76. Berlinale: ROSE von Markus Schleinzer

Fake it till you make it
Im 17. Jahrhundert, kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, taucht in einem abgelegenen protestantischen Dorf ein mysteriöser Soldat namens Rose auf. Sein Gesicht ist von einer markanten Narbe gezeichnet. Er sei der Erbe eines leerstehenden Gehöfts und wolle sich niederlassen und sein Glück versuchen, wie er den Dorfbewohnern erzählt. Als Beleg dafür zeigt er ihnen einen Erbschein. Da das Dokument legitim ist, lassen sie den Fremden gewähren. Doch seine Geschlechtsidentität ist für uns als Zuschauer von Anfang an ein offenes Geheimnis – nicht nur wegen der herausragenden Besetzung der Hauptrolle mit Sandra Hüller.
In seinem dritten Spielfilm ROSE gibt der österreichische Regisseur Markus Schleinzer in sachlichem Erzählton vor, die Geschichte basiere auf einem einzelnen realen Fall. Anscheinend wortgetreu berichtet eine Texteinblendung zu Beginn, dass es um ein „Weibsbild“ geht, das sich als Mann ausgegeben hat. Eine allwissende Erzählstimme aus dem Off schildert Roses Geschichte rückblickend. Doch dies ist ein cleverer Trugschluss, denn die Handlung basiert auf den Schicksalen vieler Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten, die zur geschlechtlichen Tarnung eine männliche Identität annahmen und auch in Kriegen kämpften.
Durch Fleiß und Gottesfürchtigkeit wird Rose schließlich Teil der Dorfgemeinschaft. Mit viel Mut kann sogar ein imposanter Bär erlegt werden. Doch der tragische Ausgang der Geschichte ist natürlich von Beginn an klar. Trotzdem gelingt es Schleinzer hervorragend, die gesellschaftlichen Rollenbilder mit subtilem Humor zu hinterfragen. So zum Beispiel, als Rose eine Zwangsheirat mit Suzanna (Caro Braun), einer der fünf Töchter eines Gutsherrn, eingeht. Nachdem Rose der Ehe zugestimmt hat, wendet dieser sich mit seiner Frage an Suzanna: „Willst auch du?“ Doch bevor sie überhaupt antworten kann, wird zur Szene vor der Dorfkapelle geschnitten, in der die Hochzeit vollzogen wurde. Was hätte sie denn auch anderes sagen sollen?
Immer wieder werden Leerstellen in der Handlung eingesetzt. Beispielsweise beim ersten Geschlechtsverkehr mit Suzanna, den Rose mit einem Horn vortäuscht, nachdem deren Vater wegen des ausbleibenden Nachwuchses mit der Annullierung der Ehe droht. Denn diese sei ein Vertrag, der widerrufen werden kann, wenn die Abmachungen nicht erfüllt werden. Ebenso bleibt unklar, wer denn der leibliche Vater des Kindes ist, das Suzanna schließlich bekommt. Vor allem in diesen Momenten führt ROSE die gesellschaftlichen Konventionen auf geschickte Weise ad absurdum.
Schleinzer, der unter anderem als Casting Director für Michael Haneke (DAS WEISSE BAND) und Ulrich Seidl tätig war, schreckt nicht davor zurück, drastische Themen zu wählen und schonungslose Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. In seinem Wettbewerbsbeitrag bei der 76. Berlinale setzt er das historische Geschehen in eindrucksvollen Schwarzweißbildern in Szene, die nie wie eine dröge Geschichtsstunde wirken. Inwiefern Rose einen Betrug an Land und Leuten begangen hat, kann jede*r für sich selbst entscheiden. Vielleicht in materieller Hinsicht? Dabei wurde der Hof doch mit viel unternehmerischem Ehrgeiz und Erfolg geführt und die Gehilfinnen und Gehilfen gut entlohnt. Oder vielleicht in Bezug auf das Geschlecht? Dass dieses Teil der eigenen Identität ist, genauso wie Lebensort, Beruf und Berufung, sollte in unserer Gegenwart doch eigentlich selbstverständlich sein. Letztendlich stellt sich die Frage, ob man sich damit in der Gesellschaft durchsetzen kann.
Henning Koch