Riehm: Es geht darum, Utopien und Träume zu verwirklichen



Ich hatte im Film das Gefühl, du würdest beinahe mit in der WG wohnen. Da wurde den Leuten morgens Kaffee ans Bett getragen – du warst dabei. Sie haben nachts ihre Krisensitzungen abgehalten – du warst dabei. Wie viel Zeit hast du denn tatsächlich vor Ort verbracht? Musstest du dein eigenes Privatleben aufgeben und bist in die WG gezogen?
Das täuscht. Ich habe zweimal bei denen übernachtet, um so mitnehmen zu können wie sie z.B. ins Bett gehen und aufstehen oder wie sie ihren Alltag leben. Daraus kann man immer viel ablesen – auch das Private. Im Film komprimiert man immer alles oder selektiert. Ich wusste irgendwann,was ich brauche und was ich haben will. Ich bin nicht in ihre Privatsphäre eingedrungen, ich wurde vielmehr dazu eingeladen.

Du hast das schon vorhin angedeutet und das würde mich auch noch weiter interessieren: Sind tatsächlich Freundschaften aus dem Dreh hervorgegangen?
Ja, weil ich auch private Zeit hier verbringe – z.B. mit Dorle, der Hauptprotagonistin im Film. Sie hat immer mal so Anwandlungen, was in Brandenburg zu starten. Sie wünscht sich einen Ort der Stille außerhalb der Großstadt, was auch mein Anliegen ist. Wir sind schon zweimal rausgefahren und haben uns Häuser angeguckt – jetzt nicht unbedingt zum direkt zusammenziehen, aber schon um auch Projektideen weiterzuspinnen. Eine weitere Intention, warum ich den Film gemacht habe, ist die Tatsache, dass man sich zusammentun kann. Es geht darum, Utopien und Träume zu verwirklichen. Das sind einfach Macher hier. Ich glaube, ich bin auch so jemand. Und ich freue mich immer, wenn ich auf solche Leute treffe. Ich hänge mich dann gerne dran. Ich glaube schon, dass ich von Freundschaften sprechen kann. Vieles hat sich entwickelt. Ich habe jeden von ihnen mindestens zweieinhalb Stunden intensiv interviewt. Dabei habe ich nicht nur von ihnen erfahren, sondern auch von mir erzählt. Dadurch hat sich eine sehr schöne Vertrauensebene gebildet.

Regisseur Benjamin Riehm in seinem "Zuhause".

Regisseur Benjamin Riehm in seinem „Zuhause“.

Bist du während des Drehs ungeplant auf ungewöhnliche Personen gestoßen, die dir im Gedächtnis geblieben sind?
Das war nicht so speziell, weil ich mich sowieso in diesen Kreisen bewege, da ich auch noch Musiker bin. Aber ich bin außerdem auch Papa und habe die letzten vier Jahre jetzt sehr intensiv damit verbracht, mich um meinen Sohn zu kümmern. Da war ich ein bisschen raus aus dieser Welt und bin durch diesen Film quasi wieder zurückgekommen. Das war mir extrem wichtig. Mit den Filmen, die ich mache, suche ich nach Antworten oder werfe Fragen für mich selbst auf. Ich versuche, mir Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen über dieses Medium. Ich glaube, anders kann ich das nicht durchhalten, zwei Jahre so intensiv an so etwas zu arbeiten, wenn das nur so nebenbei ist. Das geht nicht.

Deine Arbeiten am Film haben sich insgesamt über zwei Jahre erstreckt. Welche Änderungen – außer dass hier eine Dachbar entstanden ist – hast du denn noch mitbekommen in Neukölln?
Der allgemeine Trend in Neukölln ist, dass es immer teurer wird, man kaum noch bezahlbare Wohnungen findet, es immer aufgewerteter wird. Das hat seine Vor- und Nachteile. Vorteile, wenn man sein Kind zur Schule schicken will und im Einzugsgebiet ein bisschen mehr Durchmischung beobachten kann. Ich sage ganz ehrlich, dass ich das gut bzw. unbedingt notwendig finde. Nicht, dass man Leute verdrängen soll oder so etwas. Ich bin aber für Durchmischung, weil ich es wichtig finde, an einem Ort zu leben, der nicht nur versifft und verrottet ist, sondern kulturell belebt ist und eine gewisse Lebensqualität in sich trägt. Das kann man leicht in den falschen Hals kriegen: (lacht) „Jaja, der Riehm der Gentrifizierer hier.“ Aber ich habe versucht, dieses Thema Gentrifizierung nur ganz kurz anzureißen im Film. Während der Crowdfunding-Phase wurde ich mit diversen Fragen zu diesem Aspekt konfrontiert: „Thematisierst du das auch? Das muss man ja thematisieren.“ Aber mein Film ist kein Film über Gentrifizierung, sondern ein Film über Ideen, Visionen und den Mut zum Aufbruch. Gentrifizierung wird für meinen Geschmack oft zu einseitig betrachtet. Aber es entstehen dadurch natürlich auch Probleme für viele Leute.

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26. Juni 2015 | In Allgemein

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