BFF on the Road: Festivalbericht vom 2016er Dok Leipzig

59. Dok Leipzig: Von starken Frauen und verstörenden Kretins


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Um ganz andere Emanzipationen ging es in den Produktionen „Communion“ und „We’ll be alright„, die das Frau-Sein und Werden innerhalb ihrer jeweiligen Mikrokosmen und damit zusammenhängenden Determinismen erzählen. Anna Zameckas polnischer Dokumentarfilm „Communion“ wurde völlig zu Recht mit dem Young Eyes Film Award ausgezeichnet. Der Film begleitet behutsam den Alltag der 14-jährigen Ola, die sich um ihren autistischen Bruder Nikodem kümmert, den Haushalt schmeißt und versucht, den Vater vom Saufen abzuhalten. Wie das alles geht, wenn man sich eigentlich inmitten permanenter pubertärer Selbstfindung und -verwerfung befindet, zeigt „Communion“ voller Zuneigung für die Charaktere. Nikodem, der sich – das könnte keine Fiktion besser erzählen – oft in der Rolle des wahrheitssprechenden Narren wiederfindet, rührt einen dabei oft zu lachenden Tränen; und am Ende schafft er es sogar, seinen Gürtel anzuziehen, der natürlich kein einfaches Kleidungsstück, sondern das stoffgewordene Erkennungsmerkmal der hemdtragenden Normalität symbolisiert.

In Alexander Kuznetsovs „We’ll be alright“ gibt es hingegen kein familiäres Korsett, sondern die staatlich verordnete Zwangsjacke. Julia und Katja sind seit Jahren in einer psychiatrischen Anstalt mitten in Ostsibirien eingesperrt. Ihrer Grundrechte beraubt, leben sie ohne jegliche Intimsphäre und spärlichen Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung. Die einzige Hoffnung ist ihr Antrag auf Mündigkeit, den sie wiederholt dem russischen Staat zur Prüfung vorlegen müssen. Kinematografisch reizt Kuznetsov dabei alle Möglichkeiten aus – ob dass die kahlen Räume mit den gerahmten Putin-Fotos an der Wand, die strengen Lippen der Angestellten oder die anberaumten Bewegungsprogramme sind, bei denen die ganze Anstalt im Hof zu „It’s a Beautiful Life“ tanzt. In der Annäherung hätte man sich dennoch manchmal ein bisschen mehr Nähe à la „Communion“ gewünscht: obgleich man Julia und Katia die Freiheit gönnt, sie wirken doch nur wie Platzhalter auf einem klar definierten Feld, das ohnehin schon in gut und böse zerteilt ist.

So sehr die Kontemplation dieser drei Dokumentarfilme andauerte, so sehr beglückte die kurze Konzentration der „Disobedient Images“, die André Eckardt lustvoll anarchisch konzipiert und Ines Seifert zusammengesucht hatte. 29 Filme, die das Thema des Ungehorsams narrativ als erzählerischen Bruch oder ästhetisch als politische, sexuelle und moralische Deviation aufgriffen. Besonders wirksam war sicherlich Robert Morgans „Bobby Yeah„, ein 23-minütiges Stop-Motion-Manöver, das sich völlig jenseits des guten Geschmacks bewegte. Und doch: Gerade aufgrund seiner hohen Dichte an herumfliegenden Därmen, Ejakulaten und missgebildeten Föten bleibt die elementare Suche nach Zuneigung und die Konditionierung als ewiges Schicksal präsent und unterhaltsam. Unter den weiteren wunderbaren Entdeckungen befand sich noch der dialektale Witz eines „Wo ist Justin?“ (Jens Rosemann, Peter Bauer), die Fetisch-Love-Story „Stop Peeping“ (Ping Wong) und Joni Männistös unerhörte Ungeziefer-Rache „Swarming“. Kaum war der Blick im Dok Programmheft, war es auch schon wieder vorbei – das nächste Mal gibt’s mehr Rucksack für mehr Dok Leipzig.

Marie Ketzscher

Das 59. Dok Leipzig fand von 31. Oktober bis 6. November 2016 statt.

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