16. ZEBRA Poetry Film Festival: Film trifft auf Lyrik

Film und Lyrik sind zunächst zwei ganz unterschiedliche Felder – könnte man meinen. Doch das 16. ZEBRA Poetry Film Festival bringt Film und Lyrik in Einklang. Es werden ausschließlich Kurzfilme gezeigt, die aus einem Gedicht entstanden sind, die das bewegte Bild mit Wort und Ton vereinen.
Vom 04.06. bis 07.06.2026 zeigt das Festival Kurzfilme mit unterschiedlichen Schwerpunkten und verschiedenen. Der Fokus liegt in diesem Jahr auf Mythos, Trauer und dem weißen, männlichen Kanon. Die Themen hinterfragen Machtsysteme, präsentieren alternative Repräsentationsansätze und legen Wert auf Austausch und Protest.
Das Festival startet mit einer Veranstaltung für die nächste Generation: Bei Zebrino, dem Poesie-Filmwettbewerb für junge Menschen, schauen vier Schulklassen Kurzfilme und entscheiden sich für einen Gewinnerfilm.
Ein Zebra-Special ist der – fürs Festival ungewöhnlich viele Minuten aufweisende – Langfilm UN POETA, der am 6.6.2026 im silent green gezeigt wird. Dokumentarisch angehaucht zeigt der Regisseur Simón Mesa Soto den Dichter Óscar Restrepo in einer Lebenskrise. Der Film lief 2025 auf den Filmfestspielen in Cannes.
Larissa Reznicek
MY GRANDMOTHER IS A SKYDIVER

Darum geht es:
Das Verhältnis der ukrainischen Regisseurin Polina Piddubna zu ihrer Großmutter Alfyia. Diese war in den 60ern Fallschirmspringerin und Hebamme in Tadschikistan. Zwischen den verschiedenen Generationen und Zeiten hin- und herspringend, rekonstruiert Polina eine ganze Familienchronik. Dabei setzt sie ein anfangs verwirrendes, aber dann doch anrührendes Stilmittel ein: Als der Angriffskrieg auf die Ukraine beginnt, ruft die Enkelin Polina ihre Großmutter in den 60ern an… So verweist die Regisseurin auf die Gleichzeitigkeit der Dinge – und die Wiederholung der Geschichte, die unabhängig von individuellen Schicksalen stattfindet.
Was du zum Film wissen musst:
In MY GRANDMOTHER IS A SKYDIVER macht Polina Piddubna nicht nur die persönliche Biografie und das tägliche Leben mit Krieg nachfühlbar, sie verweist auch auf die historischen, sich überschlagenden Systemtransformationen, die sich in postsowjetischen Biografien überlagern: Ist es nicht irre, darüber nachzudenken, dass ein Mensch (Polinas Oma in diesem Fall) innerhalb seines Lebens mehrere politische Systeme/Okkupationen/Konflikte – das Sowjetregime, den Bürgerkrieg 1992 und daraus resultierende Flucht sowie die Zeit nach dem Kalten Krieg und jetzt erneute Kriegshandlungen – erlebt hat? Was macht das, mit einem selbst, mit einem Land, mit einem irgendwie gearteten Nationalgefühl? Es ist diese produktive Überforderung, die manchmal auch Überfrachtung und Vereinfachung in der Animation bedeutet, die den Film so eindrücklich macht.
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
Freitag, 5.6., 19:00 Uhr, Internationaler Wettbewerb I, Kuppelhalle – silent green
KARTEN DER WILDNIS

Darum geht es:
Die Vermessung der Welt und die Unzulänglichkeit jeglicher Zahl und Maßangabe. KARTEN DER WILDNESS adaptiert Daniela Danz‘ Gedicht „Wildniß“, ein fiktionalisiertes Briefgedicht von Carl Friedrich Gauß an einen unbenannten Freund. Das Gedicht thematisiert die Entdeckungslust und die Weltaneignungsgier des 18. und 19. Jahrhunderts – und die Erkenntnis, dass das größte, niemals mit Zahlen abzubildende, begreifbare Gebiet doch in uns selbst verborgen liegt und jegliche Vermessung außerhalb dieses ja eigentlich ersten Gebietes damit im besten Fall Behauptung, und im schlechtesten Fall Hybris ist. Die Animationsregisseurinnen greifen die Erzählfigur des Gedichts fast schon wortwörtlich auf: Vom Fenster und Messtisch blicken wir auf die Welt, die Decke wird Wiese und Weite, innere und äußere Umgebung verschränken sich.
Was du zum Film wissen musst:
Der Film ist als Auftragsarbeit unter Co-Regie von Aline Helmcke, Ana Vallejo, Catalina Giraldo, Franka Sachse, Julia Franke und Sandra Reyes für die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V. entstanden. Die Regisseurinnen setzen dabei all ihre Animationsfinessen ein – allesamt analoger Natur. Das ist zwar etwas didaktisch gehalten, visuell aber äußerst eindrucksvoll. – MK
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
6.6., 16 Uhr, Zebra-Programm Myth, Kuppelhalle – silent green
WIE WELSE JAGEN

