Bliese: „Ich habe für diesen Film überhaupt nicht recherchiert. Oder, wenn man so will, mein ganzes Leben.“


Der Film konzentriert sich im Wesentlichen auf einen Schauplatz und auf vier Darsteller. An sich liegt die Kraft des Filmes in der Reduktion. War das eine bewusste Entscheidung, die von Anfang an feststand?
Ja. Ich hatte während des Kurzfilms gemerkt, wie reizvoll ich es finde, mir selbst diese Beschränkung aufzuerlegen, den Film so weit wie möglich vor der Haustür stattfinden zu lassen und mich im Wesentlichen auf die Hauptfiguren zu beschränken. Weil ich mich damit zwinge, ganz genau hinzuschauen und das Spektakuläre eher im Kleinen zu entdecken. Mich interessieren an einer Trennungsgeschichte am meisten die Details, nicht die „großen Ereignisse“, die sich doch immer wieder ähneln. Was immer anders und individuell ist, sind die Tonfälle und Blicke, die absurden Sätze, die jemand sagt, das unerwartete Lachen im falschen Moment, das Kind, das plötzlich mit einer Star Wars Maske vorbeirast… Ich wollte mich auf einen Ort konzentrieren, der sonst eher ein Durchgangsort ist und ihn zum Zentrum machen. Das gilt übrigens auch für den Wohnungsflur, in dem zwei Szenen spielen: Das ist ein Ort, der eigentlich nicht zum Bleiben gemacht ist, sondern nur zum Durchgehen. Ich finde es interessant zu schauen, was passiert, wenn man da einfach mal bleibt. Ob man einen neuen Blick auf die Dinge bekommt, wenn man sie vom Rand aus betrachtet.

Und wie verhält es sich für die alineare Erzählform, die dem Film seine Dynamik gibt? Meiner Meinung nach lässt sich durch die Form ein Auf-und-Ab der Gefühle nachvollziehen.
Mir ging es eher darum, keine lineare Deutung dieser Trennungsgeschichte vorzugeben, sondern Puzzlestücke zu liefern, aus denen sich jeder Zuschauer seine eigene Version zusammenbauen kann. Anders hätte ich von einer Trennung nicht erzählen können. Wenn ich eines über Trennungen weiß, dann wirklich, dass jeder seine ganz eigene „wahre“ Geschichte erlebt hat, und die sind alle gleich gültig. Das macht es ja so schwer, sich zu verständigen. Meine Erzählweise folgt eher der Logik von Erinnerungen: Wir erinnern uns an bestimmte Momente, ohne genau zu wissen, warum ausgerechnet an diesen und ohne sofort sagen zu können, ob dieses Ereignis jetzt die Ursache für ein anderes war oder doch eher umgekehrt. Ich wollte nicht in die Falle tappen, „den Grund“ für die Trennung zu suchen. Weil es diesen einen Grund nach meistens nicht gibt. Es sind viele kleine Dinge, die gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Wie schwierig war es die Darsteller für den Film auszuwählen?
Mir war von Anfang an klar, dass ich mit Theaterschauspielern arbeiten möchte. Ich hatte irrsinnig lange Szenen geschrieben, die längste war 18 Seiten lang, und ich wusste, dass ich in langen Bögen drehen will. Ich wollte mit Darstellern arbeiten, die diese Arbeitsweise gewohnt  und in der Lage sind, sehr präzise mit Text zu arbeiten, auch über längere Strecken hinweg. In meinem Film wird unheimlich viel geredet und die Dialoge sind, auch wenn sie alltagsnah scheinen, sehr stark pointiert und gestaltet. Das kann man nicht einfach so wegsprechen, das muss man planen – und dann wieder vergessen. Außerdem, das klingt jetzt vielleicht etwas merkwürdig, wollte ich unbedingt Schauspieler haben, die „einfach dastehen“ können. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Mein Film spielt ja zum größten Teil vor der Tür, was für Schauspieler eigentlich eine Katastrophe ist, weil es kaum Requisiten gibt, an denen man sich festhalten kann. Es gibt keinen Türrahmen, in den man sich lehnen, keine Kaffeetasse, aus der man trinken kann. Das ist wirklich Schauspiel für Fortgeschrittene, weil man den ganzen Halt aus sich selbst nehmen muss. Birte Schnöink und Ole Lagerpusch kannte ich beide aus dem Theater und wusste, dass sie toll sind, ich musste nur noch herausfinden, was für ein Paar sie abgeben würden. Als ich sie beim Casting zusammen gesehen habe, war mir klar, dass das ein sehr spezielles Paar wird, das mich persönlich total interessierte.

Wie war die Arbeit mit einem Kinderdarsteller?
Gar nicht so viel anders als mit den Erwachsenen. Nur, dass ich als Regisseurin noch konkreter und einfacher sein muss und noch weniger Unsinn reden darf. Deswegen hatte ich immer großen Respekt vor den Drehtagen mit dem Kind. Einem Kind sollte man besser nur eine Anweisung auf einmal geben, alles andere verwirrt. Deshalb muss es gleich die richtige sein. Und es kann sinnvoller sein, ihm einen Ball in die Hand zu drücken, als über Gefühle zu reden.
Justus Fischer hatte vorher noch nie gespielt und hat mich wirklich umgehauen. Ich wollte ein stilles, nachdenkliches Kind erzählen, und Justus hat diesen tollen Ernst, den ich für ein Kind ungewöhnlich finde. Gleichzeitig hat er aber unglaubliche Entertainer-Qualitäten und kann aus ganzem Herzen einen Schlager schmettern und sich total daran freuen. Diese Bandbreite finde ich bei ihm faszinierend.

Seite: 1 2 3


Schlagwörter: , , , , , , ,