71. Berlinale: BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN von Radu Jude – Goldener Bär


Still aus BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN von Radu Jude © Silviu Ghetti Mirco Film 2021

Still aus BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN von Radu Jude © Silviu Ghetti Mirco Film 2021

„Niemand hat Covid durch einen eucharistischen Löffel bekommen“

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind dafür bekannt, bei der Preisvergabe nur selten einen unmittelbaren Favoriten zu küren. Und mit dem Goldenen Bären 2021 für Radu Judes BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN machen sie keine Ausnahme. Die bissige Gesellschaftssatire rechnet mit dem erzkonservativen und korrupten Kern der rumänischen Gesellschaft ab und hält uns dabei selbst den Spiegel vor. Es beginnt ganz direkt mit einem expliziten Sexvideo der Protagonistin Emi (Katia Pascariu), die als Lehrerin an einer Eliteschule unterrichtet. Aufgenommen im privaten Schlafzimmer, ist dieses eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Unglücklich nur, dass ihr Partner es auf einer Pornoseite ins Internet gestellt hat. Und von dort macht das Video über die Smartphones der Gymnasiast*innen und Kolleg*innen seine Runden, auch nachdem es offline genommen wurde. Nun muss Emi sich vor der Schulleitung und den aufgebrachten Eltern rechtfertigen, die eine Konferenz auf dem Schulhof abhalten. Es geht um ihre erfolgreiche Karriere, ihre Verantwortung für die Schüler*innen und vor allem die Frage, inwiefern das Privatleben und die öffentliche Existenz sich im digitalen Zeitalter voneinander trennen lassen.

LOONY PORN wählt eine offene Filmform, gegliedert in drei Teile, welche in einem indirekten Bezug zueinander stehen. Der erste Teil folgt Emi durch die Straßen Bukarests, während sie Bekannte besucht, einkaufen geht oder über Märkte schlendert. Dabei observiert die Kamera gezielt das alltägliche Leben, zerfallene Gebäude und neue Einkaufspassagen im Stadtbild und – natürlich – zahlreiche Menschen mit Gesichtsmasken in den Geschäften und im öffentlichen Raum.

Der zweite Teil ist weitaus experimenteller: Wie in einem Wörterbuch werden von A bis Z verschiedene Begriffe wie „Armee“, „Kunst“, „Politik“, „Pornografie“, „Social Distancing“ oder „Zukunft“ erklärt. In einer Collage aus Text und Bild, die auf historische Aufnahmen, Internetvideos und Spielfilmszenen zurückgreift, eröffnen diese auf bitterböse und urkomische Weise einen Blick auf die Ideologie des rumänischen Staates.

Der dritte Teil findet innerhalb der Schule statt. Im Innenhof wird ein Tribunal veranstaltet, vor dem sich Emi für das kursierende Sexvideo rechtfertigen muss. Natürlich unter strenger Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln, worüber einige der Teilnehmenden offen ihren Unmut äußern. Eine hitzige Debatte entbrennt unter den Anwesenden, die symbolisch verschiedene staatliche Institutionen und Bevölkerungsgruppen repräsentieren sollen: so zum Beispiel die Kirche, das Militär oder das Bildungsbürgertum.

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