76. Berlinale: THE DAY OF WRATH – TALES FROM TRIPOLI von Rania Rafei

Geschichte in jedem Staubkorn
Was weiß man eigentlich über Tripoli? Beirut, ja, Beirut – aber um Tripoli kreisen Libanon-Gespräche selten. Dabei begannen in Tripoli unter anderem die Unruhen, die zur Unabhängigkeit des Landes führen sollten: 1943 protestierten Schüler gegen die französische Kolonialmacht, die den Protest gewaltsam niederschlug – 14 Schüler unter 15 Jahren starben. Wie sich in Tripoli seitdem aber auch schon zuvor, geo- und machtpolitische Konflikte in die Stadt und ihre Bewohner*innen einschrieben, wie Revolutionen begannen und nie zündeten, das hat macht Rania Rafei in ihrem THE DAY OF WRATH – TALES FROM TRIPOLI zum Thema.
Fünf historische Perioden schaut sich Rafei an: die 40er und der Kampf um die Unabhängigkeit, die 50er, die von der Sehnsucht nach einem panarabischen Zusammenschluss geprägt waren, die Ernüchterung der 60er nach den Niederlagen im 6-Tage-Krieg mit Israel, der Aufstieg des Islamismus in den 80er Jahren, die Entwicklungen um den Arabischen Frühling 2011 und die 2019-Proteste herum.
Das Verwobensein und die Untrennbarkeit der Dinge nutzt sie inhaltlich und filmisch: Ausgehend vom Verlust des eigenen Vaters – der Film ist im Grunde ein Videobrief an ihn – und der Familiengeschichte sucht sie nach Menschen, die über die geschichtlichen Ereignisse sprechen können. Ein ehemaliger Schneider, dessen Vater für de Gaulle einen Anzug genäht hat, Männer, die an den Protesten 2019 teilgenommen haben. Eine Lehrerin und ihre Klasse, immer wieder Schüler*innen, die Rafei sich via Re-Enactment in die historischen Ereignisse einfühlen oder von ihren eigenen Erlebnissen erzählen lässt.
Die Rückschau, die auch immer Bestandsaufnahme und Blick in eine mögliche Zukunft des Landes ist, fällt ernüchternd aus. Die Schüler, die ja selbst die nächste Generation einer politischen Bewegung stemmen müssten, sind desillusioniert, wollen am liebsten nichts mit der Politik am Hut haben. Zu schmerzlich die teilweise verdrängten Erinnerungen an den Krieg, den sie in ihrem Viertel im Grunde unaufhörlich erleben mussten. So wenig Veränderung, so viele Krisen parallel.
Rafeis inhaltlich dichter Film ist aller Aussichtslosigkeiten zum Trotz – oder vielleicht sogar dieser aufgrund dieser Aussichtslosigkeiten? – ein Film voller Wärme, voller Humor, der den Bewohner*innen Tripolis herrlich zugewandt ist, und durch Rafeis behutsames Voice-Over poetische Qualitäten entwickelt. Ein immens wichtiges Stadtporträt.
Weitere Termine bei der 76. Berlinale
Samstag, 21. Februar, 16:30 Uhr, Cubix 8