"Kritik gehört zum Job"


Dieter Kosslick, Foto: Berlinale

Dieter Kosslick, Foto: Berlinale

Berlin steuert allmählich dem größten Spektakel des Jahres entgegen. Die 62. Berlinale wird in diesem Jahr 400 Filme in sechs Sektionen und zahlreichen Sonderreihen präsentieren. Für Dieter Kosslick (63), mittlerweile im elften Jahr Leiter der Festspiele, beginnt darüber hinaus eine weitere Amtszeit. Wir haben uns mit populären Festivaldirektor über die diejährigen Schwerpunkte des Festivals, seine verlängerte Dienstzeit und die Rolle des Kinos als sozialen Raum unterhalten.

Herr Kosslick, im Wettbewerb der 62. Berlinale finden sich mit Christian Petzold, Matthias Glasner und Hans-Christian Schmid drei Stammgäste der hiesigen Festspiele. Welche Rolle spielt der deutsche Film im internationalen Arthouse Kino?
Deutsche Filmemacher haben sich etabliert und gewinnen seit Jahren internationale Preise. Nicht nur bei der Berlinale, auch andere Festivals zeichnen Filmemacher wie Fatih Akin, Andreas Dresen oder Tom Tykwer aus. Christian Petzold, Matthias Glasner und Hans-Christian Schmid haben schon früh ihre Filme bei der Berlinale gezeigt, als sie noch zum filmischen Nachwuchs gehörten. Dass wir sie jetzt alle drei mit ihren neuen Werke im Wettbewerb haben, bestätigt ganz wunderbar die Philosophie unseres Festivals: Neuentdeckungen zu machen und deren Werk zu begleiten.

Wohin bewegt sich das internationale Arthouse-Kino? Gibt es Trends, die sich im aktuellen Berlinale-Programm erkennen lassen?
Es gibt zwei Tendenzen: Dokumentarische Themen nehmen Einfluss auf fiktionale Filme. Manche Spielfilme wirken wie Dokumentarfilme und umgekehrt. Das zeigt sich zum Beispiel im Panorama am Spielfilm „Diaz- Don’t clean up this blood“ über den G8 Gipfel in Genua. Und das Experimentieren mit Genres läßt sich beobachten. Die Filmemacher haben Lust eigene Variationen von Genrefilmen zu machen. Auch der Wettbewerbsfilm „Dictado“ spielt mit Genrekonventionen des Psychothrillers.

Im letzten Jahr spielte die Finanzkrise auch auf der Leinwand eine Rolle. Erinnert sei u.a. an „Margin Call„, der Ende 2011 auch den Weg in die Kinos fand. Wie wirkt die Krise auf die Filmkunst?
Wenn es Krisen im echten Leben gibt, dann ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis auch das Kino das Thema und die Folgen der entsprechenden Krise aufgreift. Das war bei „Margin Call“ der Fall. Übrigens: Der Regisseur J. C. Chandor wurde gerade zum besten Nachwuchsregisseur in den USA gewählt.

Zu den Themen, die die Berlinale-Filme aufgreifen: Rechtsextremismus und Migration sollen zentrale Rollen spielen. Was können Sie uns dazu sagen?
Persönliche und politische Umbrüche spielen eine Rolle, dabei sind auch Migration und Rechtsextremismus Themen. Viele auch dokumentarische Filme zeigen das Geschehen – z. B. des sogenannten „Arabischen Frühlings“ aus der Sicht der Betroffenen.

Welche Rolle spielen Filmfestivals? Heute und in Zukunft?
Filmfestivals sind eine Plattform für den Film, die Filmemacher, die Filmindustrie. Bei der Berlinale trifft sich die Filmbranche auf einem der drei größten Filmmärkte, das Publikum strömt ins Kino und kauft jedes Jahr knapp 300.000 Tickets. Wir haben so viele unterschiedliche Bereiche, dass es praktisch für jede Art von Film die richtige Plattform gibt. Und dann bekommt ein Film natürlich durch die Teilnahme an einem Festival die Aufmerksamkeit der anwesenden internationalen Presse. Aber Festivals müssen v. a. Lust auf’s Kino machen, egal für welche Berufsgruppe.

Seit diesem Jahr kooperiert die Berlinale auch mit dem New Yorker MoMA, wo im letzten Jahr die Filmreihe „Carte Blanche: Dieter Kosslick, der kulinarische Cineast“ zu sehen war. Werden Filmfestivals zu Museen für Film? Oder ziehen umgekehrt Filme in die Museen ein?
Es ist doch toll, wenn man Grenzen suchen und neue Formen der Präsentation ausprobieren kann. Wenn dann noch eine so renommierte Institution wie das MoMA an Bord ist, freut mich das sehr. Innovative Wege können auch den Blick erweitern: Unsere Initiative Forum Expanded zeigt, dass neue Wege innerhalb eines so traditionellen und großen Festivals wie der Berlinale sehr erfolgreich begangen werden können. Die Zusammenarbeit mit Galerien und Museen bringt völlig neue Dimensionen in das Festival und für die Filme.

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