76. Berlinale: LADY von Olive Nwosu


LADY © Peter Okosun, Ossian International Limited
LADY © Peter Okosun, Ossian International Limited

Die Schatten der Nacht

Lagos ist eine der größten Städte auf dem afrikanischen Kontinent. In ihrem Langfilmdebüt zeigt die nigerianische Filmemacherin Olive Nwosu die Metropole als quirlige und lebhafte Kulisse, die jedoch auch ihre Schattenseiten offenbart. Lady (Jessica Gabriel’s Ujah) lebt dort in einer kleinen Hütte an der Lagune und schlägt sich als Taxifahrerin durch. Das Geschäft ist hart, denn die Regierung plant, die Subventionen für Treibstoff streichen. Doch Lady lässt sich davon nicht einschüchtern und will genug Geld verdienen, um der Stadt entfliehen zu können und ein besseres Leben zu finden. Dabei wird das Stadtbild zu einem eigenständigen Charakter. Im grellen Tageslicht versammeln sich die frustrierten männlichen Taxikollegen auf einem staubigen Parkplatz, während die Stimme des einflussreichen DJ Revolution im Radio zum Protest gegen das Regime aufruft.

Als Lady ihre Kindheitsfreundin Pinky (Amanda Oruh) wiedertrifft, die inzwischen als Sexarbeiterin tätig ist, sieht sie eine Möglichkeit, ihrer ausweglosen Situation zu entkommen. Sie nimmt den lukrativen Auftrag eines skrupellosen Clubbesitzers an und chauffiert Pinky und deren Kolleginnen nachts aus den Armenvierteln zu privaten Partys in luxuriösen Villen. Anfangs machen sich die lebenslustigen und leichtsinnigen Frauen noch über Ladys Verbissenheit und Jungfräulichkeit lustig. Doch sie eröffnen ihr auch einen Blick hinter den schillernden Vorhang ihres scheinbar glamourösen Lebensstils. Während die dunklen Schatten der Nacht an den Autofenstern vorbeiziehen, scheint die Handlung der Protagonistin anfangs noch auf ihrer Erfolgsgeschichte „from rags to riches“ zu folgen. Aber auf dem Weg werden zunehmend Korruption und Missbrauch sichtbar.

Man könnte Nwosu vorwerfen, dass ihre intersektionale Perspektive etwas zu kalkuliert wirkt. Doch ihr Neo-Noir wurde mit einem eindrucksvollen Stilwillen umgesetzt, der bereits in ihrem Kurzfilm EGÚNGÚN erkennbar war. Nwosu erzählt eine toughe und tragische Heldinnengeschichte, die gar nicht an einer differenzierten Auseinandersetzung mit sozialrealistischen Themen interessiert ist. Trotz ihrer Hilflosigkeit ergreift Lady die Initiative und setzt sich für ihr eigenes Schicksal und das ihrer Weggefährtinnen ein. In ihrer Unterkunft rappt sie aggressiv gegen ihr Spiegelbild, in der Öffentlichkeit tritt sie selbstbewusst, aber zurückhaltend auf. Durch ihre Asexualität kann sie sich den männlichen Machtstrukturen verweigern, denen die Sexarbeiterinnen ausgeliefert sind. LADY unterwandert Genremotive als Utopie und will sich nicht auf eine simple Botschaft reduzieren lassen. Und das hat man bei der diesjährigen Berlinale in dieser Form noch nicht gesehen.

Henning Koch