Festivalbericht vom 25. MONSTRA – Festival de Animação de Lisboa


MONSTRA 2026 Festivalmotiv © MONSTRA
MONSTRA 2026 Festivalmotiv © MONSTRA

Nur noch eine Minute, dann ist Imperial-Zeit! Jeden Tag von 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr ist der Eingangsbereich des Cinema São Jorge auf der Avenida de Liberdade gerade zur Bier-Happy-Hour (1€!) besonders voll – nicht nur mit Lissaboner*innen, Kino-Personal und vorüberziehenden Passant*innen, sondern auch mit Animationskünstler*innen und Animationsfans aus der ganzen Welt: Dann ist nämlich Monster-Zeit. Ganze zehn Tage, vom 12. bis 22. März, bespielte das 25. MONSTRA – Festival de Animação de Lisboa mitsamt Mönsterchen (MONSTRINHA ist die Sektion für Kinder und Familie) im wunderschönen Lissabon das mondäne São Jorge, die Cinemateca Portuguesa, das Cinema City Avalade, und viele weitere Locations in der Stadt.

Neben den großen Wettbewerben – dem Internationalen Kurz- und Langfilmwettbewerb, dem Vasco Granja-Wettbewerb für den portugiesischen Kurzfilm, den Supershort Films, den Perspectives, Studenten- und Kinderwettwerben – gab es auch Ausstellungen, VR-Anwendungen, ein Branchenprogramm und Masterclasses, unter anderem Johanna Quinns „To Gaza With Love“. Außerdem wurden viele wunderbare Sonderprogramme geboten: Ein „Abstract Day“, eine Pinscreen-Hommage, ein vierteiliges Programm, das sich der Natur widmete, zwei Programme zu Ehren von Bruno Bozetto, eine Brothers-Quay-Rückschau und zahlreiche Screenings, die sich dem Fokusland-Lettland widmeten, darunter natürlich auch der Oscar-Gewinner FLOW von Gints Zilbalodis.

An den Sonnentagen lockte die keine 20 Gehminuten und leider immer völlig überrannte Altstadt, aber es gab genug Regentage, sodass man im Grunde von 10 Uhr morgens bis 0 Uhr abends Animation erleben konnte. Mit schönsten Entdeckungen und guten Begegnungen und zu viel Pastéis de Nata, immer und immer wieder zwischendrin. Beim Filmschauen, Drüber-Nachdenken und beim Diskutieren kam immer wieder die Frage auf: Was kann man bei einem Animationsfilmfestival zeigen – und was eigentlich nicht? Diese Frage wurde immer wieder neu, und immer wieder unterschiedlich beantwortet; hier sind ein paar Beobachtungen dazu.

Das Nicht-Darstellbare zeigen

LINES © Martin Schmidt, Raumkapsel Animation
LINES © Martin Schmidt, Raumkapsel Animation

Die Leinwand pulsiert in lila, ein hektisches Atmen ist zu hören. Erst erscheint ein roter Punkt, dann ein schwarzer. Aus ihnen formen sich vertikale Linien, die mittels panisch-rhythmischer Atmung und elektronischer Sound-Collage zu einem Raum erwachsen, ein zu enger Raum – einer, der dir die Luft abschneidet, denn die Linien rücken näher, werden alles-einnehmend. Martin Schmidt hält mit seinem LINES – und damit mit einem komplett abstrakten Animationsfilm – fest, wie es sein könnte, eine Panikattacke zu erleben, Stroboskopieffekte inklusive. Für diese großartige und fast schon synästhetische Erfahrung braucht es keinerlei Charaktere oder Narration; die starken Farben und strengen Komposition reichen völlig aus, den Puls höherschlagen zu lassen.

