60. DOK: Georgische Zerrissenheit und animierter Ausnahmezustand



Die Rolle des Außenseiters als Reflexion aktueller Umstände und Zustände, sie ist auch das Thema von „When the Earth Seems to Be Light“ (Regie: Salome Machaidze, Tamuna Karumidze, David Meshki; 2015), der eine Gruppe von jungen Skater-Freunden begleitet. Dabei wird die fast romantische auch geografische Entrücktheit der Gruppe in den Ruinen der Vorstadt mit der aggressiven und lauten Härte der Hauptstadt Tiflis kontrastiert – immer wieder taucht Footage auf, das orthodoxe Priester und prügelnde Männer zeigt, die entweder gegen die LGBT-Bewegung hetzen oder gewaltsam gegen sie vorgehen.
Die Gruppe zieht sich aus diesem offiziellen Stadtbild zurück in eine eigene, von Zuneigung geprägte Welt, aber manchmal stört sie auch flüchtig, wenn sie mit langen flatternden Haaren und Metal-T-Shirts mit ihren Boards durch die Passantenströme fährt. Die Kamera nimmt dabei die jungen Männer ganz behutsam und zärtlich auf – eine Geste, die die Protagonisten ihrerseits mit großer Offenheit und Ernsthaftigkeit beantworten, und das obwohl das Regietrio die jungen Erwachsenen in klassischer Doku-Manier relativ konventionelle Dinge fragt. Dabei wechseln sich die Resignation eines Schulabbrechers „I could get two diplomas and still be a cab driver“ – „We are not a nation that appreciates anything new“ und durch die Tristesse der Perspektivlosigkeit befeuerte Imagination und Freiheit ab „It’s a magical city (…) I love not what it is, but what it isn’t (…) everybody is free here“.

Der Außenseiter als Schlüsselfigur spielte auch im Deutschen und Internationalen Wettbewerb eine vitale Rolle. So schilderte „Dina“ (Regie: Daniel Sickles, Antonio Santini; USA 2017) die Liebesgeschichte eines Pärchens mit Asperger-Syndrom, vom Zusammenziehen bis nach der Hochzeit. Im Grunde folgte der Plot damit einem klassischen, man könnte auch böse sagen: normalisierendem Muster, doch Dina und Scott sind mitnichten einfach nur statische Repräsentanten einer Entwicklungsstörung und können fast alle aufkommenden kitschigverklebten Momente gleich wieder schonungslos zerlegen – vom Streit mit der eigenen Mutter, die der geliebten Tochter über die Zunge fährt („Maybe you’re talking too much about yourself“) bis hin zu Gesprächen über das nicht stattfindende Sexleben der beiden („I can work on it“).

André Krummels "Nach der Zukunft" bleibt ganz nah an seinem Protagonisten. (c) Filmakademie Baden-Würtemberg

André Krummels „Nach der Zukunft“ bleibt ganz nah an seinem Protagonisten. (c) Filmakademie Baden-Würtemberg

André Krummel, Student an der Filmakademie Baden-Württemberg, präsentierte mit „Nach der Zukunft“ im Deutschen Wettbewerb eine ganz andere Form des Anders-Seins und Anders-Sein-Wollens und wurde dafür mit einer lobenden Erwähnung bedacht. Ortwin Passon schreibt seine Doktorarbeit über Barebacking, das seit der Aids-Epidemie die umstrittene Praxis des ungeschützten Sexualverkehrs meint. Passon, selbst ein bekennender Barebacker, der zusammen mit Gleichgesinnten regelmäßig an entsprechenden Partys teilnimmt, liefert zu keinem Zeitpunkt des Films so etwas wie eine Bekenntnis oder eine Erklärung für seine Neigung zum Barebacking. Stattdessen zeichnet Krummels Film die Interessen und Rituale seines Protagonisten nach, der seinen Partner 1995 an Aids verloren hat („Er war eine geile Sau und mein Traumprinz“) und selbst HIV-positiv ist. Dabei zeigt er, wie sich Passon in seinem Sexleben und darüber hinaus so rigorose Kontrollsysteme eingebaut hat, dass er viele Emotionen von sich abschirmt – nur die Lust wird gepflegt und mit Drogen gepusht. Der „Normalisierung der schwulen Welt“ entgegen wirken, das „Diktat der Prävention“ durchbrechen – diese Grundsätze scheint er als einsame und harte Haltung zu leben. Durch die achtsame Inszenierung gelingt „Nach der Zukunft“ damit ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um Sexualmoral und Perversion, also um das Narrativ der Normalität.

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20. November 2017 | In Allgemein

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