Oscarverleihung 2026 – eine Prognose, Teil #2


SIRÅT © Pandora Film / QuimVives
SIRÅT © Pandora Film / QuimVives

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen. Nachdem es in Teil #1 um die Kurzfilme, die Dokumentarfilme und die Animierten Spielfilme ging, widme ich mich diesmal den technischen Kategorien, also jenen Filmkünstlern, die im Hintergrund arbeiten und die Gestaltung des jeweiligen Films durch ihre Kunst tragen.

I. MakeUp & Hair Styling

Wird gewinnen: Guillermo del Toros FRANKENSTEIN überzeugt vor allem mit prosthetic MakeUp bei der Verwandlung Jacob Elordis in die mit Narben und Nähten übersäte Kreatur. Das Design von Frankensteins Monster unterscheidet sich sehr von der früherer Darstellungen, wie bei Boris Karloff oder Robert DeNiro. Elordis Kreatur ist ein androgynes und trotz beeindruckender Physis doch zartes und empfindsames Wesen – fremdartig und unter seiner offensichtlich abstoßenden Natur leidend. Das Team ist neben diesem faszinierenden Geschöpf aber auch für das ausgefallene, von Mia Goth getragene Hair Styling verantwortlich. Aber machen wir uns nichts vor: es ist die Kreatur, die FRANKENSTEIN diesen Oscar sichert. Dafür gab es bislang schon den BAFTA, den CCA sowie den Preis der MakeUp & Hair Stylers Guild für das beste prosthetic Make Up.
Sollte gewinnen: Die norwegisch/polnische Ko-Produktion THE UGLY STEPSISTER, die Aschenputtel aus der Perspektive der titelgebenden „häßlichen“ Stiefschwester erzählt. Emilie Blichfeldts rabenschwarze Komödie nimmt Schönheitswahn und Körperoptimierung aufs Korn. Der Film erinnert in vielen Aspekten an den letztjährigen Gewinner in dieser Kategorie, THE SUBSTANCE, und erzählt das bekannte Märchen als Body Horror neu. Die arme Hauptfigur muss sich, um den angebeteten Prinzen zu gewinnen, die Nase brechen und falsche Wimpern annähen lassen sowie einen Bandwurm schlucken, um schlanker zu werden. Und dann passt ihr Fuß immer noch nicht in den Schuh.
Ein würdiger Gewinner wäre auch das japanische Epos KOKUHÔ, in dem ein junger Mann Karriere im Kabuki Theater macht, einer Kunstform, bei der alle Rollen von weiß geschminkten Männern gespielt werden, die in präzisen Choreographien singen und tanzen. Der faszinierende Dreistundenfilm von Sang-il Lee folgt seinem Protagonisten über mehrere Jahrzehnte, weshalb neben dem artifiziellen Theaterlook auch Old Age-MakeUp zum Einsatz kommt.
Außerdem nominiert: SINNERS für die verschiedenen Vampir-Designs und aufgerissenen Wunden, die vor allem in der zweiten Hälfte des Films zum Einsatz kommen. Die MakeUp & Hair Stylers Guild vergab dafür die Preise für MakeUp und für Hair Style in der Sparte Period Film.
THE SMASHING MACHINE von Benny Safdie, in dem sich Superstar Dwayne Johnson in den Mixed-Martial-Arts- und UFC-Champion Mark Kerr verwandelt, inklusive seltsamer Frisur, Wunden und Narben. Im Film verändert sich Johnsons Look mehrfach, vor allem in den Szenen, in denen Kerrs Drogenabhängigkeit thematisiert wird.

