Das Annecy Blog 2014


Annecy_Poster_2014Tag 1 – Tote Hasen und begeisterte Besucher

Die Hasen sind weiß, flauschig und ziemlich tot. Das Frankensteinmonster hat sich ihre Köpfe zur Verschönerung als Kette um den Hals gehängt. Das ist nicht nur im cineastischen Sinne eine ästhetisch-ethische Zumutung: Handelt es sich doch um das Maskottchen des Filmfestivals Annecy, das seit Jahren durch die Trailer des weltgrößten Animationsfilm-Festivals springt, hüpft, und zappelt. Und ein totes Maskottchen – ist das nicht am Ende ein böses Omen?

Das Publikum reagiert kühl auf den Trailer, keinerlei Reaktionen zum so eben stattgefundenen symbolischen Blutbad. Vielleicht haben sie einfach nur das Programm gut studiert und wissen, was auf sie zukommt, der erste Kurzfilmblock wartet nämlich mit einem ebenso monströsen Kurzfilm auf: In Robert Morgans „Invocation“ wird ein voyeuristischer Sadist das Opfer seiner eigenen Mittel: ein Fotograf bringt sein Motiv, einen Plüschbären, in die richtige Pose – dabei renkt er ihm fast die Gliedmaßen aus und sticht ihm in Voodoopuppen-Manier eine Nadel durchs Auge. Dabei verletzte er sich an der Nadel, ein Blutstropfen gerät in die Kamera und fängt an, zu einem fleischigen Bärenzombie zu wachsen, der am Ende des Films an seinem Peiniger ein grausames Exempel statuieren wird. „Invocation“ ist feinste Stop-Motion und funktioniert so gut, weil eine alte Urangst mit drastischen Bildern verfilmt wird: Was ist, wenn sich unsere Objekte gegen uns verschwören und selbst zu handelnden Akteuren werden?

Hier könnt ihr „Invocation“ komplett sehen…

Das Annecy-Publikum goutierte den außerordentlich makabren „Invocation“ jedenfalls mit lautem Klatschen und Rufen. Die begeisterte Reaktion blieb die Ausnahme im ersten Kurzfilm-Wettbewerbs-Block: Die anderen Filme hatten leider weder eine bewegende Storyline noch eine beeindruckende Optik zu bieten. Die Auswahl changierte zwischen ästhetischen Spielereien (Mirai Mizues „Wonder“ oder Jean-Jean Arnoux‘ „La Faillite„), unglaublich verkitschten Liebesgeschichten, die keine eigene Bildsprache entwickeln (Ivana Šebestovás „Sneh„, Jean-Charles Mbotti Malolos „The Sense Of Touch„) und einer etwas zu niedlich geratenen Bürgerkriegsparabel (Nicola Lemay und Janice Nadeau: „No Fish Where To Go„). Einzig Mikey Pleases „Marilyn Myller“ stach noch hervor – der Film betrachtet selbstironisch wie herrlich tragikomisch ein Künstler am eigenen Anspruch und Perfektionismus scheitern kann.

"Last Hijack" läuft 2014 in Annecy. (c) Submarine

„Last Hijack“ läuft 2014 in Annecy. (c) Submarine

Scheitern am eigenen Anspruch – das gilt leider auch „Last Hijack„, einem nominierten Film des Langfilmwettbewerbs. Es ist aber auch viel, was sich Femke Woltings und Bruno Felix Beitrag aus Deutschland da vorgenommen hat: Eine Geschichte über die somalischen Piraten zu erzählen, aus Subjektperspektive, ohne moralischen Zeigefinger, aber durchaus mit allen Implikationen, Facetten, die am Ende ein ethisches Urteil erlauben. Das dazu gewählte Format – eine Mischung aus Dokumentarfilm, Spielfilm und Animationsfeature – soll diese sehr eigene Art des Erzählens unterstützen. Aber die verschiedenen Genres stehen sich selbst im Weg. Das wird besonders am Schluss deutlich: „Last Hijack“ wäre so gern ein Spielfilm geworden. Differenziertes Erzählen lässt sich eben nicht allein auf die Bilder und Protagonisten abwälzen – es braucht eine Geschichte, die glaubwürdig vermittelt wird. Nur so kann Empathie entstehen, nur so ist eine Beschäftigung mit einem Thema möglich.

Weiterlesen: Unsere Kritik „Grenzen der Schuld zum Dokumentarfilm „Der Kapitän und sein Pirat“ von Andy Wolff, der die Entführung des Containerschiffs Hansa Stavanger im April 2009 vor Somalia thematisiert.

Der erste Annecy-Tag überlässt im Grunde den Klassikern die Show. Das Kurzfilmprogramm „The Invincibles“ zeigt Lieblingskurzfilme wie Aardmans „Creature Comforts“ oder Tim Burtons „Vincent„, dazu verschrobene Experimente aus den letzten 30, 40 Jahren. Adam Elliots „Harvie Krumpet“ auf der großen Leinwand: das hat schon was. Den kann man schließlich nicht genug sehen. Nach zwölf Stunden Annecy-Programm hat sich das Publikum entsprechend aufgewärmt: Als vor dem Programm das Frankenstein-Monster mit den Hasenköpfen erscheint, brüllt es entsetzt von überall „Lapin!“, wie es eben von nun an vor jedem einzelnen Film in Annecy geschehen wird. Und es fliegen auch endlich Papierflieger. Vielleicht braucht selbst das Programm in Annecy manchmal ein bisschen, um in Stimmung zu kommen.

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10. Juni 2014 | In Allgemein

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