76. Berlinale: EN ROUTE TO von Yoo Jaein

Für sich selbst einstehen
Yun-ji (Sim Subin), die stille, zurückhaltende Schülerin eines Mädcheninternats, steckt in großen Schwierigkeiten: Sie ist ungewollt schwanger. Noch dazu ist der Vater des Kindes ihr verheirateter Klassenlehrer Jong-sung. Als der ohne ein Wort verschwindet, nachdem er von der Schwangerschaft erfahren hat, entscheidet sich Yun-ji dazu, auf illegalem Weg Abtreibungspillen zu bestellen. So hofft sie, ihren Lehrer, an dem ihr immer noch viel liegt, zurückzugewinnen. Da sie jedoch kein Geld für die Tabletten hat, sieht sie nur einen Ausweg: das Geld ihrer selbstbewussten Mitbewohnerin Kyung-sun (Lee Jiwon) zu stehlen, die durch den emsigen Verkauf von Vape-Aromen an Mitschülerinnen einige Ersparnisse angehäuft hat. Das bleibt nicht unentdeckt – und bald suchen die beiden ungleichen Mädchen gemeinsam nach einer Lösung für Yun-ji.
Regisseurin und Drehbuchautorin Yoo Jaein, 1985 in der Republik Korea geboren, bearbeitet in ihrem erschütternden und äußerst glaubhaft gespielten Coming-of-Age-Drama EN ROUTE TO relevante Themenbereiche wie die Schwangerschaft einer Teenagerin, das Recht am eigenen Körper – und den Missbrauch durch einen Lehrer. EN ROUTE TO, ihre Abschlussarbeit an der Korean Academy of Film Arts und zugleich ihr Langfilmdebüt, stellte Yoo Jaein auf der Berlinale 2026 in der Sektion Generation 14plus vor. Beim Busan International Film Festival 2025, wo EN ROUTE TO seine Weltpremiere erlebte, gewann Darstellerin Lee Jiwon, die als forsche, freche und dennoch hilfsbereite Freundin brilliert, den Preis für die beste Schauspielerin.
Wie Yun-ji im Lauf der Geschichte lernt, für sich selbst einzustehen, auch dank der Freundschaft, die sich zwischen Kyung-sun und ihr entwickelt, ist bemerkenswert geschrieben und inszeniert. Yun-jis anfänglich naive Bewunderung für ihren Lehrer, eine Autoritätsperson, schlägt – auch dank Kyung-sun – nach und nach ins Gegenteil um: Yun-ji begreift, dass ihr Klassenlehrer Verantwortung trägt – und sie in ihrer Not einfach alleinlässt. In Südkorea sind Abtreibungen seit 2021 legal. Doch EN ROUTE TO, der in seiner Schonungslosigkeit streckenweise an Eliza Hittmans NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS erinnert, zeigt eindrücklich, wie schwierig es für ein junges Mädchen wie Yun-ji dennoch ist, auf legalem und sicherem Weg abzutreiben – und wie tabuisiert und schambehaftet das Thema weiterhin bleibt.
Trotz aller Schwere bringt Regisseurin Yoo Jaein auch leisen Humor in ihre Geschichte ein, etwa wenn Kyung-sun, selbst die Tochter einer sehr jungen Mutter, versucht, in einem Beerdigungsinstitut Geld für die Abtreibung zu stehlen, während Yun-ji die – vermeintlich – nichtsahnende Ehefrau ihres Lehrers ablenkt, die nichts auf ihren Mann und dessen Ruf kommen lassen will. Die Szenen zwischen Yun-ji und Min-young (Jang Sun), der Frau ihres Lehrers, gehören mit den subtilen Anspielungen und der ständig spürbaren Spannung – Weiß Min-young, was ihr Mann getan hat? – zu den stärksten des rundum gelungenen, feministischen Coming-of-Age-Films. Mit EN ROUTE TO legt Yoo Jaein ein beeindruckendes Debüt zu einem relevanten Thema vor – mit zwei richtig coolen jungen Heldinnen, die im Gedächtnis bleiben.
EN ROUTE TO, Regie: Yoo Jaein; Darsteller*innen: Sim Subin, Lee Jiwon, Jang Sun
Termine bei der 76. Berlinale:
Mittwoch, 18.02.2026, 19:00 Uhr, HKW 1 – Miriam Makeba Auditorium
Donnerstag, 19.02.2026, 12:30 Uhr, HKW 1 – Miriam Makeba Auditorium
Freitag, 20.02.2026, 10:15 Uhr, Cubix 6
Samstag, 21.02.2026, 12:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Sonntag, 22.02.2026, 19:00 Uhr, Cubix 6