Oscarverleihung 2026 – Eine Einführung


The Hollywood Sign taken from the Kodak Theatre © David Jones on Flickr
The Hollywood Sign taken from the Kodak Theatre © David Jones on Flickr

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen. Wie jedes Jahr schaue ich auf einen spannenden Jahrgang zurück, gehe kurz auf die Besonderheiten der zurückliegenden Oscar Saison ein, bevor ich wieder meine Prognosen, die einzelnen Kategorien betreffend, abgebe. Ausgezeichnet werden im März 2026 Filme, die mindestens 40 Minuten lang sind und zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2025 ihre Premiere im Großraum Los Angeles oder in einigen weiteren spezifischen US Countys (Chicago, New York, Atlanta, Dallas-Fort Worth oder in der Bay Area) feierten und dort im Anschluss mindestens sieben Tage lang vor zahlendem Publikum gezeigt wurden. Zudem müssen die für den Hauptpreis nominierten Filme zwei von vier Diversitätsstandards (RAISE) erfüllen, die Repräsentation von LGBTQ+, ethnischen Gruppen, Frauen oder Menschen mit Behinderungen fördern. Die Academy-Mitglieder müssen seit diesem Jahr auch verbindlich nachweisen, alle nominierten Filme in der jeweiligen Kategorie gesehen zu haben.

Einen großen Skandal, wie im vergangenen Jahr um EMILIA PÉREZ, hat es in dieser Saison dankenswerter Weise nicht gegeben, auch wenn in den letzten Wochen Kritik an einigen fragwürdigen und persönlichkeitsverletzenden Regiepraktiken Josh Safdies bei einer früheren Produktion aufkam, die seinem Film MARTY SUPREME möglicherweise Chancen auf den einen oder anderen Oscar verhageln könnte. Der im Raum stehende Vorwurf sexueller Übergriffigkeit ist heute zu recht kein kleiner mehr. Safdie gibt sich kleinlaut, weil er bei dem in Frage stehenden Ereignis nicht rechtzeitig eingegriffen hat. Inwiefern dies die Oscar-Chancen von MARTY SUPREME beeinflusst, bleibt abzuwarten. Safdie selbst ist für vier Oscars nominiert (Produktion, Regie, Drehbuch und Schnitt von MARTY SUPREME). Er ist die zwölfte Person, der das gelang.

35 Langfilme sind in diesem Jahr für Oscars nominiert (plus 15 Kurzfilme in den entsprechenden Kategorien), davon je fünf animierte Filme und fünf Dokumentationen. Die überwiegende Zahl an Nominierungen entfallen aber auf die zehn Filme, die für den Hauptpreis konkurrieren und auch alle einzelnen Kategorien (außer MakeUp & Hair Styling) dominieren. Fünf Filme sind für neun oder mehr Oscars nominiert, was einen Rekord darstellt. Zum ersten Mal sind zwei Filme für 13 oder mehr Oscars nominiert und ein Film (SINNERS) hat sogar einen neuen Rekord aufgestellt.

Bislang waren 13 Nominierungen so etwas wie eine Benchmark. Nur drei Filme wurden in den vergangenen 97 Jahren für mehr, nämlich 14 Oscars, nominiert: ALL ABOUT EVE (1950), TITANIC (1997) und LA LA LAND (2016). EVE und TITANIC wurden auch als Beste Filme ausgezeichnet. LA LA LAND galt ca. 4 Minuten lang als Bester Film, bevor (Stichwort: Envelopegate) die Oscarverleihung 2016 eine überraschende Wendung nahm. Der Horrorfilm SINNERS hat nun diesen alten Rekord locker überboten und geht mit fabelhaften 16 Nominierungen ins Rennen.

Den Oscar für den Besten Film hat SINNERS damit noch nicht gewonnen (siehe LA LA LAND). Dass er am Ende komplett leer ausgeht, ist aber auch höchst unwahrscheinlich. Sollte SINNERS bei 16 Nominierungen aber nur vier oder weniger Oscars tatsächlich gewinnen, könnte er auch als größter Loser in die Oscar-Geschichte eingehen. Den Rekord der meisten nicht erfolgreichen Nominierungen (elf) teilen sich aktuell drei Filme: THE TURNING POINT (1977), THE COLOR PURPLE (1985), die beide komplett leer ausgingen, und EMILIA PÉREZ (2024), der bei 13 Nominierungen aber immerhin auch zwei Oscars gewinnen konnte.