II. Visuelle Effekte:

Wird gewinnen: AVATAR: FIRE AND ASH, der dritte Teil von James Camerons 3D-Spektakel. Wann immer ein AVATAR-Film nominiert ist, werden die anderen Nominierten zu Zähl-Kandidaten degradiert. Die visuellen Effekte in diesem Franchise sind der Konkurrenz einfach hoffnungslos überlegen, auch wenn der Aha-Effekt, den noch der letzte Teil THE WAY OF WATER vor drei Jahren erzeugte, hier weniger ins Gewicht fällt. Allein die Textur von Sonnenlicht auf der Haut Na’vi stellt die anderen Nominierten in dieser Kategorie in den Schatten. Die vier nominierten Profis haben alle schon Oscars gewonnen. Mit FIRE AND ASH kommt ein weiterer dazu.
Sollte gewinnen: Ganz ehrlich? AVATAR: FIRE AND ASH. CCA und BAFTA sahen das genauso.
Außerdem nominiert: F1 für die spektakulären Car-Crashs auf den Formel 1-Rennstrecken.
JURASSIC WORLD: REBIRTH, der inzwischen siebte Film des JURASSIC-Universums und interessanterweise der erste seit THE LOST WORLD: JURASSIC PARK (1997), der für einen Oscar nominiert ist. Nur das legendäre Original von 1993 konnte diesen Oscar gewinnen. Auch im neuen Film gibt es wieder jede Menge Dinos. Hat man zwar alles schon gesehen, ist aber technisch auf dem neuesten Stand.
THE LOST BUS für das beeindruckende Design der Waldbrände, die Kalifornien vor einigen Jahren heimsuchten.
SINNERS für die große Vampir-Abwehrschlacht am Ende des Films, aber auch für die spektakuläre Zeit und Raum verschmelzende „I Lied To You“-Sequence im Zentrum des Films. Vor allem aber für die Kunst, das Publikum glauben zu machen, dass es Michael B. Jordan tatsächlich doppelt gibt oder er einen bislang unbekannten Zwillingsbruder hat, der ebenfalls ein sehr guter Schauspieler ist.

III. Ton

Wird gewinnen: F1, für den das Team eine umfangreiche Datei anfertigte. Für jedes im Film verwendete Rennauto wurde ein Katalog aus verschiedensten Sounds angelegt, wie dieses Auto in bestimmten Situationen nach soundso vielen Schaltungen klingen würde und zwar innerhalb des Autos und außerhalb. Das Ergebnis ist ein hyper-authentisches Sound-Design, das zum immersiven Erlebnis des Kinogängers beiträgt. Dafür gab es schon den BAFTA, den CCA und den Preis fürs Sound Mixing von der Cinema Audio Society.
Sollte gewinnen: SIRÂT, für den erstmals ein komplett weibliches Team nominiert wurde. Neben den sonnendurchfluteten Bildern ist es vor allem der Sound, der diesen Film zu einem spektakulären Kinoerlebnis macht. Knarzende Bässe auf einem Rave im Hinterland Marokkos, durch die Wüste bretternde Trucks und Explosionen – dazugemixt der Score von Kanding Ray.
Außerdem nominiert: FRANKENSTEIN für Explosionen, Blitze und elektrische Ladungen, einen Angriff durch Wölfe und die einsam in dunkler Nacht ihren Schöpfer rufende Kreatur.
ONE BATTLE AFTER ANOTHER für Explosionen, Straßenschlachten, Verfolgungsjagden und sich überlappende Dialoge.
SINNERS für die Vampire, klar, aber vor allem für die kunstvolle Mischung von Musik und Dialogen. SINNERS mag zwar in die Kategorie Horrorfilm fallen. Er ist in erster Linie aber ein Film über den Blues und dessen magische Wirkung. Wie alle Gewerke arbeitet deshalb auch das Sound Department an diesem Film auf höchstem Niveau. Ein Musikfilm sollte hier eigentlich den ersten Zugriff haben, es sei denn, man hat, wie mit F1, einen Film über Autorennen. Im Zweifel wird sich die Academy wohl für das „WRRRRUMMM!“ entscheiden.

Eine Besprechung zu SIRÂT findet ihr hier.


