„Alles was kommt“ (OT: „L’avenir“) von Mia Hansen-Løve



Was eindeutig fehlt und sich auch nicht durch Hupperts zweifellose Schauspielleistung aufwiegen lässt, ist eine klare Entwicklung der Protagonistin oder zumindest ein paar Tendenzen, die jene Entwicklung – Offscreen beziehungsweise nach dem Film – erahnen lassen. Doch nichts davon. Während alle anderen Nebencharaktere sich mutig verändern, Entscheidungen treffen oder neue Aufgaben in Angriff nehmen, stagniert Nathalie zusehends in der Haltung einer stoischen Beobachterin, die ihr eigenes Leben tatenlos an sich vorbeiziehen lässt.

Wie immer bleibt zum Schluss die Streitfrage stehen, ob ein Genre, das mit dem Unwort „Frauenfilm“ schon genug bestraft ist, sich um realitätsnahe Abbilder oder doch lieber um neue Lebensentwürfe bemühen sollte. Zweifellos ist „L’avenir“ nah genug an der ernüchternden Realität und niemand erwartet, dass Nathalie am Ende mit einem neuen Lover, einem geläuterten Ex-Mann oder einem eigens geschriebenen Bestseller in der Tasche glücklich in den Sonnenuntergang reitet. Die Zeiten für solche Kino-Märchen sind zum Glück passé. Trotzdem fehlt der Funken Hoffnung, der kleine Kurswechsel oder das neue Projekt, das Hansen-Løves Hauptheldin zumindest schrittweise aus ihrem Schneckenhaus herausholen und somit neue Perspektiven aufzeigen könnte. Cinema is bigger than life. Ein Film, der dieses Credo mutwillig oder unabsichtlich ignoriert, muss kein Misserfolg auf ganzer Linie sein. Einen Preis hat er deshalb noch lange nicht verdient.

Alina Impe

Alles was kommt“ (OT: „L’avenir“, Regie: Mia Hansen-Løve, DarstellerInnen: Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob, Sarah Le Picard, Kinostart: 18. August 2016

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