Neben SINNERS hat auch ONE BATTLE AFTER ANOTHER mit 13 Nominierungen ordentlich abgeräumt. Beide Filme werden sehr wahrscheinlich die Oscarverleihung dominieren. Die Situation erinnert ein wenig an das Jahr 1964, als mit MY FAIR LADY (12 Nominierungen/acht Oscars) und MARY POPPINS (13 Nominierungen/fünf Oscars) ebenfalls zwei Filme mehr als die Hälfte aller vergebenen Preise gewannen. Es könnte aber auch anders kommen, denn das Feld der Nominierten ist wieder sehr stark und eine Verleihung nach dem Prinzip Gießkanne ist ebenso möglich und, ehrlich gesagt, auch wünschenswert.

So erfreulich die vielen Nominierungen für so wenige Filme für die Fans und die Produzenten dieser Filme auch sein mögen, muss sich die Academy auch vorwerfen lassen, einen komplexen und diversen Jahrgang wie 2025 nur ansatzweise zu reflektieren. Viele bemerkenswerte und durchaus preiswürdige Filme, die im vergangenen Jahr in den Kinos gezeigt wurden, finden bei den Oscars gar nicht statt: 28 YEARS LATER, BLACK BAG, DIE MY LOVE, EDDINGTON, HEDDA, IN DIE SONNE SCHAUEN, NO OTHER CHOICE, NOUVELLE VAGUE, RESURRECTION, WARFARE, THE TESTAMENT OF ANN LEE oder SORRY, BABY, um nur einige zu nennen.

Auf der anderen Seite ist auch in diesem Jahr wieder die Präsenz des internationalen Kinos erfreulich, die seit den Umstrukturierungen in der Academy in Folge der #oscarsowhite- und #metoo-Kampagnen vor zehn Jahren stetig zugelegt hat. Mit THE SECRET AGENT (Brasilien) und SENTIMENTAL VALUE (Norwegen) sind zwei nicht-englischsprachige Filme für den Hauptpreis nominiert. 2025 ist bereits der achte Jahrgang in Folge, in dem mindestens ein internationaler Film für den Besten Film nominiert ist. Daneben gibt es mit ARCO (Frankreich), EIN EINFACHER UNFALL (Iran/Frankreich), SIRÂT (Spanien), LITTLE AMÉLIE OR THE CHARAKTER OF RAIN (Frankreich/Belgien), KOKUHO (Japan) und THE UGLY STEPSISTER (Norwegen/Polen) weitere internationale Produktionen, die außerhalb der für nicht-englischsprachige Filme vorgesehenen Kategorie International Feature Film nominiert wurden.

Zum ersten Mal seit der Einführung von Animated Feature Film vor 24 Jahren gibt es in diesem Jahr wieder eine neue Kategorie: Best Casting. Ausgezeichnet wird hier ausdrücklich nicht das Schauspielensemble eines Films sondern die oder der jeweilige Casting-Direktor_in, die/der für die Zusammensetzung des Ensembles verantwortlich sind. Da der Prozess des Castings in der Regel (mit kleinen Ausnahmen) mit Drehbeginn abgeschlossen ist, handelt es sich hier um den dritten Pre-Production-Award, neben den beiden Drehbuch-Oscars. Die Branche der Casting-Direktor_innen hatte lange für diesen Preis gekämpft. Schön, das deren für den Erfolg eines Films so wichtige Arbeit nun endlich auch gewürdigt wird. Schon in zwei Jahren, zur dann 100. Oscarverleihung, wird es mit Stunt-Design eine weitere Oscar-Kategorie geben, die schon lange erwartet wird.

Statistiken und Rekorde

Der Horrorfilm ist in diesem Jahr besonders präsent. Ganze 27 Nominierungen entfallen auf das beim Publikum beliebte Genre (davon 16 für SINNERS und neun für FRANKENSTEIN), womit der alte Rekord von zehn Nominierungen (in den Jahren 1973 und 2024) pulverisiert wurde. FRANKENSTEIN und SINNERS sind der achte und neunte Horrorfilm, die für den Oscar für den Besten Film nominiert wurden, nach: THE EXORCIST (1973), JAWS (1975), THE SILENCE OF THE LAMBS (1991, der als Einziger auch gewann), THE SIXTH SENSE (1999), BLACK SWAN (2010), GET OUT (2017) und THE SUBSTANCE (2024).

Mit Adam Somner (ONE BATTLE AFTER ANOTHER) ist zum sechsten Mal eine Person posthum für den Best Picture Award nominiert. Somner gehörte zu den renommiertesten Regieassistenten der letzten 30 Jahre und arbeitete u.a. für Steven Spielberg, Ridley Scott, Alejandro Gonzales Ińárritu, Martin Scorsese und Steve McQueen. Seit THERE WILL BE BLOOD (2007) verband ihn eine enge kreative Partnerschaft mit Paul Thomas Anderson. Schon für LICORICE PIZZA (2021) war er gemeinsam mit Anderson als Produzent nominiert. Sollte Somner, der am 27. November 2024 einem Krebsleiden erlag, gewinnen, wäre er nach Sam Zimbalist (BEN HUR, 1959) der zweite posthum geehrte Produzent.