IV. Music

a) Original Song

Wird gewinnen: die euphorische Pop-Hymne „Golden“ aus dem Animationsmusical KPOP DEMON HUNTERS. Der Soundtrack dieses Films ist bis zum Rand mit Bangern gefüllt. Doch „Golden“ ist so etwas wie der Signature Song. Zu Beginn des Films soll er als neue Single der populären Girlgroup Huntr/x veröffentlicht werden, bevor die Ladys Ärger mit den Saja Boys bekommen. Im vergangenen Sommer entwickelte sich „Golden“ nach Veröffentlichung des Films zum weltweiten Nummer Eins-Hit. Der Song ist klassischer KPop: eingängige Elektropopmelodie, zackiger Groove und mehrere Oktaven überwindender Gesang, der englische und koreanische Lyrics verbindet. Geschrieben hauptsächlich von der koreanischen Sängerin und Produzentin EJAE, mit Unterstützung von sechs weiteren Komponisten (auch das typisch KPop), ist „Golden“ direkt in die Handlung des Films eingebunden und damit eine bessere Wahl als ein schnöder End Credit Song. „Golden“ hat schon den Golden Globe, den CCA und den Grammy für Best Song Written for Visual Media gewonnen.
Sollte gewinnen: „I Lied To You“ von Raphael Saadiq und Ludwig Göransson – ein Stück Blues, mit dem in SINNERS der junge Sammie (Miles Caton) ein transzendentales Ereignis schafft, in dem die im Film anwesenden Gäste des Juke Joints in Verbindung zu ihren Ahnen treten und zugleich ein Blick in die Zukunft afroamerikanisch geprägter Popmusik eröffnet wird. Der Sequence zu diesem Song gehören die fünf faszinierendsten Minuten des vergangenen Kinojahres.
Außerdem nominiert: „Dear Me“ von Diane Warren aus dem Dokumentarfilm DIANE WARREN: RELENTLESS – eine der typischen Power-Balladen, für die Warren ihre nunmehr 17. Oscarnominierung (die neunte in Folge) bekam und erneut leer ausgehen wird.
„Sweet Dreams Of Joy“ – ein Stück Opera-Pop von Nicholas Pike, der im Dokumentarfilm VIVA VERDI! zu hören ist. Der Film berichtet von der Casa Verdi, einem von dem berühmten Komponisten gestiftetes Seniorenheim für Musiker in Mailand und seinen auch im hohen Alter noch sehr talentierten Bewohnern.
„Train Dreams“ von Nick Cave und Bryce Dessner – ein Folksong, der über die End Credits von TRAIN DREAMS läuft. Nicht gerade der beste Nick Cave-Song, aber auch nicht sein schlechtester.

