„Not in my backyard“ von Matthias Bittner


Filmemacher Matthias Bittner erzählt ausschließlich aus der Sicht der entlassenen Sexualstraftäter., Foto: achtung berlin

Filmemacher Matthias Bittner erzählt ausschließlich aus der Sicht der entlassenen Sexualstraftäter., Foto: achtung berlin

Gesellschaftliche Isolation


„Ich weiss selbst nicht, wie ich reagieren würde, wenn ein entlassener Sexualstraftäter im Haus nebenan einziehen würde. Jedoch halte ich die weitverbreitete Meinung ´Wer ein Verbrechen gegen ein Kind begeht, hat sein Recht auf die Gesellschaft verwirkt´ für extrem gefährlich, denn wer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, ist nur schwer von ihr zu kontrollieren.“ Man kann von der Position des Ludwigsburger Filmstudenten Matthias Bittner halten was man will, sein Film „Not in my backyard“ wartet mit einigen sehenswerten Bildern und Geschichten von Männern auf, die für das Verbrechen des Missbrauchs allem was auch nur nach öffentlichem Leben aussieht, fern bleiben müssen.

Ein NIMBY kann in den Vereinigten Staaten vieles sein: ein Atom-oder Windkraftwerk, eine Fabrik, ethnische Minderheiten, Gewalt- oder Sexualstraftäter. Amerikanische Politiker greifen diese Nimbys regelmäßig in ihrer Wahlkampfrhetorik auf und verwandeln sie in NIMDs (Not in my district), NIMEYs (Not in my election year) oder WIIFMs (What’s in it for me?). Das Ganze gewinnt aus einer europäischen Perspektive nicht selten realsatirische Züge, aber die markigen Rhetorikblasen, die in regelmäßigen Abständen von US-Politikern abgesondert werden, betreffen wirkliche Menschen. Einer von ihnen ist Teofilo. In der ersten Sequenz begleitet man den Latino mittleren Alters unter eine Highwaybrücke. Direkt unter dem Asphalt, wo es am lautesten und wärmsten ist, reiht sich ein Zelt an das nächste. Der Weg der Kamera führt in das Zelt von Teofilo, wo er sich vor einem kleinem Handspiegel rasiert. Er erklärt dem Kameramann kurz seine Habe: da die Pullover, dort die Fünf-Minuten-Terrine mit Hühnchengeschmack und ein Radio gibt es auch noch.

Teofilo ist ein „Sex Offender“, also Sexualstraftäter, dem per Gerichtsentschluss jede Nähe zu Schulen, Sportstadien, öffentlichen Parks – also jedem Ort untersagt wurde, an denen sich potentiell Kinder aufhalten können. Nur 305 Meter darf er sich einer Schulbushaltestelle nähern. Da bleibt nur die Obdachlosigkeit und die gesellschaftliche Isolation. Die über GPS ortbare Fußfessel überwacht ihn rund um die Uhr und geht, weil Technik nun einmal fehlerhaft ist, in den ungünstigsten Momenten los. Zum Beispiel kurz vor einem Bewerbungsgespräch oder Mitten in der Nacht auf einem Parkplatz im Nirgendwo. Seine Tat liegt gut 20 Jahre zurück. Betrunken berührte er seine Cousine im Intimbereich. Das mag ekelhaft und von Grund auf falsch sein, die an Apartheid erinnernde Ausgrenzung, die er durchlebt, ist für europäische Maßstäbe aber grotesk überzogen. Zu dem ist ein „Sex Offender“ eben nicht ein Synonym für einen Kinderschänder. Als solcher gilt man nämlich ebenso, wenn man mit juristisch noch nicht Volljährigen schläft. „Sie hat gesagt, sie ist 19“, antwortet Elliott, ein weiterer „Offender“ in einem der Interviews, die Matthias Bittner über den ganzen Film hinweg einstreut. Immerhin hat Elliott ein Dach über den Kopf. Selbstredend wissen seine Nachbarn dank des entsprechenden Internetportals der Polizei Bescheid.

Bittner beweist Gespür und Respekt, denn stets wahrt er die notwendige Distanz zu seinen Protagonisten, die so gar nicht den gängigen Klischees entsprechen wollen. Es geht ihm nicht um die Verharmlosung des Kindesmissbrauchs, sondern darum, ob mit den von ihm dokumentierten juristischen Maßnahmen weitere Verbrechen verhindert werden können.  Allgemeine Übersexualisierung geht zu gut Hand in Hand mit dem sexuell aufgeladenen sadistischen Wunsch nach dem autoritären, sowohl disziplinierenden wie auch strafenden Staat. Dieser scheint dem Rachebedürfnis seines Volkes nur zuvorzukommen, damit Teofilo und Eliott nicht als „strange fruit“ enden. Ein NIMBY ist stets eine Kollektivprojektion, die sich als soziale Bewegung verkleidet. Dabei sollte selbst ein verurteilter Straftäter erwarten können, dass er mit Würde behandelt wird.

Bittners Streifen ist aus zweierlei Gründen sehenswert. Zum einen begibt er sich in die Perspektive der „Sex Offender“ und portraitiert dadurch erschreckend normale Menschen. Zum anderen weißt er dadurch nach, wie unglaublich bigott, heuchlerisch und verdrängend die „normalen“ Menschen damit umgehen.

Joris J.

23. April 2012 | In achtung berlin

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