76. Berlinale: THE TESTAMENT OF ANN LEE von Mona Fastvold


THE TESTAMENT OF ANN LEE © 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.
THE TESTAMENT OF ANN LEE © 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

CLOTHED BY THE SUN

Mitte des 18. Jahrhunderts hat die in ärmlichen Verhältnissen in Manchester aufgewachsene Ann Lee (Amanda Seyfried) ein religiöses Erweckungserlebnis. Schon länger auf einer spirituellen Suche, wird sie im Haus eines befreundeten Quaker Paares mit der Gemeinde der Shaker vertraut. Die zeichnet sich durch inbrünstig gesungene Gottesdienste aus, bei denen die Gemeindemitglieder in ekstatisches, an Schütteln erinnerndes Tanzen verfallen, um ihre Körper von Sünden zu reinigen. Ann ist mit dem Schmied Abraham verheiratet, der sie im Namen seiner Frömmigkeit zu Sadomaso-Praktiken verleitet. Vier Kinder bringt sie zur Welt, von denen keines älter als ein Jahr wird.

Vom Leben und der Ehe gezeichnet, wird Ann zu einer besonders glaubwürdigen und charismatischen Vorkämpferin eines frommen, gottergebenen Lebensstils, der Gewaltfreiheit ebenso ins Zentrum stellt, wie unbedingte sexuelle Enthaltsamkeit. Das fortan allen Gemeindemitgliedern auferlegte Zölibat trifft bei ihrem Mann auf wenig Gegenliebe. Doch Ann sieht den Sinn ihres Lebens längst nicht mehr in der biologischen Fortpflanzung, sondern in der Verbreitung ihres Glaubens und der Erschaffung einer egalitären Gemeinschaft, in der alle gleich sind, Männer wie Frauen und Menschen anderer Hautfarben.

Nach einem besonders lautstarken Gottesdienst landet Ann im Gefängnis, wo sie sich als nächste Inkarnation Christi erkennt. Daran anschließend wird sie von den Shakern als Anführerin, als „Mother Ann“, anerkannt. Ihre religiösen Praktiken treten jedoch immer häufiger in Konflikt mit der vorherrschenden anglikanischen Kirche, was Ann schließlich veranlasst, mit einigen wenigen Getreuen sowie ihrem Bruder in die neue Welt aufzubrechen und dort, im Land der religiösen Freiheit, eine prosperierende Gemeinde aufzubauen. Als dort aber wenige Jahre später der Unabhängigkeitskrieg ausbricht, stößt ihr rigoroser Pazifismus auf Unverständnis und Misstrauen.

Die Shaker gehören zu den zahlreichen religiösen Splittergruppen, die in den Vereinigten Staaten eine Heimat fanden. Da sie sich aber nicht durch familiären Fortbestand, sondern ausschließlich durch Missionierung erhalten mussten, ist aus ihnen nie eine Massenphänomen geworden. Zu ihrer Hochzeit im frühen 19. Jahrhundert hatten sie auf mehrere Gemeinden verteilt an die 6.000 Mitglieder, die sich durch ein hohes Maß an Tugend, Fleiß und Bildung auszeichneten. Heute sind noch zwei verbliebene Mitglieder in Maine bekannt.

Neben dem rituellen Schütteltanz gehören zu den Besonderheiten der Shaker gewiss das ehelose Zusammenleben der Gemeindemitglieder sowie die Berufung auf eine weibliche Gründerfigur, eben jene Ann Lee. Die traditionellen Hymnen der Shaker mit ihren mantraartigen Wiederholungen bilden nun das musikalische Gerüst eines Films, der im Prinzip zwar der „from cradle to the grave“-Formel klassischer Biopics folgt, durch seine rhythmische Erzählung aber doch eine ganz eigene Magie entfaltet. THE TESTAMENT OF ANN LEE ist aber auch kein traditionelles Musical, da sich Themen und Motive wie in einem Shaker-Song wiederholen und verstärken.

In erster Linie ist Mona Fastvolds Film eine respektvolle Annäherung an eine extreme religiöse Bewegung, der diese weder verurteilt noch propagiert, sondern klinisch und mit großer Neugier studiert. Mit „Mother Ann“ stellt er eine faszinierende Frauenfigur ins Zentrum, die von Amanda Seyfried souverän mit Empathie und sanfter Stärke gespielt und gesungen wird. Es ist Seyfrieds bislang beste Performance. Sie überschreitet hollywoodübliche Grenzen und zeigt einmal mehr, dass man sie nicht auf ihr hübsches Äußeres reduzieren sollte. Auch der restliche Cast (vor allem Thomasin Mckenzie als glühende Anhängerin und Lewis Pullman als Anns nicht minder fanatischer Bruder) überzeugt.

Das Drehbuch hat Fastvold mit ihrem Arbeits- und Lebensgefährten Brady Corbet verfasst. Im vergangenen Jahr hatten beide mit THE BRUTALIST, bei dem Corbet Regie geführt hatte, großen Erfolg. An Ann Lee hat Fastvold das „radikale Streben nach einer selbstgestalteten Utopie“ interessiert, in dem sie einen „kreativen Impuls“ erkannte, die Welt nach den eigenen Idealen zu gestalten. Daniel Blumberg, der für die Musik in THE BRUTALIST den Oscar gewann, hat nun auch THE TESTAMENT OF ANN LEE vertont und sich dafür von den Spirituals und Hymnen der Shaker inspirieren lassen und diese z.T. direkt in die Songs eingearbeitet.

Neben den Darstellern, der berührenden Musik und der exzellenten Ausstattung ist vor allem die visuelle Gestaltung durch William Rexer hervorzuheben. In atemberaubenden 70mm-Format gedreht, dessen ganze Pracht auf der Berlinale in einer 70mm-Projektion im Zoo Palast (am 19.2.) zu erleben sein wird, fängt der Film das Wunder der Schöpfung ein, wie es sich einem spirituell Erwachenden darstellen könnte. Hauptsächlich in natürliches Licht getaucht und in den Nachtszenen nur von Kerzenschein erleuchtet, gelingen Rexer Kompositionen von außergewöhnlicher Schönheit. Der Einsatz von langen Einstellungen erzeugt vor allem in den Szenen der religiösen Ekstase eine ungewöhnliche Dynamik, die rhythmischen Bewegungen der Gläubigen erwecken den Anschein von modernem Tanz. Arme werden in die Luft, Oberkörper nach hinten geworfen. Hände schlagen rhythmisch auf die Brust oder zeichnen unsichtbare Linien in die Luft. In einigen Einstellungen, wenn die kreisartigen Tanzbewegungen in Aufsicht gezeigt werden, erinnert der Film gar an die surrealen Musical-Phantasien Busby Berkleys.

Thomas Heil

THE TESTAMENT OF ANN LEE , Regie: Mona Fastvold, Darsteller_innen: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Thomasin McKenzie, Matthew Beard, Christopher Abbott, Tim Blake Nelson u.v.a.

Termine auf der 76. Berlinale
Freitag, 20.02., 14:30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele
Samstag, 21.02., 09:45 Uhr, Uber Eats Music Hall
Sonntag, 22.2., 15:30 Uhr, Uber Eats Music Hall

THE TESTAMENT OF ANN LEE läuft ab 12. März im Kino.