b) Original Score

Wird gewinnen: SINNERS von Ludwig Göransson, der klassischen Score mit Blues und Spirituals verbindet. Ebenso sehr wie ein Vampir Horror ist SINNERS auch ein Musikfilm. Über die Geschichte der Brüder Smoke und Stack, die mit geraubten Geld im Mississippi-Delta ein Juke Joint eröffnen und dann unangenehmen Besuch bekommen, erzählt SINNERS auch über die Geschichte des Blues und seiner spirituellen Bedeutung für die afroamerikanische Community. Zugleich reflektiert der Film die kulturelle Aneignung dieser Musik und ihrer Rhythmen durch eine weiße Mehrheitsgesellschaft und ihren immensen Einfluss auf moderne Popmusik. Der Score übernimmt hier also eine narrative Funktion, mehr noch als das bei Filmmusik ohnehin der Fall ist. Der Schwede Göransson wird damit seinen dritten Oscar gewinnen, nach BLACK PANTHER (2018) und OPPENHEIMER (2023). Bislang erhielt er für SINNERS schon den BAFTA, den Golden Globe, den CCA und einen Grammy.
Sollte gewinnen: ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Jonny Greenwood, in dem der Gitarrist der britischen Band Radiohead neben einem aus allen Rohren schießenden Schicksalsmotiv vor allem mit Elementen des Free Jazz spielt. An Vielschichtigkeit kann es diese Musik mit dem SINNERS-Score aufnehmen, er stellt aber vor allem die krönende Leistung in Greenwoods Karriere als Filmkomponist dar. Seinen ersten Score schrieb er 2007 für Paul Thomas Andersons THERE WILL BE BLOOD. Seither hat er alle Filme von Anderson vertont und wurde 2017 für PHANTOM THREAD erstmals nominiert. Daneben hat er noch für Lynne Ramsay und Pablo Larraín gearbeitet und wurde vor vier Jahren für Jane Campions THE POWER OF THE DOG ein weiteres Mal nominiert.
Außerdem nominiert: BUGONIA, für den Jerskin Fendrix eine ähnlich komplexe Musik wie für seine bislang einzige Nominierung für POOR THINGS (2023) schuf und klassische Arrangements mit elektronischen Klängen verband. Fendrix gehört zu den aufregendsten jungen Filmkomponisten. Man darf auf seine zukünftigen Arbeiten gespannt sein.
FRANKENSTEIN, für den der Franzose Alexandre Desplat eine gewohnt kompetente, wenn auch nicht allzu aufregende Musik schuf. Desplat ist zum elften Mal nominiert und gewann für THE GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) und THE SHAPE OF WATER (2017).
HAMNET schließlich, für den der in Deutschland geborene Brite Max Richter – believe it or not – seine erst Oscarnominierung einfuhr. Richter ist ein weltweit gefeierter und renommierter Komponist moderner Klassik. Neben seinen direkt für Filme wie WALTZ WITH BASHIR (2008) oder Serien wie THE LEFTOVERS (2014-17) geschriebenen Scores, wurden immer wieder auch unabhängige Eigenkompositionen Richters für Filmmusiken verwendet. Vor allem das berühmte Stück „On The Nature Of Daylight“, das er 2004 für seine Album „The Blue Notebooks“ schrieb und mit dem er den Irakkrieg verarbeitete, tauchte mehrfach prominent in Filmen wie SHUTTER ISLAND (2010) oder ARRIVAL (2016) auf und wurde auch von Chloé Zhao für die Katharsis in HAMNET herangezogen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Richters eigentliche für den Film geschriebene Musik, eine Kombination aus Ambient und Kammermusik, zur hochemotionalen Grundstimmung HAMNETs beiträgt.

Eine Besprechung zu BUGONIA findet ihr hier.