Während Steven Spielberg (HAMNET) seinen Rekord als meist nominierter Produzent auf 14 Nominierungen ausbaut, steigt Dede Gardner (F1) mit ihrer neunten Nominierung zur meist nominierten Produzentin auf. Nur Spielberg war häufiger als sie im Rennen um den Best Picture Award. Gardner ist eine von zehn Frauen (Rekord), die in diesem Jahr um den Hauptpreis konkurrieren. Sie ist auch eine der sechs Produzent_innen, die für F1 nominiert sind, womit der Film das Maximum an möglichen Nominierungen für den Hauptpreis ausreizt. Eigentlich sind nur drei zu nominierende Produzent_innen pro Film zugelassen. Ausnahmen gibt es aber für Produzent_innen-Teams (von maximal 2 Personen). Für F1 sind drei Produzent_innen-Teams nominiert. Gardner geht mit ihrem langjährigen Kreativ-Partner Jeremy Kleiner an den Start. Beide gewannen den Oscar für 12 YEARS A SLAVE (2013) und MOONLIGHT (2016).

In ONE BATTLE AFTER ANOTHER spielt Leonardo DiCaprio zum 12. Mal eine Rolle in einem für den Top-Oscar nominierten Film – ein Rekord, den er sich mit Robert DeNiro teilt. Cate Blanchett und Jack Nicholson folgen mit 10 Nennungen an zweiter Stelle. Dicht auf den Fersen kommt allerdings Timothée Chalamet mit MARTY SUPREME auch schon auf seine achte Beteiligung an einem Best Picture Nominee. Sollte ONE BATTLE AFTER ANOTHER als Bester Film ausgezeichnet werden, wäre es der dritte Film mit DiCaprio in einer Hauptrolle, dem das gelingt, nach TITANIC (1997) und THE DEPARTED (2006). Hauptrollen in drei Besten Filmen sind auch für die großen Stars eher selten. Bislang schafften das nur Clark Gable (1934, 1935 und 1939), Dustin Hoffman (1969, 1979 und 1988), Meryl Streep (1978, 1979 und 1985) und Jack Nicholson (1975, 1983 und 2006). Auf drei Credits (Haupt- oder Nebenrollen) in Best Picture-Gewinnern kommen auch Donald Crisp, Ralph Fiennes, Colin Firth, Morgan Freeman, Beth Grant, John Gielgud, Jack Hawkins, Bernhard Hill, Shirley MacLaine und Talia Shire.

Zum siebten Mal in Folge führte bei mindestens einem der zehn für den Besten Film nominierten Filme eine Frau Regie (dass das immer noch eine Meldung wert ist, sagt auch einiges über die Produktionsbedingungen in Hollywood). Diese Frau heißt Chloé Zhao. Sie kommt als zweite Frau auch auf eine zweite Regienominierung. Als Erster gelang das Jane Campion, die 1993 für THE PIANO nominiert war und 2021 für THE POWER OF THE DOG gewann. Zhao erhielt schon für ihre erste Nominierung (NOMADLAND, 2020) den Oscar. Apropos Diversity: mit Ryan Coogler (SINNERS) ist zum siebten Mal ein schwarzer Regisseur nominiert. Er wäre der erste schwarze Gewinner in dieser Kategorie und nach Ang Lee (2005 und 2012) und Zhao die dritte Person of Colour.

SENTIMENTAL VALUE ist als erster Film für vier Schauspiel-Awards nominiert, der bei den Actor Awards komplett leer ausging. 16 der 20 nominierten Performances stammen aus Filmen, die auch für den Hauptpreis konkurrieren (der Rekord liegt bei 17 im Jahr 1944). Zum ersten Mal sind vier Schauspieler_innen für mehrheitlich nicht-englisch-sprachige Rollen nominiert. Elf Schauspieler_innen sind zum ersten Mal nominiert, vier haben schon wenigstens einmal gewonnen. Nebendarstellerin Amy Madigan (WEAPONS) ist zum zweiten Mal dabei. Sie war zuletzt 1985 für TWICE IN A LIFETIME nominiert. Sie ist damit nach Judd Hirsch (42 Jahre) und Henry Fonda (41 Jahre) die Schauspieler_in, die am drittlängsten (40 Jahre) auf eine zweite Nominierung warten musste.

