HAMNET von Chloé Zhao – Kritik #1


Jessie Buckley als Agnes und Paul Mescal als William Shakespeare in Chloé Zhaos HAMNET, einem Focus Features Release; Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Jessie Buckley als Agnes und Paul Mescal als William Shakespeare in Chloé Zhaos HAMNET, einem Focus Features Release; Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC.

Viel Tränendrüse, wenig Substanz

Der Shakespeare-Hype hält an, auch mehr als 400 Jahre nach seinem Tod. Die Stücke bleiben als zeitlose Klassiker – oder queere Neuauflagen wie jüngst „Born With Teeth“ mit Ncuti Gatwa und Edward Bluemel am Londoner Westend – im ständigen Theaterrepertoire, Taylor Swift singt über Ophelia und wird hoffentlich dadurch ein paar Swifties zur Hamletlektüre bewegen. Und alle paar Jahre gibt’s eben auch ein popkulturelles Werk, das, natürlich fiktionalisiert, dem Mysterium Shakespeare an sich nachspürt, über dessen Leben nur so wenig bekannt ist. Dass er drei Kinder hatte und eines davon früh starb, gilt jedoch als gesichert – und das ist die Geschichte, die Maggie O’Farrells Roman HAMNET von 2020 und nun Chloé Zhao mit ihrer filmischen Adaption aufgreifen.

Im Roman und Film lassen sich Shakespeares Werke vor allem biografisch lesen: Der Tod des Sohns HAMNET und die Trauer darüber verarbeitet Shakespeare angeblich in seiner Rachetragödie „Hamlet“. Und darum geht’s dann auch. Ausschließlich.

Wem schon diese Synopsis zu einfach und eindimensional ist (auch und gerade aufgrund der Vielschichtigkeit von „Hamlet“), der wird auch mit dem Film nicht glücklich werden. Mit einem Faible für historische Authentizität (die in sicherlich zehn Kamerazooms auf dreckige Fingernägel gipfelt – we get it! Die Leute hatten keine Dusche!) und einem auf die Tränendrüse-drückenden Max-Richter-Score, entfaltet sich HAMNET als vorhersehbares Melodram mit der dramaturgischen Finesse eines Insta-Reels. Alles wird kurz angerissen, andeutungsweise behauptet, in-yer-face ausgesprochen und soll sofort geglaubt werden. Und dann geht’s auch schnell weiter. Schließlich müssen sich Shakespeare und seine Agnes ja verlieben, die Kinder müssen ruck zuck 11 beziehungsweise 13 werden und Shakespeares Karriere im Hintergrund von 0 auf den Zenit hochschnellen, damit das Familienunglück passieren kann (eben hat Will noch keinen Handschuh nähen können, schon ist er Londons führender Dramatiker und zudem Mitbesitzer des Globe Theatres). Entscheidende dramatische Momente erscheinen dadurch wie mit dem Holzhammer inszeniert. William und Agnes sehen und verlieben sich entsprechend in genau einer Minute, später sehen wir ihn in Windeseile die Balkonszene aus „Romeo und Julia“ hinkritzeln. Schwupps, ist Julia, äh Agnes, auch schon schwanger und Shakespeare darf einmal eine zweiminütige Schaffenskrise erleben. Aber dann fix nach London. Und so weiter.

Man könnte argumentieren, dass Shakespeares Schaffen in HAMNET ja nur der Backdrop zu einer fiktionalen Familientragödie des 16. und 17. Jahrhunderts ist, aber der Film lebt von seinen vielen Referenzen, wäre ohne sie nicht denkbar. Auch als komplementäre Shakespeare-Biografie oder feministische Gegenerzählung zum Geniebegriff taugt HAMNET wenig: Ja, Agnes ist eine überaus starke Frauenfigur und in den Momenten der Geburt allein oder nur von anderen Frauen umgeben; bei Hamnets Tod ist Shakespeare abwesend. Und klar, dieses Entfremdungsthema zwischen den Eheleuten macht der Film mit auf. Aber nur, damit Agnes am Ende verstehen darf, dass ihr Mann trotzdem genauso viel wie sie getrauert hat, nur halt beim Schreiben von „Hamlet“, während sie die zwei Kinder und die Trauer auf dem Land allein wuppte.
Wenn wenigstens der Cast es rausholen wurde, der von der internationalen Filmkritik so hochgejazzt wurde. Aber Paul Mescal kauft man weder die Zerrissenheit zwischen Karriere und Familie noch sein Vatertrauma ab. Ganz schlimm sind die Momente, die ihn als kreatives Genie zeigen sollen, suizidal-seelenloses „To-be-or-not-to-be“ an der verdreckten Themse inklusive. Einzig Jessie Buckley spielt großartig, verkörpert glaubhaft Naturverbundenheit, Stolz, Leidenschaft und vor allem Trauer. Und auch ihr Alleinstellungsmerkmal, das wunderbare spöttisch-süffisante Lächeln im Mundwinkel, darf nicht fehlen. (Da die Handlung so spannungsarm und gleichsam erbarmungslos vorangetrieben wird, fehlt aber auch ihrer Performance das Existentielle, das zum Beispiel andere Oscarkandidat*innen in diesem Jahr an den Tag legten, darunter Rose Byrne – dazu hat sicherlich unserer Oscarflüsterer Thomas Heil bestimmt in seiner Kritik auch etwas zu sagen).

Klar, man kann immer wieder versuchen, dem mysteriösen Genie oder den biografischen Geschichten nachzuspüren, die den Mythos Shakespeare groß machen. Aber dann sollte wenigstens ein neuer, spannender Gedanke zu Werk oder Autor dabei sein. In HAMNET findet er sich jedenfalls nicht.