V. Ausstattung

Wird gewinnen: FRANKENSTEIN für seine massiven und, wie immer bei Guillermo del Toro, fantasievollen Sets. Tamara Deverell und Shane Vieau haben dafür u.a. ein Schloss, verschieden Wohnräume, einen Hörsaal, einen Turm, ein Bauerngehöft und ein im arktischen Eis festsitzendes Segelschiff nachgebaut und mit detaillierten Miniaturen und beweglichen Sets gearbeitet. Das alles trägt zur haptischen Textur von FRANKENSTEIN bei. Man möchte den Film immer wieder kurz anhalten, um sich in den Tiefen des Set Designs zu verlieren oder Gegenstände in die Hand zu nehmen. FRANKENSTEIN ist dabei kein realistisches Abbild der Welt Mitte des 19. Jahrhunderts. Was wir sehen, ist eine farbenfrohe Fantasywelt, die aber historisch grundiert ist. Deverell ist zum zweiten Mal nominiert, Vieau schon zum vierten Mal – er gewann 2017 für del Toros THE SHAPE OF WATER. Für FRANKENSTEIN holten sie bislang den BAFTA, den CCA und den Art Director’s Guild Award.
Sollte gewinnen: MARTY SUPREME, für den die Legende Jack Fisk ganze New Yorker Straßenzüge nachbauen ließ, inkl. eines Bowling Centers, das zugleich als Ping Pong Court genutzt wird. Jack Fisks Arbeiten sind für ihre lived-in-Qualität bekannt. Das gilt auch für MARTY SUPREME. Fisk und sein Set Designer Adam Willis waren zuletzt für KILLERS OF THE FLOWER MOON (2023) nominiert. Fisk war außerdem für THERE WILL BE BLOOD (2007) und THE REVENANT (2015) im Rennen.
Auch Fiona Crombies und Alice Feltons Production Design von HAMNET ist durchaus preiswürdig. Neben dem von schweren Holzplanken geprägten Wohnhaus der Shakespeares in Stratford beeindruckt vor allem das für die Schlusssequence in Originalgröße nachgebaute Globe Theatre in London. Crombie und Felton waren schon 2018 für THE FAVORITE nominiert und gewannen für HAMNET den Period-Award der Set Decorator’s Society of America.
Außerdem nominiert: Zeitgenössische Filme haben es hier immer schwer. Aber auch ONE BATTLE AFTER ANOTHER glänzt mit einigen bemerkenswerten Sets. Von dem kleinen Häuschen, in dem sich Bob und Willa verstecken (inkl. eines in einem Klohäuschen endenden Fluchttunnels), über Senseis über einem Geschäft versteckten Untergrundbehausung (inkl. zahlreicher Zimmer und versteckter Notausgänge) bis hin zur unterirdisch gelegenen Zentrale des Christmas Adventurers Clubs oder einem in den kalifornischen Bergen versteckten Klosters. Florencia Martin (Production Design) und Anthony Carlino (Set Decoration) waren vor drei Jahren für ihre beeindruckende Arbeit in BABYLON nominiert und erhielten in dieser Saison die Preise der Art Direktors Guild und der Set Decorator’s Society in der Sparte Temporary Film.
Für SINNERS haben Hannah Beachler und Monique Champagne einen Juke Joint, eine zu einer Tanz- und Trinkhalle umgebauten Scheune errichtet. Daneben gibt es aber u.a. auch einen Straßenzug voller Geschäfte, einen Bahnhof, eine Kirche und Annies spirituell aufgeladenes Wohnhaus. Beachler gewann den Oscar 2018 für BLACK PANTHER.
Eine Besprechung zu MARTY SUPREME findet ihr hier.



VI. Kostüme

Wird gewinnen: FRANKENSTEIN für die exaltierten und farbenfrohen Kostüme, die Mia Goth in ihren beiden Rollen ausstellen darf. Vielleicht auch für die schicken Anzüge, die Oscar Isaac, Christoph Waltz, Charles Dance oder Felix Kammerer tragen oder die Kutte, in der sich die Kreatur versteckt. Es könnten auch Frankensteins stierblutfarbenen Lederhandschuhe sein oder die vielen Uniformen. Kate Hawley, die schon den BAFTA, den CCA und den Costume Designers Guild Award erhielt, wird diesen Oscar mit hoher Wahrscheinlichkeit gewinnen, es sei denn, …
Sollte gewinnen: …die Academy entscheidet sich für SINNERS und verleiht Ruth E. Carter einen dritten Oscar nach BLACK PANTHER (2018) und BLACK PANTHER: WAKANDA FOREVER (2022). Denn die vielen Charaktere in SINNERS sind alle mit spezifischen Kostümen ausgestattet, die nicht nur ihre Charaktere unterstreichen, sondern auch im Gewühle des Juke Joints und später in der Vampirschlacht hohen Wiedererkennungswert haben. Selbst die beiden von Michael B. Jordan gespielten Hauptfiguren grenzen sich durch dezente Unterschiede in ihrer Kleidung voneinander ab, so dass es dem Publikum nie schwer fällt, zu erkennen, wer Smoke und wer Stack ist.
Außerdem nominiert: AVATAR: FIRE AND ASH – sicher eine der überraschenderen Nominierungen dieser Saison, denn diese Kostüme sind natürlich komplett digital. Doch Deborah L. Scott, die 1997 für einen anderen James Cameron-Film, TITANIC, den Oscar gewann, hat tatsächlich alle im Film getragenen Kostüme designt und hergestellt. Anschließend wurden sie umfangreich eingescannt, um ihre digitalen Varianten zu erstellen und den per Motion-Capture-Verfahren eingefangenen Bewegungen der Schauspieler anzupassen. Ein irrer Aufwand, den man im Film aber sehen kann. Diese Kostüme sehen nicht aus wie CGI.
HAMNET, für den sich Malgosia Turzanska an der zeitgenössischen Kleidung des 16. Jahrhunderts orientierte, Hauptdarstellerin Jessie Buckley aber eine Reihe von Kostümen entwarf, die durch ihren roten Farbton herausstechen und ihre Figur als einen Kontrapunkt sowohl in der kargen dörflichen Umgebung als auch im strahlenden Grün der Wälder erscheinen lassen.
MARTY SUPREME, für den Miyako Bellizzi die Herren in typische Anzüge der 1950er Jahre steckte, für die Damen aber (vor allem für Odessa A’Zion und Gwyneth Paltrow) Kleider entwarf, die ihren jeweiligen sozialen Status unterstreichen.

