Zwischen Tradition und VR – das Animafest Zagreb



Die glänzenden Ausnahmen ganz subjektiver Art sind dann „Sugar Lump“ von Ryo Okawara und „The Long Holiday“ von Caroline Nugues-Bourchat. „Sugar Lump“ ist die Katastrophe des Alltags in Miniatur: Ein brennendes Haus, in dem ein Junge den Zucker im Kaffee verweigert und missverstanden wird, während ein Feuermann immer wieder losrennt, das Feuer zu löschen, sich aber doch erneut hinlegt und weiter gespannt einem Panda zuschaut, der dank seines humanoiden Verhaltens eine Fernsehsensation geworden ist. „The Long Holiday“ verwandelt das Konventionelle in etwas Wertvolles und Rührendes: Eine Familie bezieht einen Wohnwagen am Meer, für die Tochter wird Urlaub gespielt und eine Geschichte von der hässlichen Meerjungfrau Elsa erfunden, die so schrecklich singt, dass sie keine Seemänner zum Kentern zu bringen vermag, aber doch eine andere Bestimmung findet.

Sein volles Potential entwickelte der Animated Short in Zagreb verstärkt in der visuellen und/oder gedanklichen Abstraktion. So erzählt Marie-Hélène Turcotte in „Red of the Yew Tree“ von der Kindheit und Adoleszenz eines Mädchens. Die Wahl ihrer Mittel ist außergewöhnlich, weil sie das Unsichtbare in das Sichtbare integriert: Die skizzenhafte 2D-Animation ist immer nur Teil des Bildes – oft verschwindet eine Figur im Weiß einer Wiese oder eines Meeres, oft tauchen Charaktere aus einer Menschenmenge aus weißem Hintergrund auf. Dabei thematisiert Turcotte nicht nur das Erwachsenwerden, sondern veranschaulicht den Prozess des kollektiven, bruchstückhaften Erinnerns, mit klarem Blick für die diffizile Position der weiblichen Perspektive. Und ganz nebenbei geht es um die Flüchtigkeit der Kunst.

Die Kunst, der Künstler: Haiyang Wang stellt mit seinem Film „Wall Dust“ die These auf: die Animation darf alles. Wer Fischli und Weiß und ihren Film „Der Lauf der Dinge“ kennt, in dem eine große Apparatur Kettenreaktionen mit Flammen, Schaum, Wasser, Farbe und vielem anderen mehr erzeugt, der wird „Wall Dust“ als seinen Seelenverwandten begreifen – aus einem Granatapfel fallen kleine Menschen, die sich wie Embryonen zusammengerollt haben, sie laufen los und werden zu anderen Figuren, sie gebären große Eier; alles ist ein immerwährender Kreislauf vermeintlich disparater Figuren und Gegenstände.

Das Kurzfilmprogramm ist jedenfalls gewiss nicht artsyfartsy im sich-verweigernden Sinne – sondern bietet einfach diverse Räume der potentiellen Überforderung, das einfache nette Filmchen im Disneylook sucht man jedenfalls tatsächlich vergeblich. Doch es bleibt gewiss nicht dort stehen, wo es einst begonnen hat. Denn auch das Animafest Zagreb macht sich jenseits des klassischen Kurz – und Langfilmprogramms, Themenreihen zu „Animation in the Raw“ und Retrospektiven zu weiteren Ufern auf. Eine absolute Entdeckung: Vatroslav Mimica, in dessen Werk Maßstab und Verhältnis nachdenklich und lustig zugleich diskutiert werden.

Seite: 1 2 3

15. Juni 2016 | In Allgemein

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,