Michael B. Jordan (SINNERS) ist als zweiter Schauspieler für das Portrait von Zwillingen nominiert, nach Nicolas Cage in ADAPTATION (2002). Er ist auch als achte Person für mehrere Rollen in einem Film nominiert, nach: Charlie Chaplin (THE GREAT DICTATOR, 1940), Peter Sellers (DR. STRANGELOVE OR HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB, 1964), Lee Marvin (CAT BALLOU, 1965, der Einzige, der für mehrere Rollen gewann), Meryl Streep (THE FRENCH LIEUTENANT’S WOMAN, 1981), Klaus Maria Brandauer (OUT OF AFRICA, 1985), Nicolas Cage und Wagner Moura (THE SECRET AGENT, 2025).

Der spanische Film SIRÂT ist der Erste, für den ein komplett weibliches Sound-Team nominiert ist. Kostüm-Designerin Ruth E. Carter (SINNERS) ist zum fünften Mal nominiert, häufiger als jede andere schwarze Frau. Für denselben Film ist auch Autumn Durand Arkapaw nominiert. Sie ist die erst vierte Kamerafrau im Rennen und die erste Afroamerikanerin in dieser Kategorie. Sie wäre auch die erste weibliche Gewinnerin für Best Cinematography.

Noch ein paar Worte zu Diane Warren. „Dear Me“ aus DIANE WARREN: RELENTLESS ist ihre inzwischen 17. Nominierung, alle in Original Song. Nur Johnny Mercer (18) und Sammy Cahn (26) waren in dieser Kategorie häufiger im Rennen. Sollte sie erneut leer ausgehen, womit zu ihrem Bedauern zu rechnen ist, wäre sie die meistnominierte Person ohne einen gewonnenen Oscar. Dennoch, Warren scheint sehr viele Freunde in der sie nominierenden Music-Branche der Academy zu haben. „Dear Me“ ist ihre neunte Nominierung in Folge. In diesem Jahr musste gar eine Dokumentation über ihre Karriere herhalten, um ihr den fast schon obligatorischen Auftritt bei den Oscars zu garantieren. Vor vier Jahren wurde sie für ihr Lebenswerk mit einem Ehrenoscar gewürdigt. Doch Warren gibt nicht auf und wir dürfen gespannt sein, für welch obskuren Film sie im nächsten Jahr eine Nominierung bekommt.

Oscar Prognose

Für meine Oscar-Prognose habe ich wieder die verschiedenen Kritikerpreise und Precursor Awards studiert. Wichtigste Indikatoren sind neben den von Kritikern verliehenen Golden Globes (ausländische Presse) und Critics Choice Awards (CCA) vor allem die Preise der verschiedenen Gewerkschaften, wie der Producers Guild (PGA), der Directors Guild (DGA), der Writers Guild (WGA) und der Screen Actors Guild (SAG, deren Preis seit diesem Jahr offiziell „The Actor Award presented by SAG•AFTRA“ heißt). Die Präferenzen der Academy Mitglieder lassen sich auch an den Awards der Britisch Film Academy (BAFTAS) ablesen, deren Mitglieder häufig auch bei den Oscars stimmberechtigt sind.

Anders als im letzten Jahr gibt es diesmal bei den beiden wichtigsten Preisen (Bester Film und Regie und eigentlich auch in den beiden Drehbuchkategorien) relativ klare Favoriten. In anderen Kategorien ist das Bild weniger eindeutig. Drei der vier Schauspielkategorien sind noch in Bewegung. Auch International Feature Film, Kamera und Schnitt könnten mit Überraschungen aufwarten. Das Ergebnis in der neuen Kategorie Casting wird ebenfalls mit Spannung erwartet, da wir für eine Prognose des Abstimmungsverhaltens der Academy nicht auf Erfahrungen aus früheren Oscarverleihungen zurückgreifen können. Wird Casting ein Award sein, der sich dem Portfolio des Hauptgewinners anschließt oder entsteht hier eine Art Gegengewicht, ein Award, der an einen Film vergeben wird, der zwar nicht als Bester Film gewinnt, aber eben als „Zweit-“ oder „Drittplatzierter“ (ähnlich dem Jurypreis bei diversen Festivals). Wir werden sehen. Es bleibt auf alle Fälle spannend. In den kommenden Tagen werde ich meine Prognose, die einzelnen Kategorien betreffend abgeben. Dabei geht es weniger um die Frage der eigentlichen Qualität der jeweiligen Filme, sondern um ihre tatsächliche Chancen, einen oder mehrere Oscars zu gewinnen.

Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.