Delicatessen – Das Berliner Tischgespräch im April 2011


Konkurrenz unter den Berliner Festivals

Delicatessen Runde

Delicatessen Runde

Nord: Gibt es eine große Konkurrenz unter den Festivals? Ich sehe immer, wie viele Anfragen für eine Berichterstattung kommen. Gerade im April gibt es viele, auch wenn sie inhaltlich sehr verschieden sind: In-Edit, Türkische Filmwoche.
Kahl: FilmPolska.
Nord: Wie behauptet man sich da? Wie bekommt man Publikum?
Schäfer: Da muss man die anderen fragen. Ich bin da mittlerweile sehr selbstbewusst. Wir sind im April so etwas wie ein Platzhirsch. Trotzdem ist es ein Problem. Wir versuchen das über das Netzwerk der Berliner Filmfestivals, das wir gegründet haben, ein wenig zu bereinigen. Es gibt immer wieder Organisatoren von Festivals die auftauchen und verschwinden. Diesmal waren sie plötzlich wieder da. Es ist im Grunde aber ein Problem, weniger vom Publikum her, als von der Berichterstattung. Die Leute, die auf Festivals gehen, die stört es nicht so, in welchen Film sie gehen. Aber diese Leute sterben aus. Die Neugierigen, die testen und schauen, was noch nicht überall gelaufen ist.
Kahl: Aber das ist auch der Sinn eines Festivals, dass man eine Vorauswahl bekommt, etwas was der Festivalleiter auswählt. Neben der Berlinale und achtung berlin finde ich Around the World in 14 Films sehr interessant. Dort läuft jeden Tag ein Film aus einem anderen Festival eines anderen Landes. Der Organisator, Bernhard Karl, ist in der Welt rumgefahren und hat die ausgesucht. Da gehe ich immer hin, denn in Venedig bin ich nun mal nicht.
Veiel: Aber trotzdem ist die Szene ja schon voll. Ist das mittlerweile schon ein Wettbewerbsfestival geworden?

Nord: Es gibt diesen undotierten Preis vom Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart. Was ich interessant finde ist, dass so ein Festival Filme aus Cannes und Venedig zeigt, die hier nicht ins Kino kommen und die nur im Rahmen von einem Festival funktionieren. Viele die im Kino starten, gehen einfach unter. Liegt es daran, dass zu viele Filme anlaufen und die Festivals noch dazu kommen?
Schäfer: Festivals haben heute eine ganz andere Legitimierung und Aufgabe. Sie zeigen oft Filme, die letztlich keinen Verleih finden. Umso wichtiger ist es, dass es die Festivals gibt. Am Anfang bin ich oft gefragt worden, warum es eigentlich so viele Festivals gibt. Weil es erst einmal es so viele Filme gibt und der Verleih vorsichtiger geworden ist. Umso wichtiger ist, dass es wenigstens einmal im Jahr etwas für Leute gibt, die diese Filme sehen wollen.
Veiel: Ich weiß nicht ob es 2006 war, da wart ihr gerade im zweiten Jahr. Aber so wie ich das mitbekommen habe, wart ihr am Anfang gut besucht und am Ende war es wieder richtig voll, während in der Mitte eher Filmemacher, Familie und Freunde da waren.

Hajo Schäfer

Hajo Schäfer

Schäfer: 2007 hatten wir erstmals mehr normales Publikum als Fachbesucher. Seitdem kamen in jedem Jahr 20 bis 25 Prozent mehr Zuschauer. Auch in den Krisenjahren, wo diese gefühlt Armut zurückgekehrt ist. Wir drehen jedes Jahr an einem anderen Rad. Haben mehr Plakate gedruckt oder die Promotion verändert. (Zu Nord) Zu deiner Frage: Ich kann den Festivals nur empfehlen sich von einer Presseagentur betreuen zu lassen. Die meisten Festivals machen das nach wie vor selbst. Eine gute PR-Agentur hat die entsprechenden Kontakte zu den Journalisten. 2007 hat unsere noch den Deutschen Filmpreis betreut. Das war für die ein Abwasch. Natürlich wollten alle etwas über den Deutschen Filmpreis wissen – und wir haben quasi als Nachschlag immer noch etwas von achtung berlin dazu gehauen. (alle lachen) Für die Größe unseres Festivals können wir wirklich zufrieden sein mit der Menge, die geschrieben wird. Wir spüren den Zusammenhang: „Lychener Straße“ war in der taz mit einem großen Artikel und das Kino war voll. Das ist ganz einfach.
Kahl: Aber das war auch das Thema, die letzten unsanierten Häuser im Prenzlauer Berg. Da kamen die zusammen, die nicht mehr im Prenzlauer Berg leben. Dicke Luft und so eine Art Stuttgart 21 mit Lokalkolorit. Aber warum laufen Filme wie die bei „Around The World in 14 Films“ nicht im Kino? Es gibt nicht genügend gute Filme im Kino. Und warum kommen manche ins Kino und andere nicht? Das hat mit den Verleihern und Förderstrukturen zu tun. Da kommen Filme ins Kino, weil Fördervorgaben erfüllt werden müssen. Das führt dazu, dass viele interessante, zum Beispiel auch viele amerikanische Independentfilme, nicht ins deutsche Kino kommen.
Veiel: Ich finde eher die Frage interessant, wie du als Verleiher einen Film positionierst, der gleichzeitig mit 15 anderen startet? Das geht mir als Kinogänger auch so. Früher habe ich tip oder Zitty gelesen und wusste, dass da einer dabei ist. Bei 15 Kritiken lese ich aber nicht mehr jede.

Im zweiten Teil des Tischgespräches geht es um den Einfluss von Filmkritik , den Deutschen Filmpreis undum Veiels Berlinale-Film „Wer wenn nicht wir„.

Redaktion: Martin Daßinnies und Denis Demmerle
Fotos: Andreas Sohn

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14. April 2011 | In achtung berlin

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