„The Invisible String“ von Jan Bäss


Eine Scheibe aus Plastik erobert die Welt. Foto: achtung berlin

Eine Scheibe aus Plastik erobert die Welt. Foto: achtung berlin

Die Welt ist eine Scheibe

Am Beginn einer erfolgreichen Geschichte steht oft ein prägendes Ereignis, von dem im Nachhinein alle gewusst haben wollen, dass es genau das war, das den Erfolg dieser Sache ausgelöst hat. Selbsterfüllende Prophezeiung im Rückwärtsgang sozusagen. Oder auch ein Stück von einem Kuchen, den ein anderer gebacken hat. Bei erfolgreichen Filmen kommt das oft vor. Im Sport vielleicht noch öfter. Die Bayern etwa – das wissen jetzt zahlreiche Leitmedien – mussten am 25. April 2011 ganz einfach gegen Madrid in der Champions League gewinnen, weil etwa, wie Oliver Fritsch auf „Zeit Online“ erklärt, „Bayern hat, was Dortmund fehlt“.

Kuchen für andere gebacken, das hat auch William Russel Frisbie in Connecticut (USA). Seine Kuchen, die er Ende des 19. Jahrhunderts auf runden Tellern auslieferte, waren ein Erfolgsschlager und die Teller, das ist der eigentliche Witz der Geschichte, später noch viel wesentlicher für eine Sportart, die Mitte des letzten Jahrhunderts ganz Nordamerika zu faszinieren begann: Frisbee. Regisseur Jan Bäss, selbst leidenschaftlicher Frisbeespieler und deutscher Disc-Golf-Meister von 2008, hat der Erfolgsgeschichte dieser Sportart mit seiner Dokumentation „The Invisible String“ nun ein Denkmal gesetzt. Und er begeht glücklicherweise nicht den Fehler, zu wissen, warum diese Sportart, die in Deutschland für die meisten noch immer reine Freizeitbeschäftigung ist, weltweit Begeisterungsstürme auslöste.

The Invisible String“ ist eine Liebeserklärung an einen Sport, den der Regisseur selbst leidenschaftlich betreibt. Und wie ginge das ohne seine Idole und die Menschen, deren Enthusiasmus aus einem einfachen Hin- und Herwerfen einer Scheibe zahlreiche Disziplinen und eine weltweit erfolgreiche Sportart einwickelten? Nachdem sich Bäss relativ kurz mit den Anfängen des Sports auseinandersetzt, dem eigentlichen Kuchenblech, trifft man im Film schnell auf zahlreiche Wegbereiter wie „Steady Ed“ Headrick (dem Begründer des Disc Golf), Dan „Stork“ Roddick oder John „Friz Whiz“ Kirkland, die entweder vorgestellt werden oder selbst zu Wort kommen.

Das passiert zum Teil mit einer Rasanz, die für Nichteingeweihte hin und wieder gewöhnungsbedürftig ist. Trotzdem ist „The Invisible String“ in keinem Moment langweilig. Denn was Jan Bäss den Geschichten der Spieler entlockt, lässt sich auf zwei Begriffe herunterbrechen: unbedingte Hingabe und Liebe zum Sport. Und nicht zu ihrer Vermarktung, die wesensgemäß einen großen Anteil am Erfolg einer Sache hat. Gerade in den 1970er Jahren, als sich die Disziplin Ultimate Frisbee zu einem Massensport entwickelte, wurde Frisbee mit einem starken Lebensgefühl von Ungezwungenheit assoziiert. Dass die 80er Jahre, wie es in vielen anderen Sportarten üblich war, im Zeichen der Vereinnahmung durch die Sportindustrie und Lifestyle-Marken standen, lässt die Dokumentation ebenso wenig aus. Es ist dennoch die Passion, die bei „The Invisible String“ im Vordergrund steht. Jan Bäss feiert vor allem eine Sportart, die ebenso Kunstform und Lifestyle ist. Dass sich die Community dabei ziemlich oft selbst feiert, gehört dann irgendwie auch dazu – und sieht in diesem Fall einnehmend elegant aus.

Martin Daßinnies

26. April 2012 | In achtung berlin

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