„Transit“ von Christian Petzold


Christian Petzold tritt mit "Transit" und den Shooting Stars Paula Beer und Franz Rogowski im Wettbewerb der Berlinale an. © Schramm Film / Christian Schulz

Christian Petzold tritt mit „Transit“ und den Shooting Stars Paula Beer und Franz Rogowski im Wettbewerb der Berlinale an. © Schramm Film / Christian Schulz

Übergangszustand der Geister aus der Vergangenheit

Was wäre, wenn Faschisten wieder die Macht in Europa ergreifen würden? Diese Fragestellung mit aktuellem Bezug nimmt Christian Petzold als Ausgangspunkt für seine filmische Dystopie im sonnigen Marseille. Dorthin hat es Georg (Franz Rogowski) auf der Flucht vor den deutschen Truppen verschlagen, die Paris besetzt haben und weiter auf dem Vormarsch sind. Bei sich trägt er die Dokumente und ein Manuskript des Schriftstellers Weidel, der in seinem Hotelzimmer den Freitod gewählt hat. Georg nimmt Weidels Identität an und versucht, dessen schriftliche Zusicherung für ein Visum zu nutzen, um mit einem Schiff aus Europa heraus und nach Mexiko zu gelangen.

In Schriftform mutet dies wie ein Historiendrama während der Zeit des Zweiten Weltkriegs an. Doch Petzold adaptiert die Romanvorlage „Transit“ von Anna Seghers aus dem Jahr 1942 ohne Umschweife in die Gegenwart. Wie das faschistische Regime vorgeht und auf welchem Wege es im Jahr 2018 ein diktatorisches System etablieren konnte, wird nicht genauer dargestellt. Vielmehr arbeitet der Film mit Leerstellen, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen. Neben dem Naziregime zeigen sich darin ebenfalls Motive der Flucht, des Lebens junger Menschen im politischen Untergrund der RAF-Zeit und der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Allesamt zentrale Themen in Petzolds Gesamtwerk und in seiner persönlichen Verbindung mit dem 2014 verstorbenen Geisteswissenschaftler Harun Farocki (siehe z.B. „Phoenix„, „Die innere Sicherheit“ und „Yella„). Diese Lücken lassen sich selbstverständlich auch mit Blick auf die aktuelle politische Situation der Flüchtlingsthematik in Europa ausfüllen.

Der Zustand der Strandung in einer erzwungenen Heimatlosigkeit mit der Hoffnung auf die Passage in ein neues Leben wird in „Transit“ mit einer lyrischen Liebesgeschichte verwoben. Georg verliebt sich in die geheimnisvolle Marie (Paula Beer), die ihm mehrmals in der Stadt begegnet. Sie lebt mit einem Arzt zusammen, befindet sich aber auf der Suche nach ihrem verschollenen Ehemann. Obwohl sie eine sinnliche Bindung zu Georg verspürt, hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, ihren Mann wiederzufinden, und setzt ihre entschlossene Suche fort. Geschildert werden die zärtlichen, aber verhaltenen Annäherungsversuche von einem literarischen Voiceover, welches Passagen aus Weidels Manuskript zitiert. Dessen Inhalte verbinden sich mit Georgs Innenleben, es wird zunehmend unklar, wessen verborgene Gedanken und Gefühle wir vernehmen: die des umgetriebenen Georg oder jene des entschwundenen Weidel. Diese Erzählstimme agiert als Ergänzung zu den grandiosen Bildern im Cinemascope-Format.

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