„British Shorts versteht sich nach wie vor als Filmclub“ – British Shorts-Co-Kurator Henning Koch im Gespräch


British Shorts-Co-Kurator Henning Koch © British Shorts
British Shorts-Co-Kurator Henning Koch © British Shorts

Ausverkauft, ausverkauft, ausverkauft. Wenn man mit dem geschätzten BFF-Kollegen Henning Koch spricht, der schon seit zig Jahren das British Shorts co-kuratiert, dann ist auch die 19. Ausgabe British Shorts schon vor dem Start auf dem besten Weg, an die Festivalerfolge der Vorjahre anzuknüpfen. Vom 22. bis 28. Januar versammelt das Festival wieder eine knallbunte Genretüte und damit die wildesten und amüsantesten Kurzfilme aus UK. Was alles für die diversen Expat-Communities oder anglophile Cineast*innen geboten wird und wie das Team das Festival stemmt? Wir haben mit Henning über die Genese, den Kurationsprozess, die Finanzierung und natürlich die von ihm co-kuratierte Retrospektive gesprochen.

A BEAR REMEMBERS © British Shorts
A BEAR REMEMBERS © British Shorts

19. Jahre British Shorts: Was ist anders, was bleibt gleich?
Henning Koch: Die 19. Ausgabe von British Shorts steht ganz unter dem Motto „We Love Cinema!“, also
Kino als Ort für Begegnung, Austausch, Kreativität und Abenteuer. Wie in den letzten Jahren zeigen wir wieder über 150 neue Kurzfilme aller Genres an sieben Tagen in verschiedenen unabhängigen Kinos in ganz Berlin. Dabei haben wir neben dem Sputnik, City Kino Wedding, Acud, Xenon, Intimes und Klick Kino erstmals auch den Filmrauschpalast in Moabit als Spielort für unsere Retrospektive dabei.

Das British Shorts Team wuppt das Festival ganz ohne Filmförderung. Wie schafft ihr das? Und was gibt es für Vorteile und Learnings, vielleicht auch im Hinblick auf die Festivalwelt, in der gerade ja berechtigterweise die Angst vor dem großen Kultursterben umgeht?
HK: Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir ein so großes Publikum haben, das uns dieses Festival ermöglicht. Grundsätzlich ist es glaube ich eine unterschiedliche Herangehensweise, ob man ein Filmfestival aus Leidenschaft an der Sache organisiert, oder aus beruflichem Interesse. British Shorts ist vor fast zwanzig Jahren aus dem Lichtspielklub hervorgegangen und versteht sich nach wie vor als Filmclub. Das heißt, es geht uns um den kollektiven Gedanken dahinter. Wir sind da in guter Gesellschaft, denn in Berlin findet man viele Orte und Veranstaltungen, die auf ähnliche Weise organisiert sind. Natürlich bringt es so einige Herausforderungen mit sich, das Ganze in dieser Größe ohne Förderung zu stemmen. Aber dadurch sind wir unabhängig von politischen Entscheidungen und flexibel genug, das Festival genau so zu gestalten, wie wir es gerne selbst als Zuschauer sehen
wollen.

Unter der Headline „British“ versammelt ihr ja auch walisische und schottische Filme. Ist das auch 2026 bei allen globalen Bemühungen um Unabhängigkeit und Wertschätzung immer noch ein passendes Label?
HK: British Shorts hat ursprünglich als Veranstaltung für Studentenfilmen aus England begonnen und sich schnell für Werke und Filmschaffende aus dem gesamten Vereinigten Königreich geöffnet. Wir legen großen Wert darauf, Perspektiven von allen Teilen der Insel, inklusive der Republik Irland, zusammenzubringen. Das „British“ im Titel ist also auch als Herausforderung zu verstehen, sich mit gesellschaftlichen Themen in Großbritannien und darüber hinaus auseinanderzusetzen. Ich denke, das spiegelt sich in der Vielseitigkeit unseres Programms wider.

Ihr wählt das Programm als Team gemeinsam aus, was ist euch kuratorisch wichtig?
HK: Da zeigt sich auf jeden Fall der kollektive Gedanke hinter dem Festival. Die Filmauswahl entsteht aus den verschiedenen Interessen heraus, die wir mitbringen. Wir wollen nicht bloß eine bestimmte Zielgruppe bedienen, sondern ein abwechslungsreiches und spannendes Programm zusammenstellen, das gleichermaßen unterhaltsam und herausfordernd ist.

Wird in der Scala-Retrospektive gezeigt: COPING WITH CUPID © The British Film Institute
Wird in der Scala-Retrospektive gezeigt: COPING WITH CUPID © The British Film Institute

Du selbst bist schon lang für die Retrospektive verantwortlich. Was können wir da dieses Jahr erwarten. Du hast ja dieses Jahr mit einer weiteren Kuratorin ausgewählt…
HK: Die diesjährige Retrospektive widmet sich dem Londoner Scala Cinema, das von 1978 bis 1993 mit seinem wilden Mix aus Kultfilmen, Klassikern, B-Movies, queeren Themen und endlosen Filmnächten einen eigenen Mikrokosmos in der Filmgeschichte eröffnet hat. Das Programm besteht aus zwei Teilen. Zum einen zeigen wir das großartige Kurzfilmprogramm „Scala Rising: Anarchic Shorts from London’s Legendary Underground Cinema“ mit exemplarischen Werken, die damals im Scala Cinema zu erleben waren. Die Filmauswahl wurde in Zusammenarbeit mit der damaligen Scala-Programmmacherin Jane Giles zusammengestellt. Zum anderen gibt es die Deutschlandpremiere der überaus unterhaltsamen Doku SCALA!!! OR, THE INCREDIBLY STRANGE RISE AND FALL OF THE WORLD’S WILDEST CINEMA AND HOW IT INFLUENCED A MIXED-UP GENERATION OF WEIRDOS AND MISFITS zu sehen, die Jane Giles zusammen mit Ali Catterall realisiert hat. Wir freuen uns, dass beide anwesend sein werden.

Du machst das schon einige Jahre lang, welche Schwerpunkte setzt du?
HK: Mir ist wichtig, dass die filmischen Rückblicke genauso lebhaft und abwechslungsreich gestaltet sind, wie unser reguläres Festivalprogramm. Häufig wird man bei Filmfestivals das Gefühl nicht los, dass die Retrospektiven unter sehr theoretischen oder akademischen Gesichtspunkten zusammengestellt wurden. Doch das verfehlt meiner Meinung nach das Ziel. (Kurz)filme bieten eine wunderbare Möglichkeit, um komplexe Zusammenhänge aus der Vergangenheit auf Augenhöhe zu präsentieren. Wenn ich eine Retrospektive kuratiere, dann hoffe ich, dass das Publikum neue Einblicke gewinnt und die Inhalte auch auf die Gegenwart übertragen kann.

Was können die Besucher*innen im Rahmenprogramm erwarten?
HK: Zu British Shorts gehört neben den Kurzfilmen auch immer ein breites Rahmenprogramm. Dieses Jahr haben wir wieder einen Filmworkshop des britischen Filmdozenten John Digance, der sich dem Thema „Portrait“ widmet, Konzerte von Neoangin, Grateful Cat und Diane Electro sowie Stand-up-Comedy von Fay Walsh. Die Ausstellung in der Sputnik Kinobar schließt an das Kinothema an und zeigt zwei wunderbare Fotoserien von Darren Holden und Peter Marshall.