Wo findet Film sein junges Publikum? Eine Suche nach Antworten auf der Woche der Kritik, der Berlinale und beim Zielpublikum

Wie können Kinder- und Jugendfilme jenseits des Mainstreams ein größeres Publikum finden? Diese geradezu klassische Frage stellt sich im Rahmen der Berlinale mit ihrem reichhaltigen Generation-Programm für Kinder und Jugendliche immer wieder aufs Neue. In diesem Jahr nahm sich auch die parallel stattfindende Woche der Kritik des Themas an, mit einem Panel Talk über den Bezug der Filmkritik zu Filmen für’s junge Publikum. Stargast auf dem Podium in der Landesvertretung Thüringen war Tobias Krell, der als Checker Tobi mit seinem Film CHECKER TOBI UND DIE HEIMLICHE HERRSCHERIN DER ERDE gerade mal wieder die Marke von über einer Millionen Kinozuschauern überschritten hatte. Die Veranstaltung war allerdings international ausgerichtet, fand auf Englisch statt und versprach mit dem hintersinnigen Titel „How Can Film Criticism Grow Up with Its Audience?“ zumindest ein Quantum Selbstkritik. Für letztere schienen vor allem die in Neuseeland geborene Filmkritikerin Carmen Gray und ihr deutscher Kollege Axel Timo Purr zuständig zu sein. Die Moderation übernahm Filmjournalistin Marta Bałaga, die ansonsten vor allem in Finnland und Polen arbeitet. Angesichts dieser Bandbreite und der drei mit-veranstaltenden Verbände (ECFA, FIPRESCI und VdFk) hätte man sich aber zunächst einmal wundern können, warum dieses Panel im offiziellen Programm der Woche der Kritik nicht einmal erwähnt wurde. Wie sollen denn Filme für junge Menschen ihr Publikum finden, wenn noch nicht einmal eine Debatte darüber durch den eigenen Gastgeber ein Minimum an Öffentlichkeit bekommt?
Eine gewisse Ratlosigkeit zieht sich dann auch durch das Gespräch auf dem Podium. Die in Berlin lebende, aber vor allem für britische Medien schreibende Carmen Gray berichtet aus der Praxis. Über Filme für ein junges Publikum würde eigentlich nur geschrieben, wenn sich ein Cross-Over-Effekt mit einem übergeordneten Thema ergibt. So sei etwa zu LITTLE TROUBLE GIRLS ein umfassenderer Artikel über Adoleszenz erschienen. Bei der Berichterstattung über FLOW wurde der ungewöhnliche Erfolg eines lettischen Animationsfilms bei den Oscars eine Art Entschuldigung, um über einen Film zu schreiben, der sich auch an Kinder und Teenager richtet – und nicht von Disney, Pixar oder Illumination stammt. Darüberhinaus begegnet Gray in den Redaktionen immer wieder ein spezieller „regressiver Ansatz.“ Wenn einmal über einen Kinderfilm geschrieben werden soll, ginge der Auftrag in der Regel an Autorinnen mit Familie. Da heißt es dann: „Du bist doch Mutter, dann wäre es doch was für Dich, über diesen Film zu schreiben.“
Dass gerade der Kinderfilm nicht ernst genommen wird, gibt Tobias Krell zu bedenken, sei ein Problem, das sich schon vorher „durch alle Prozesse zieht, von der Entscheidung, welche Filme gemacht werden oder nicht, über den Schneideraum bis zu den Redaktionen der Zeitungen.“ Er selbst habe mit seinen Checker-Tobi-Filmen das Glück einer Blockbuster-Marke, die auch in der Presse sehr gut sichtbar wird. „Das löst aber das Problem nicht“, sagt Krell und wünscht sich, „dass auch den kleinen Filmen in Zeitungen und auf Webseiten mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und dass mehr über Filme für ein junges Publikum kritisch geschrieben wird.“ Axel Timo Purr ergänzt: „Es wird nur über Kinderfilme geschrieben, die auch im Kino laufen. Viele schaffen es nur innerhalb so einer Festival-Blase wie der Berlinale auf der großen Leinwand gezeigt zu werden.“ Exemplarisch, so Purr, sei das Beispiel des „sehr schönen“ Films KÖNIGIN VON NIENDORF. „Der wurde nicht einmal in einem Münchener Kino gezeigt, obwohl er Preise gewonnen hat und man wusste, dass er gut gemacht ist.“ Was bleibt, sei der Mainstream, wie DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE.