Darum geht es:
Bonito (Renato Schuch) arbeitet als Fischverkäufer und schreibt Texte. Er wirkt einsam, doch dann lernt er Finn (Johnny Hoff) kennen, als dieser eine Anglerin über das Fangen von Fischen aufklärt. Die beiden Männer nähern sich an, geben sich ihrem Verlangen hin und verschmelzen in den Augen des anderen – langsam, aber wirkungsvoll. Der eigentlich raue Berliner Westhafen verwandelt sich in eine poetisch-märchenhafte Kulisse mit dem schillernden Wasser des Kanals. WIE WELSE JAGEN erschafft einen gewaltfreien Safe Space, in dem zwei Männer ihrer Anziehung ungestört nachgehen können – ohne Vorurteile oder Bedrohung von außen.
Was du zum Film wissen musst:
Das Gedicht im Film stammt von Ricardo Domeneck, einem der bekanntesten brasilianischen Dichter der Jetztzeit. Seine Werke fokussieren sich darauf, Wort und Körper miteinander zu verbinden und beschäftigen sich aktiv mit der queeren Community und Rassismus. – LR
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
4.6., 22 Uhr, Zebra-Programm Connections, silent green – Kuppelhalle
MARINEREN

Darum geht es:
Ein Experiment: neun Personen, unterschiedlichen Geschlechts, Hautfarbe und Alters sitzen an einem voll gedeckten Essenstisch gegenüber, der wie ein Kunstwerk erscheint. Die Protagonist*innen haben sich vorher noch nie gesehen. Sie beginnen, sich gegenseitig zu füttern. In rhythmischen Bewegungen. Erst sind sie zögerlich und tasten sich ab, aber nach und nach entsteht eine Verbindung zwischen den Figuren, sie tauen auf und eine zwischenmenschliche Wärme entsteht. Der Film geht auf die Angst ein, die Menschen voreinander haben. Mit dem gegenseitigen Füttern brechen die Essenden die Mauern der Distanz auf und es entsteht ein Gefühl der Gleichwertigkeit.
Was du zum Film wissen musst:
MARINEREN ist nicht der erste Poesie-Film von Regisseurin Helmie Stil. Für ihre Filme THE OPENED FIELD WHEN IT FEELS HOT, THAT RAGE AGAINST ME oder THE POSH MUMS ARE BOXING IN THE SQUARE setzte sie sich bereits mit unterschiedlichen Autor*innen auseinander. Immer wieder verhandelt Helmie Stil in ihren Arbeiten den Kampf der Frau, der Toxizität der Männer und Aspekte der Gleichberechtigung. – LR
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
6.6., 19 Uhr, Internationaler Wettbewerb II, silent green – Kuppelhalle
SUITE PONÇ-BROSSA

Darum geht es:
SUITE PONÇ-BROSSA ist ein besonderes Zusammenspiel von Kunst und Lyrik. Er zeigt die Verbundenheit zwischen dem Maler Joan Ponç und dem Dichter Joan Brossa. Ponç benannte seine Bilder nach Werken von Brossa und Brossa beschrieb die Arbeit von Ponç in einem Buch namens „Carrer de Joan Ponç.“
In dem Kurzfilm werden die Gemälde von Ponç lebendig. SUITE PONÇ-BROSSA ist ein außergewöhnlich-immersives Seherlebnis, das in Gemälde eintaucht. Es entsteht ein Reich aus ungewöhnlichen Figuren und Welten.
Was du zum Film wissen musst:
Der Regisseur Marc Capdevila setzt sich mit der Verbindung zwischen Kunst und Lyrik auseinander und entdeckte das Buch von Brossa über Ponç. Daraufhin hatte er die Idee für den Film und machte sich auf die Suche nach den Kunstwerken von Ponç. – LR
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
5.6., 19 Uhr, Internationaler Wettbewerb I, silent green – Kuppelhalle
MÉG

Darum geht es:
Eine Frau steht in einer Straßenbahn und springt plötzlich aus der Realität hinein in die Fantasie. Sie entwickelt mit ihrem plötzlichen Tanz ein Eigenleben, befreit von allen Zwängen und unabhängig von der Außenwelt. Wie in einem Traum durchläuft sie mehrere Phasen: von Obsession, Erschöpfung bis hin zur Emanzipation. Ihr Tanz befreit sie von ihren Lasten, die Musik wird eins mit ihr, während das Gedicht die Sorgen ihres Alltags aufzählt.
Was du zum Film wissen musst:
Vivien Tóth, Regisseurin und Dichterin des Kurzfilms, begann ihre Karriere als Schriftstellerin und Dichterin. Ihre Werke wurden in ungarischen Literaturzeitschriften veröffentlicht, bevor sie mit dem Filmemachen begann. MÉG war international schon auf zahlreichen Festivals zu sehen und nominiert. – LR
Termin beim 16. Zebra Poetry Film Festival
5.6., 19 Uhr, Internationaler Wettbewerb I, silent green – Kuppelhalle