und die man schon gar nicht bestiehlt.

Dylan ist zwar nicht die hellste Leuchte, hält sich aber für den Größten. Und er verfügt über die entsprechenden Kontakte, Harry schnell auf die Schliche zu kommen und Rosie zu bedrohen. Die Uhr hat sich Dylan schon von Ben zurückgeholt. Doch viel wichtiger ist ihm die silberfarbene Kreditkarte, die Harry an einen anderen Dealer in der Bronx verhökert hat. Harry hat fertig, in der Beziehung ist Dylan unmissverständlich. Will er aber wenigstens Rosie retten, muss er die Kreditkarte zurückbringen. Harry muss seine ganze Cleverness aufbringen, um das offensichtlich sehr wertvolle Stück Plastik wieder zu erlangen. Bevor er sie aber Dylan übergibt, um anschließend seinem Schicksal entgegenzutreten, setzt er noch einen smarten Plan in Gang – einen letzten Clou, Dylan und seiner Gangster-Familie noch ein Schnippchen zu schlagen.

Der Film von Noah Segan (Drehbuch und Regie) ist nicht die Neuerfindung des Genres und man hat ähnliche Geschichten schon des Öfteren und manchmal besser gesehen. Doch der Plot ist flott und kurzweilig erzählt und die Darsteller machen große Freude. Allen voran natürlich John Turturro, der mit seinen traurigen, gleichwohl hellwachen Augen seinem sympathischen Anti-Helden Leben einhaucht. Was man von seinem diebischen Treiben auch halten mag, in den Szenen mit Rosie zeigt sich Harry von seiner emphatischsten und liebevollsten Seite.

Dabei ist Harry eine gebrochene Figur. In einer späten Szene wird ihn seine Tochter (Tatiana Maslany) mit seinem früheren schäbigen Verhalten gegenüber ihr und ihrer Mutter konfrontieren. Dennoch fiebert das Publikum mit Harry und hofft, dass der alte Gauner noch mal davonkommt. Auch Steve Buscemi und Giancarlo Esposito (als kurz vor der Pensionierung stehender Cop) glänzen in ihren kurzen Auftritten mit sparsam und sorgfältig gezeichneten Charakteren. Beide könnten ihre Rollen wahrscheinlich im Schlaf spielen und doch macht es große Freude diesen Legenden bei der Arbeit zuzusehen.

Die heimliche Hauptdarstellerin dieses Films aber ist New York, das Segan aber nicht von seiner schillernden Seite zeigt, sondern als lived-in-community. Segan ist offensichtlich stark inspiriert vom Kino der 1970er Jahre, was sich in der Auswahl des Soundtracks ausdrückt und in den stylischen Straßenszenen spiegelt. Kameraausschnitte, -bewegungen und plötzliche Zooms – all das erinnert an die glorreiche Zeit, als junge Filmemacher den Big Apple als dreckigen, chaotischen und faszinierenden Kosmos präsentierten.

Mögliche Oscarnominierungen: Hauptdarsteller, Drehbuch

THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK, Regie: Noah Segan, Darsteller_innen: John Turturro, Giancarlo Esposito, Will Price, Steve Buscemi, Victorio Moroles, Karina Arroyave, Kelvin Han Yee, Tatiana Maslany, Jamie Lee Curtis u.v.a.