Wie es aussieht, wenn über DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE genauso kritisch geschrieben wird, wie über Filme für Erwachsene, führt Purr dann umgehend vor. „Das ist ganz schlechtes Schauspiel“, schimpft er. Kinderfilme überließe man nur „gescheiterten Regisseuren“, deren Filme dann nur erfolgreich würden, weil sie auf Bestsellern beruhen. DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE sei „schrecklich, aber der erfolgreichste Film des Jahres. Das ist ein Albtraum.“ Statt diesem offenkundigen Widerspruch weiter auf den Grund zu gehen, schwärmt Purr dann von Regisseuren wie Steven Spielberg und Martin Scorsese, die auch mal Kinderfilme gemach haben. Gerne hätte man an dieser Stelle beim jungen Publikum erfragt, warum Scorseses HUGO CABRET 2012 in Deutschland auf gut 500.000 Zuschauer gekommen war, während auch der vierte Teil von DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE im letzten Jahr fast sechs Mal erfolgreicher war. Aber hier ging es eben um erwachsene Perspektiven, was wohl oder übel die Medienlandschaft auch sehr akkurat abbildet. „Wir haben das mal probiert, Kinder über Kinderfilme schreiben zu lassen“, gibt Purr über sein Online-Magazin arteshock zu Protokoll. „Aber das wurde nicht angenommen. Kein einziges Kind hat jemals diese Artikel angeklickt.“ Ganz in Checker-Tobi-Manier kontert Tobias Krell: „Wahrscheinlich kennen die Kinder arteshock gar nicht.“ Damit landete er ohne Frage einen Punkt und legte noch mit einer konkreten Erfahrung aus seiner Zeit als Co-Programmleiter des Münchener Kinderfilmfestes CineKindl nach: „Wir haben ein Format, in dem Filmkritiker Kindern zeigen, wie man über Filme debattieren und schreiben kann. Und wenn man da nur ein Kind von zehn erreicht hat, das sagt: Dieser Sommer in München wo ich über Filme geschrieben habe, das war super! – dann haben wir schon was erreicht für das Kino.“ Ob dieses geradezu anrührend bescheiden gesetzte Ziel beim CineKindl schon einmal erreicht worden ist, blieb allerdings ungewiss.
Szenenwechsel. Am letzten Freitag der Berlinale, morgen gegen 11 Uhr ist das imposante Blue Max Theater sehr gut gefüllt. Auf dem Programm stehen Kurzfilme für Jugendliche ab 14. Eine Schulklasse hat sich unter das ansonsten erwachsene Publikum gemischt. Auf der Bühne steht die junge kolumbianische Regisseurin Luzbeidy Monterrosa Atencio, die Fragen zu ihrem Film JÜLAPÜIN YONNA (THE DREAM OF DANCE) beantwortet. In 16 Minuten erzählt dieser in eindrucksvollen Bilden von der 15jährigen Weinshi. Sie gehört dem Volk der Wayuu an und wehrt sich gegen die fatalen Folgen des Bergbaus in ihrer Region, z.B. mit der Perfomance eines „heiligen Tanzes.“ Um ihren Film jenseits von Festivals dem Publikum nahezubringen, kann sie offenbar nicht auf mediale Berichterstattung bauen und auch ihr TikTok-Account mit 35 Followerinnen zeugt nicht gerade von zielgerichteter Selbstvermarktung. Dennoch versteht Atencio ihren Film als Teil ihrer Aufklärungsarbeit, um „gerade auch der jungen Generation“ bewusst zu machen, welchen Folgen der Bergbau für ihre Region hat. Dafür setzt sie auf die Kooperation mit lokalen Veranstaltern: „Wir haben den Film bei uns zuhause innerhalb unsere Community gezeigt und wollen ihn nun auch auf ähnliche Weise im ganzen Land präsentieren.“ Wie die im Publikum anwesende Schulklasse den Weg in die Berlinale-Vorführung gefunden hatte, ließ sich leider nicht mehr feststellen. Zu schnell verschwand sie mit ihrem Lehrer in den unübersichtlichen Gängen des Blue Max Theaters.
Um auf die eingangs gestellte Frage zumindest ein paar Antworten von jenen zu bekommen, um die es eigentlich geht, blieb nichts anderes übrig, als im privaten Umfeld des Autors eine kleine Umfrage zu starten. Von zehn Kindern zwischen sieben und 14 haben fünf TikTok oder Instagram als erste Quelle genannt, mit der sie sich über neue Kinostarts informieren. Drei der Befragten gaben an, auch direkt auf den Webseiten von Kinos zu recherchieren. Nur eine nutzt auch Print-Erzeugnisse als Quelle – die Zeitschriften ihrer Mutter. Was hängen bleibt, sind Empfehlungen von Eltern und FreundInnen, vor allem aber Plakat-Werbung und Trailer, manchmal im Kino, überwiegend in den sozialen Medien. Die aktuelle Debatte um eine Verbot von Social Media für Unter-16jährige dürfte ProduzentInnen und Filmverleiher daher mit einiger Sorge verfolgen, zumal trotz der Existenz engagierter Webseiten wie Kinderfilmblog.de, Kinderfilmwelt.de oder auch dem Elternratgeber flimmo.de niemand der Befragten so ein spezielles redaktionelles Angebot für das junge Publikum nutzt. Das ist doch mal eine echte Herausforderung für den Filmjournalismus.
Vielen Dank an Andrea, Anna, Aljoscha, Eileen, Emilia, Helena, Louis, Mara, Marica, Paul, Romy, Sabine, Sophie und Ulrike.