76. Berlinale: 17 von Kosara Mitić

Normalisierte Gewalt gegen Frauen
Auf einer Klassenfahrt nach Griechenland versucht die 17-jährige Sara (Eva Kostić) aus Nordmazedonien, ein Geheimnis, das sie sehr belastet, vor ihren Mitschüler*innen zu verbergen: Sie ist nach der Vergewaltigung durch einen Mitschüler und einen weiteren Täter schwanger. Zunächst gelingt es ihr erstaunlich gut, sich von den anderen abzusondern. Niemand merkt, was mit Sara los ist. Doch dann muss Sara mitansehen, wie zwei Mitschüler Lina (Martina Danilovska), mit der Sara sich widerwillig ein Zimmer teilt, vor den Augen der ganzen Gruppe vergewaltigen. Während alle anderen zuschauen, ist Sara die einzige, die eingreift und für Lina da ist. Die beiden Mädchen halten von nun an fest zusammen.
Regisseurin und Drehbuchautorin Kosara Mitić, 1987 in Skopje im heutigen Nordmazedonien geboren, ist Berlinale Talents-Alumna. Ihr Langfilmdebüt 17, das sie gemeinsam mit Ognjen Sviličić schrieb und in dem sie – inspiriert von einem realen Vorfall – schonungslos sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in den Blick nimmt, stellt sie als Weltpremiere auf der Berlinale 2026 in der Sektion Perspectives vor. In dem erschütternden Coming-of-Age-Drama wirft sie die Zuschauer*innen direkt ins Geschehen hinein, indem sie in der allerersten Szene Saras Vergewaltigung zeigt – und damit den Ton des Films setzt, der ein Umfeld offenlegt, das Gewalt gegenüber Frauen normalisiert und in dem Saras und Linas Mitschüler, allen voran Filip (Dame Joveski) und seine Clique, sich gegenseitig in ihrer toxischen Männlichkeit überbieten.
Doch auch die beiden jungen Frauen haben verinnerlicht, dass Männer vermeintlich mehr Rechte haben als sie. Während Sara sich nicht traut, irgendjemandem von der Vergewaltigung und ihrer Schwangerschaft zu erzählen, weder ihren Eltern noch sonstigen Bezugspersonen, ist Linas größte Sorge nach ihrer Vergewaltigung, dass ihre Mutter ihr böse sein könnte. Gewalt gegen Frauen und anschließendes Victim Blaming sind in der patriarchalischen Gesellschaft, die Mitić sichtbar macht, alltäglich – Konsequenzen für die männlichen Täter bleiben aus. Zugleich wird das Thema Sexualität so sehr tabuisiert, dass sich die Mädchen schämen, darüber zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Doch 17 ist auch ein Film über Freundschaft und die Stärke junger Frauen, die zusammenhalten und sich gegenseitig in der Not unterstützen.
Mit 17 legt Kosara Mitić einen eindrücklichen, realitätsnahen und inszenatorisch wie schauspielerisch herausragenden Film über sexualisierte Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen vor, der – wie die britische Serie ADOLESCENCE – an Schulen gezeigt werden sollte, um aufzurütteln und Lehrer*innen für das Thema zu sensibilisieren. Die Lehrerin der Mädchen, die sie auf der Klassenfahrt begleitet, hat keine Ahnung, was unter den Jugendlichen vor sich geht, im Gegenteil: In einer Rede im Speisesaal äußert sie ihren Stolz darauf, dass ihre Schüler*innen gute Menschen geworden seien. Kurzum: Sara und Lina können sich auch ihr nicht anvertrauen. Die vielen sehr intensiven und bedrückenden Szenen, oft in langen Einstellungen gedreht, mit der Kamera immer nah an der äußerst glaubhaften Protagonistin Sara, hallen nach und zeigen einmal mehr: Die Scham muss die Seite wechseln.
17, Regie: Kosara Mitić; Darsteller*innen: Eva Kostić, Martina Danilovska, Dame Joveski, Eva Stojchevska, Petar Manić.
Termine bei der 76. Berlinale:
Mittwoch, 18.02.2026, 19:00 Uhr, Bluemax Theater
Donnerstag, 19.02.2026, 15:45 Uhr, Cubix 9
Freitag, 20.02.2026, 21:45 Uhr, Cubix 8
Samstag, 21.02.2026, 19:00 Uhr, Bluemax Theater
Sonntag, 22.02.2026, 17:30 Uhr, Colosseum 1