Um das Gefühl, die Essenz einer Sache, gehe es ja eben in der abstrakten Animation, sagt Noel Palazzo, die zusammen mit Ana Santos das Programm „Best of Punto Raya 2025“ kuratiert hatte, in dem LINES lief. Ein Screening, nach dem einem regelrecht der Kopf surrt. Wo sieht man schließlich so viel abstrakte Animation auf einmal? Ein schöner und sehr mutiger Festivalhöhepunkt, schließlich rangiert die abstrakte Animation im hinteren Aufmerksamkeitsbereich der ohnehin oftmals wenig beachteten Animationsbranche. Das Punto y Raya, dem bereits die DOK Leipzig letztes Jahr eine Retrospektive widmete, treibt diese grandiose Nischenkunst noch auf die Spitze: Das im Zweijahresturnus stattfindende Festival – das immer wieder an anderen Orten auf der Welt über die Bühne geht – zeigt ausschließlich non-narrative und komplett nicht-gegenständliche Filme.

Das MONSTRA bettete das Best-Of in einen „Abstract Day“ ein – abends wurde noch eine 16mm-Retrospektive zu Len Lye (1901–1980) gezeigt, der als Vorreiter in Sachen abstrakte Animation bzw. Experimentalfilm gilt. Der neuseeländische Künstler arbeitete oft ganz ohne Kamera, in dem er das Filmmaterial zerkratzte oder bemalte und er experimentierte mit Farbfilm, als dieser noch in den Kinderschuhen steckte. Die meisten von Lyes Arbeiten sind sehr beschwingt, wurden zumeist mit Musikeinsatz gedacht und umgesetzt, zum Beispiel der großartige, sich überschlagende SWINGING THE LAMBETH WALK, in dem die Rhythmisierung besonders ins Auge springt oder der dann-ja-doch-repräsentative RAINBOW DANCE, der bereits 1936 mit einer Collage aus direkter Animation und Live Action arbeitete.

Was technisch so geht

SAPPO © Rosana Urbes
SAPPO © Rosana Urbes

Auffällig beim MONSTRA war die technische Vielfalt der gezeigten Animationsfilme – und das Faible der Festivaldirektoren für analoge und 2D-Animationstechniken: Ein irrer Animationsfilm aus Echthaar war darunter, Wollanimation und vieles mehr (aber ja: sehr viel Stop-Motion). Den Hauptpreis gewann dann auch SAPPHO von Rosana Urbes, eine tief empfundene Hommage an die griechische Dichterin, die Urbes mit der Multi-Plan-Kamera und einer virtuosen Mischung aus Malerei, Kohle-Zeichnung und Stop-Motion mit verschiedenen Pflanzen und Objekten realisiert hat.

HERE AND THE GREAT ELSEWHERE © NFB
HERE AND THE GREAT ELSEWHERE © NFB

Am schönsten und durch seine Machart vielleicht am poetischsten war aber die Pinscreen-Hommage, mit zwei Filmen von Michèle Lemieux, diesjähriges Jury-Mitglied. Der Pinscreen ist so etwas wie das Animationswunderinstrument: Es gibt nur eine Handvoll auf der Welt und der Umgang mit ihnen ist haptisch, direkt. Tausende, bewegliche Nadeln stecken in einer Wand, aus der sie unterschiedlich lang herausragen können – mittels kleiner Werkzeuge und Objekte können sie bewegt und in Form gebracht werden; von der Seite beleuchtet, werfen die Nadeln Schatten – eine Nadelschattenkomposition entspricht einem animierten Frame.* Lemieux widmet sich beispielsweise mit ihrem Pinscreen-Film HERE AND THE GREAT ELSEWHERE (LE GRAND AILLEURS ET LE PETIT ICI) den Grundfragen menschlicher Existenz: Ein Mann wohnt in einem vollgestellten Raum, um den Raum das Nichts des Weltalls. Oder ist da doch was? Je mehr er nach außen schaut, desto mehr erwachen die Punkte und Kreaturen zum Leben, und verwandeln schließlich alles in ein großes Nichts (den wunderbaren Film kann man hier schauen).