Zwei Besprechungen zu HAMNET findet ihr hier und hier.

VII. Kamera

Wird gewinnen: ONE BATTLE AFTER ANOTHER, der von Michael Bauman auf VistaVision abgelichtet wurde. Bei dem Verfahren wird das 35 mm-Bildmaterial nicht vertikal, sondern horizontal genutzt, wodurch eine größeres Negativ mit extrem hoher Auflösung und feinerer Bildqualität entsteht. Das aufgrund hoher Kosten seit den frühen 1960er Jahren nicht mehr genutzte Format, erlebt gerade eine Renaissance, nachdem es im vergangenen Jahr für THE BRUTALIST wiederbelebt wurde. Weltweit gibt es nur vier Kinos, die eine Original VistaVision-Projektion ermöglichen. Doch auf 70mm kopiert kann es auch in anderen Kinos in VistaVision-Qualität gezeigt werden. Bauman hat diese aufwändige Technik nun auf ungewöhnliche Weise genutzt, indem er z.B. eine VistaVision Kamera vor die Kühlerfront eines Autos gebaut hat, um die Verfolgungsjagd über den River of Hills aus atemberaubender Perspektive zu filmen. Es gibt in ONE BATTLE AFTER ANOTHER viele ungewöhnliche Kameraperspektiven, die durch die Nutzung von VistaVision dem Film einen außergewöhnlichen, aufregenden Look geben. Bauman wurde dafür u.a. mit den Awards der British- und der American Society of Cinematographers und mit dem BAFTA ausgezeichnet. Auch das macht ihn zum stärksten Kandidaten in dieser Kategorie.
Sollte gewinnen: Es gibt zwei Anwärter, die Bauman theoretisch den Oscar noch streitig machen könnten. Autumn Durand Arkapaw hat SINNERS einen z.T. spektakulär epischen Look verpasst. Einige Bilder brennen sich ins kollektive Bewusstsein ein, z.B. die riesigen, leinwandfüllenden Baumwollfelder oder die an dieser Stelle schon des öfteren erwähnte und in einem Take aufgenommene „I Lied To You“-Sequence. Auch Arkapaws elegant fließenden Kamerabewegungen beeindrucken. Doch gibt es auch kritische Stimmen, die das nicht immer optimale Lightning gerade in den Nachtszenen bemängeln. Nichtsdestotrotz wäre Arkapaw eine würdige Gewinnerin, noch dazu die erste (afroamerikanische) Frau in dieser Kategorie.
Die schönsten Bilder des Jahres stammen aber von Adolpho Veloso, der aus TRAIN DREAMS ein cinematographisches Gedicht von betörender Anmut macht. Velosos Arbeit wird immer wieder mit den Filmen Terrence Malicks verglichen. Es gibt nur wenige Vergleiche, die einem Kameramann mehr Ehre einbringen können. TRAIN DREAMS gewann dafür den CCA.
Außerdem nominiert: Dan Laustsen, der FRANKENSTEIN den für einen Guillermo del Toro-Film typisch märchenhaften Gothik-Horror-Look verleiht, für den er nach THE SHAPE OF WATER und NIGHTMARE ALLEY (2021) zum dritten Mal für einen del Toro-Film nominiert ist.
Auch Darius Khonji ist zum dritten Mal nominiert, nach EVITA (1996) und BARDO: FALSE CHRONICLE OF A HANDFUL OF TRUTHS (2022). Seine Arbeit für MARTY SUPREME verbindet den Stil des Kinos der 1950er Jahre mit dem stetig wachsenden Chaos eines Josh Safdie-Films.

