Von diesem Blickwinkel aus


 "Herr der Fliegen"-Autor William Golding

"Herr der Fliegen"-Autor William Golding

Der Film als Medium muss sich, ob er nun will oder nicht, der von der Kamera selbst nicht zu beantwortenden Frage stellen, ob in der Welt eine Ordnung steckt oder nicht. Die Frage nach der Inszenierung und den zu inszenierenden Dokumenten überschneidet sich mit der Frage nach Zufall und Brauch. Wahrscheinlich stammen deshalb die schönsten Dokumentarfilme von Personen, die das Ansinnen besitzen, hässliche Menschen mit einer Überzeugung oder offenherzige Menschen mit Ungeduld aber Geschmack einen Rahmen und manchmal auch einen Plot zu geben. Vor allem aber ist es eine Frage der sozialen Verabredungen. In der Geschichte des Dokumentarfilms sind die Höhepunkte in der Regel mit sozialen Bewegungen verknüpft. Schließlich: Was nutzt mir ein wahrheitsgetreues Bild der Wirklichkeit, wenn ich nicht zur gleichen Zeit die Hoffnung hege, sie verändern zu können? James Benning, Robert J. Flaherty, Adam Curtis, Jean Grémillon und selbst Michael Moore – nicht denkbar ohne die Impulse aus der Gesellschaft, denn sie vergegenständlichen immer auch den Ausdruck von Auf- oder Abbruchstimmungen in ihrer jeweiligen Zeit und Gesellschaft. Unter dem Titel „Prozess und Gedächtnis der Künste“ präsentiert Doku.Arts vom 19. September bis zum 14.Oktober im Zeughauskino eine Werkschau von 30 Dokumentarfilmen.

Der klassische Dokumentarfilm ist eine Verlängerung aller Impulse, vom Leben zu wissen, Bewusstsein zu bilden: das Mikroskop, die Reise, die Landkarte, Enzyklopädie und Quellenstudium, Experiment und Debatte. Und nicht zuletzt ist der Dokumentarfilm eine Form von Geschichte und Erinnerung durch das Subjekt. Adam Lows „The Dreams of William Golding“ ist eine solche Verlängerung. Es hebt die Bedeutung des Romanciers William Golding hervor – einer von nur sechs englischen Schriftstellern die nach Ende des zweiten Weltkrieges den Nobelpreis für Literatur erhielten. Zu Wort kommen selbstredend auch Goldings nächste Verwandte: sein Sohn David und seine Tochter Judy. Beide üben zurückhaltend Kritik an den sicherlich nicht kleinen Dämonen ihres Vaters. Als 1954 sein erster und bekanntester Roman „Herr der Fliegen“ veröffentlicht wurde, war William Golding ein unbekannter Schuldirektor in Salisbury. Goldings Erzählung vom Zusammenbruch der Etikette und des Sozialen im Allgemeinen, seine Beschreibung einer traumhaft schönen Kulisse und alptraumhaft sadistischen Schülern kam, milde formuliert, unerwartet in einer vom Nachkriegs-Optimismus geprägten Zeit, die die Frage nach der Natur des Bösen gerne auf später verschoben hätte. Recht schnell avancierte das Buch zu einer Allegorie auf den nie stattfindenden dritten Weltkrieg – den kalten Krieg. Es hatte enormen Einfluss auf Schriftsteller wie Ian McEwan und Stephen King, der über die Bedeutung von Goldings Schaffen auf sein Werk im Film spricht. Dagegen hob Golding immer die Tatsache hervor, dass er seinen Erstling genaugenommen für schlecht geschrieben hielt, doch man muss kein Orakel sein, um zu erkennen, dass ohne den Erfolg von „Herr der Fliegen“ niemand Notiz von den nachfolgenden sprachlich ausgereifteren Werken wie etwa „Der Felsen des zweiten Todes“ genommen hätte.

In den Gesten gegen das Vergessen und in den Gesten des Widerstands hat das Dokumentarische im Kino die Epoche des digitalen Rausches überlebt. Je mehr den Bildern der Geschichte misstraut wurde, desto mehr konzentrierte man sich auf das Bild des Menschen als Täter und als Opfer. Unverzichtbar ist für das Genre nach wie vor die Technik der Rückprojektion. In Mark Lewis´ „Backstory“ kommen drei Generationen der Hansard Familie zu Wort, da sie entscheidend zur Entwicklung dieser Filmtechnik für Hollywood-Studios beigetragen haben. Die Familienmitglieder berichten vom Aufstieg der Firma Hansard Projection und von der Blütezeit des Verfahrens, als Rückprojektionen in Hollywood sehr gefragt waren, sowie von deren Niedergang und Verschwinden, als neue Technologien in den Vordergrund traten. Freimütig und humorvoll blickt die Familie auf ihre langjährigen Erfahrungen zurück. Ihr häufig wiederholtes Credo lautet zwar „Wir sind nur so gut wie die Hintergrundplatten“, doch der Zuschauer gerät in diesem bezaubernden Dokumentarfilm, der die Kamera auf die Kehrseite der Vorspiegelung richtet, rasch in den Bann ihrer Anekdoten.

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17. September 2012 | In DOKU.ARTS

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