—Auch Vladimir Leschiov, ebenfalls prominentes Jury-Mitglied, war im Rahmen des Lettland-Fokus mit einem ganzen Programm vertreten, das sich vorrangig der männlichen Psyche widmete. Am berührendsten und rundesten erschienen die Filme über solitär lebende Arktisfischer, die auf ihren Schollen vor sich hintreiben (LOST IN SNOW), oder einen Imker, der mit seinen Bienen in einer herrlich versponnenen-symbiotischen Beziehung lebt (GRANDDAD’S HONEY). Eher verstörend hingegen VILLA ANTROPOFF, der wohl eine Satire westlicher Hybris und Migrationspolitik sein wollte. Aber wer einen Film eröffnet, in dem er einen tumb hereinblickenden Schwarzen Mann mit großem Gemächt an einem verdreckten Strand zeigt, der sich ein Kondom einsteckt und in der Orangenkiste gen Europa lospaddelt, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er lediglich rassistische Stereotype und Narrative bedient. —

Zu den Möglichkeiten der Animationstechnik gehört auch die Künstliche Intelligenz. Und da wir alle Spielarten der Animation zeigen wollen, möchten wir auch sie zeigen, sagt Miguel Chorão, der zusammen mit dem Festivalgründer Fernando Galito das MONSTRA leitet. Für den Granjo Vasca Wettbewerb hatten sie daher MACHINARIUM von João Pedro Oliveira ausgewählt. Als der Film durch seine neun Minuten KI-Gegurgel – eine Maschine gebiert eine neue Maschine mit neuen Zahnrädern gebiert eine neue Maschine gebiert…. – fast durch war, war im Kinoraum der erste fassungslose Lacher zu hören, der von einem breiten Gelächter und schließlich einem beherzten Buhen abgelöst wurde. Warum, lag auf der Hand: Zu seelenlos, zu redundant, zu viel von genau dem pseudokreativen KI-Müll, der unsere sämtlichen Apps flutet – nicht erkennbar aber der künstlerische Gestus, mit dem das Werkzeug genutzt wurde. Öffnet man so den Diskursraum, vor allem, wenn danach alle über KI, aber niemand über den Film an sich redet? Aber selbst, wenn ein MACHINARIUM nicht gezeigt werden würde, bleibt natürlich die große systemische Frage: Was tun mit den KI-Filmen, die jetzt schon en masse bei Festivals eingereicht werden? Vielleicht wäre nicht nur dringend eine KI- Kennzeichnungspflicht von Nöten, sondern ein Festivalkontext, in dem wir über die KI sprechen können, bevor sie uns ganz selbstverständlich als Teil des kontemporären Filmschaffens präsentiert wird.

Dass die Programmoffenheit nicht nur in Sachen Technik ein wichtiges Prinzip des MONSTRAs ist, betonte auch Fernando Galito an anderer Stelle: Das Festival zeigt nämlich Filme aus allen Ländern, inklusive Russland, weil es um die Kunst der Animation gehe, unabhängig von der Herkunft. Über die Vor- und Nachteile dieser neutralen oder alle-umarmenden-Auswahl lässt sich vortrefflich streiten. Auf der einen Seite wird die Liste kriegsführender, kriegsbeteiligter und kriegsunterstützender und dann ja eigentlich von der Filmpräsentation auszuschließender Länder täglich länger, und auf der anderen Seite gibt es natürlich immer einen Kontext von Auswahl und Präsentation, aus dem sich Kriege und Konflikte nie ganz wegdenken lassen, vor allem wenn offizielle Fördergelder in den Filmen stecken. Sodass es dann und wann auch mal sehr richtig und wichtig ist, Sensibilitäten zu beachten und vielleicht mal einen Film nicht zu zeigen. Abgesagt hat beim MONSTRA jedenfalls noch niemand als Reaktion auf diese Festival-Policy, sagt Fernando Galito. Das ist überraschend und gibt zu denken.