Eine Besprechung zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER findet ihr hier.

VIII. Filmschnitt

Wird gewinnen: Andy Jurgensen, dem es nicht nur gelingt, die verschiedenen Erzählebenen von ONE BATTLE AFTER ANOTHER miteinander zu verschränken, sondern den Film auch in einem stetigen Fluss zu halten, der die 2,5 Stunden Laufzeit wie im Fluge vergehen lässt. Er gewährt seinen Helden gelegentliche Pausen, um dann wieder das Tempo anzuziehen. ONE BATTLE AFTER ANOTHER groovt wie kein anderer Film in diesem Jahr. Sein Meisterstück liefert Jurgensen dann mit der finalen Verfolgungsjagd, die in der Kinogeschichte ihres gleichen sucht, eine Art Slow burn-Suspense Thriller. Jurgensen wurde dafür mit dem BAFTA und dem Preis der American Cinema Editors in der Sparte Comedy ausgezeichnet.
Sollte gewinnen: Eine ganz andere Art von effizientem Film Editing liefert Olivier Bugge Coutté mit seiner Arbeit für SENTIMENTAL VALUE. Der Däne ist seit Jahren kongenialer Partner des Norwegers Joachim Trier und hat schon dessen Filme OSLO, 31. AUGUST (2011), THELMA (2017) und DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT (2021) geschnitten. Schon der Prolog von SENTIMENTAL VALUE, in dem Trier und Coutté das alte Wohnhaus als heimlichen Hauptdarsteller des Films etablieren ist eine Masterclass in Story Telling.
Außerdem nominiert: F1, den Stephen Mirrione flüssig zusammen hält, was angesichts der banalen Grundstruktur schon eine Leistung ist. In den Rennszenen, die das Herzstück des Films ausmachen, kann Mirrione dann seine Muskeln spielen lassen. Was auch immer man von F1 halten mag, in diesen Szenen ist der Film Cinema pur. Mirrione war für BABEL (2006) und THE REVENANT (2015) nominiert und gewann den Oscar im Jahr 2000 für TRAFFIC.
Ronald Bronstein und Josh Safdie haben MARTY SUPREME nicht nur geschrieben und produziert, sondern auch editiert. Auch wenn sie den Figuren hin und wieder etwas Luft zum Atmen gönnen, erreicht der Film doch spielend leicht das typisch Safdie-Tempo. Ein rasanter Spaß, der in einem anderen Jahr durchaus den Oscar hätte gewinnen können.
Für SINNERS muss Michael P. Shawyer verschieden Erzählstränge parallel halten und zusammen führen. Das gelingt im Großen und Ganzen sehr gut, gerät in manchen Szenen aber doch etwas holprig. Am Ende aber wird alles durch die Musik zusammengehalten und hier findet Shawyer seinen Groove. Er erhielt den Preis der American Cinema Editors in der Sparte Drama.

Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.

In Teil 3 wird es um die Awards für die Haupt- und Nebendarsteller und das beste Casting gehen.