76. Berlinale: A FAMILY von Mees Peijnenburg

Ende einer Familie
Die Geschwister Nina (Celeste Holsheimer) und Eli (Finn Vogels) geraten mitten in die Scheidungs- und Sorgerechtsstreitigkeiten ihrer Eltern Maria (Carice van Houten) und Jacob (Pieter Embrechts) hinein. So spielt direkt die erste Szene des Films im Büro einer Anwältin, der die Jugendlichen schildern müssen, was ihnen für die Zukunft wichtig ist und bei wem sie leben möchten. Die 16-jährige Nina hat keine Lust, ständig ihre Sachen zwischen zwei Wohnungen hin- und herzutransportieren, und möchte vor allem nicht in die Konflikte ihrer Eltern hineingezogen werden. Ihr jüngerer Bruder Eli wünscht sich dagegen, dass alles wieder normal wird und die ganze Familie wieder zusammenlebt.
Dass die Geschwister die Situation so unterschiedlich erleben, spiegelt Regisseur und Co-Drehbuchautor Mees Peijnenburg, indem er die Geschehnisse von nun an zuerst aus Ninas Perspektive und danach noch einmal aus Elis Sicht erzählt. Mit viel Feingefühl und ohne große Worte ist Peijnenburg ganz nah dran an seinen beiden glaubhaft agierenden Protagonist*innen. Während die Kamera ihnen auf den Fersen durch ihren anstrengenden neuen Alltag folgt und ihre Gesichter oft aus der Nähe einfängt, spiegeln sich Wut, Trauer und Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt in den Blicken und Bewegungen der Geschwister, die beide häufig mit den Händen spielen, um Druck abzubauen. Überhaupt spielt das Körperliche eine große Rolle: Während Eli Halt in seinem Schwimmteam findet, lenken Nina das Tanzen in einer Hip-Hop-Gruppe und die Liebe zu ihrer Freundin Steffie zumindest zeitweise ab, auch wenn der Anblick von Steffies Bilderbuchfamilie Nina schmerzlich an ihre eigene Familiensituation erinnert. Immer wieder bekommt Nina kaum noch Luft.
Regisseur Mees Peijnenburg, 1989 in Tokio geboren und u. a. an der Netherlands Film Academy ausgebildet, bleibt in seinem zweiten Film, dessen Drehbuch er gemeinsam mit Bastiaan Kroeger schrieb, konsequent bei der Sichtweise der betroffenen Kinder. A FAMILY widmet er nicht nur seiner Schwester – auch die beiden sind Scheidungskinder –, sondern allen Brüdern und Schwestern. In A FAMILY gelingt es Peijnenburg, mit seinen überzeugenden jungen Hauptdarsteller*innen – Celeste Holsheimer begeisterte schon im Kurzfilm MA MÈRE ET MOI, der bei der Berlinale 2023 in der Sektion Generation 14plus zu sehen war – das Leid zweier Jugendlicher, die unverschuldet in den Konflikt ihrer Eltern hineingezogen werden, auf eindrückliche Art und anhand vieler kleiner alltäglicher Szenen, Beobachtungen und Gesten sichtbar zu machen. In einer Szene, die im Gedächtnis bleibt, tanzen Eli und sein Vater im Wohnzimmer zu „Smalltown Boy“ von Bronski Beat. Zögernd schließt sich Nina ihnen an. Die sich wiederholende Zeile „Run away, turn away, run away“ spiegelt den Wunsch der Kinder, aus ihrer aktuellen Familiensituation auszubrechen.
Dabei ist es irrelevant, welches Elternteil sich falsch verhält: Beide machen Fehler auf Kosten ihrer Kinder und versuchen, sie auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Nina und Eli, die sich erwachsener verhalten als ihre Eltern, lernen im Laufe des Films, dass sie sich gegenseitig mehr geben können, als sie zunächst glauben. Das Coming-of-Age-Familiendrama A FAMILY erhielt bei der Berlinale 2026 die Special Mention der Jugendjury. Die Jurybegründung macht deutlich, dass sich die jungen Zuschauer*innen im Film wiederfinden und sich gesehen fühlen: Allein in Berlin waren im Jahr 2022 laut Statistik 4428 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Mees Peijnenburg zeigt Eltern in A FAMILY vor allem eins eindringlich: Tragt eure Konflikte nicht auf dem Rücken eurer Kinder aus!
A FAMILY, Regie: Mees Peijnenburg; Darsteller*innen: Finn Vogels, Celeste Holsheimer, Carice van Houten, Pieter Embrechts.
Termine bei der 76. Berlinale:
Sonntag, 15.02.2026, 12:30 Uhr, Zoo Palast 1
Montag, 16.02.2026, 16:00 Uhr, HKW 1 – Miriam Makeba Auditorium
Dienstag, 17.02.2026, 18:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Mittwoch, 18.02.2026, 10:15 Uhr, Cubix 6
Samstag, 21.02.2026, 19:45 Uhr, HKW 1 – Miriam Makeba Auditorium