Portugal in allen Facetten

12000 handbemalte Fliesen! Mit der Weltpremiere des stark durchrhythmisierten VIRGIN FANDANGO von Marcy Page, einem hoch ambitionierten Animationsfilm, der die Errungenschaften von Frauen feierte, endete das 25. MONSTRA am Abend der Preisverleihung so unbedingt portugiesisch, wie es begonnen hatte. Denn neben den kredenzten Snack-Lupinen und Pastéis de Nata (aus Belém), gab es bei aller internationalen Präsenz vor allem viel Applaus für den portugiesischen Animationsfilm – neben Vasco Granja Awards wurden noch zusätzlich die besten portugiesischen Filme in allen Kurzfilmkategorien prämiert. Selbst wenn sich diese Mehrfachauszeichnungen für Nicht-Portugies*innen nicht unbedingt erschließen (reicht da nicht ein Wettbewerb?), so entsteht in jedem Fall ein Eindruck einer tief in der portugiesischen Animationscommunity verankerten und sehr wertgeschätzten Festivalinstitution, die ihrerseits die Wertschätzung an die Szene zurückgibt. Dank dieser Regelung wurde DOG ALONE (CÃO SOZINHO) gleich zweimal Preisträger: Er erhielt den Vasco Granja | SPA Grand Prix und den Preis als bester portugiesischer Film im Internationalen Wettbewerb. Marta Reis Andrades Film kontrastiert die Entfremdung in der großen Stadt mit den Erinnerungen an den in der Altersdemenz verschwindenden Opa und das Familiengefüge auf dem Dorf. Auch wenn die Themen nicht immer glücklich ineinandergreifen, findet Andrade doch schöne Metaphern, vor allem für das Älterwerden, das einen so sehr von seinen Mitmenschen entfernt.

BECAUSE TODAY IS SATURDAY © Alice Eça Guimarães, Animais AVPL
BECAUSE TODAY IS SATURDAY © Alice Eça Guimarães, Animais AVPL

Nur mit dem Publikumspreis im Vasco-Granja-Wettbewerb gewürdigt, aber viel weniger sentimental und wuchtiger im Nachgang: Alice Eça Guimarães‘ BECAUSE TODAY IS SATURDAY (PORQUE HOJE É SÁBADO), dem Abgesang einer Mutter auf ihr ureigenes Ich. Wir sehen die Mutter den Alltag navigieren, immer wieder holt sie aus sich das Letzte raus, wortwörtlich – zieht sich den Kochtopf aus dem Kopf, manövriert ein Kuscheltier aus den Untiefen ihres Körpers zum Trösten hervor, wird fast selbst zur rotierenden Waschmaschine. Die Selbstopferung für die Familie ist hier als Animationsidee hervorragend konsequent umgesetzt, das Ende absolut verheerend: Das ureigene, kreative, Nicht-Mutter-Ich wird zusammengelegt und in den Backofen geschoben; zu sehr stört es beim Funktionieren. Spannenderweise holte im Internationalen Wettbewerb eine andere, ungleich optimistischere Erzählung von Mutterschaft ebenfalls den Publikumspreis: In FEED, WASH & LOVE (ŽRANÍ, PRANÍ, MILOVÁNÍ) von Veronika Pasterná Szemlová versucht eine Mutter, Künstlerin zu bleiben, trotz zweier Kinder, Haushaltwuppen und – sehr schön dargestellt! – der intensiven, erotischen Paarbeziehung mit ihrem Mann. Doch die Kunst leidet: Die Möhre, die sie eigentlich immer zeichnen möchte, wird nie fertig. Dabei ändert sich die Animation grundlegend, vom flächigen, definierten Look über Collage bis in die roughe Zeichnung, als die Mutter nunmehr auf dem Zahnfleisch geht. Doch am Ende kann sie dank ihrer kleinen Tochter die Möhre in etwas anderes verwandeln. In FEED, WASH & LOVE geht es am Ende nicht mehr um die große Kunst, aber um die machbare, die auch einen Alltag überlebt. Und die dabei gute Laune macht. Das mag ein Kompromiss sein, gewiss, aber ein produktiver. Einer, den man mit nach Hause und für viele Lebenslagen als Gedankenstütze verwenden kann, wie sehr viele der hier gesammelten Lissabon-Eindrücke.