Dit war schau!


Großplanetarium im Zeichen des Kurzfilms, Foto: Oliver Petrus

Großplanetarium im Zeichen des Kurzfilms, Foto: Oliver Petrus

Zwischenraum

Irgendwie ist die Diskussion um den Prenzlauer Berg, also darum, dass dieser Bezirk einer zunehmenden Manieriertheit verfallen ist, überholt, ja geradezu ennuyant. Wer das Leben genießen kann, weil er materiell gut aufgestellt ist, dem fehlt es im Prenzlauer Berg an nichts. Wer sich dem Familienleben widmet, Kinder zeugt oder gezeugt hat, wird mit dem sozialen Leben im Bezirk ebenso zufrieden sein. In Sachen Kunst läuft es nicht ganz so gut. Macht man in Filz, kreiert Schmuck oder übt sich etwa in der Herstellung einzigartigen Büttenpapiers, hat man auch irgendwie sein Auskommen. Gastronomisch steht der Anwohner ebenfalls nicht schlecht da. Dumm ist es nur mit dem Clubsterben, mit der Musik, mit den Orten, die etwas lauter sind, als der Verkehr dort draußen, der Verdrängung von Freiräumen, die noch vor zehn Jahren so relevant für diesen Bezirk waren. Na und? Wer meckert, zieht eben nach Kreuzberg, vielleicht gleich nach Neukölln. Das ekelhafte Modewort, dass eigentlich auf den Blau-Weißen-Umzugswagen stehen müsste, nennt sich Gentrifizierung. Und die ist, auch das ist ein alter Hut, in Berlin schon eine geraume Zeit am Wirken. Der Prenzlauer Berg liegt in Berlin, Berlin in Deutschland, und Deutschland lässt sich irgendwo auf dem Planeten Erde verorten. Die dreht sich eben. Vor allem: unablässig. Das alles hat recht wenig mit dem kiezkieken Filmfestival zu tun. Denn es spielt sich alles bereits im Kopf ab, wenn man der Frage nachgeht, was einen wohl erwarten wird. Will man diese ganzen schwer zu durchschauenden Diskurse überhaupt auf der Leinwand sehen? Ja will man, irgendwie. Aber sind diese Diskussionen unterhaltsam? Und was genau bilden sie ab?

Im großen Saal; Foto: Oliver Petrus

Im großen Saal; Foto: Oliver Petrus

Zum Glück hatten es nicht viele „Brennpunkt“-Themen, gern auch Klischees, auf die große Leinwand geschafft. Kurze Ausrutscher wie der als eine Art Kiezwerbefilm strukturierte „99 Sekunden Prenzlauer Berg“ bildeten die Ausnahme. Unterhaltsame Filme wie „Familienschaukel“ von Tobias Wiemann, die nur nebensächlich etwas mit dem Festivalthema zu tun haben, weil sie, wie eben dieser, zufällig im Kiez gedreht wurden, oder „KK Kiezklischees„, eine etwas anarchische Recherchetour zweier Jugendlicher, die letztlich überhaupt keinen Sinn ergibt, außer, dass ein Film entstehen sollte, gab es dagegen reichlich. Und man hat gelacht. Aus keinem anderen Grund wurde die nicht sonderlich originelle aber amüsante Kiezklamotte „Ursus berlinensis – Die Bären von Berlin“ von Gerald Backhaus gegen 23.00 Uhr als Gewinner des Abends gekürt.

Das wahre Fundstück an diesem Abend aber ist Angelika Andrees´ Kurzdokumentation „Jacki“ aus dem Jahr 1977. Andrees begleitete seinerzeit ein 14 jähriges Mädchen, Jacki, bei ganz alltäglichen Situationen. Sie zeigt ihren Schulalltag in der DDR und ihre Mutter, die in einer Art Patchworksituation mit ihren eigenen Kindern und denen des Freundes zurecht kommen muss. Und sie zeigt geradezu nebensächlich einen Stadtteil voller maroder Fassaden und grauer Straßen.  „Jacki“ funktioniert wie ein Baustein der ostdeutschen Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow„, die Kamera hält drauf und lässt die Protagonisten erzählen, egal wie nebensächlich ihr Thema auch erscheinen mag. „Jahrtausendnacht“ funktioniert in ähnlicher Weiser. Aufgenommen in der Silvesternacht 1999/2000 an der Kreuzung Ecke Danziger Straße/Prenzlauer Allee, zeigt sich ein Berlin, das die Wende noch immer gerade erst hinter sich hat, in dem aber doch schon große Veränderungen stattfanden. Viele Häuser sind noch immer nicht saniert, die Anwohner durchmischt, noch wirkt nichts wie in eine Form gegossen. Eine Zwischenraum. Stattdessen sieht man einen Stadtteil, der unter einer grauen Dunstglocke zu existieren scheint.

Ebenso direkt der Experimentalfilm „Straßenkehrer“ von Adalbert Fahrenhorst. Stilistisch durchaus eine Zumutung, mischt der Filmemacher eine Autofahrt durch das Berlin des Jahres 1991 mit einer solchen im Jahr 2011. Heraus kommt ein seltsam eigentümliches Gefühl, denn die Augen müssen gleichzeitig zwei Fahrten in einem Bild verfolgen, die sich aber trotz der Differenz von 20 Jahren, die dazwischen liegen, in nur wenigen Punkten unterscheiden. Die Fahrt führt vorbei am Alexanderplatz entlang der Greifswalder Straße, gerade hier scheint die Zeit stehen geblieben. Die Straße ist in matte Pastelltöne getüncht, gestern wie heute wirkt sie trist, trotzdem (oder gerade weil) sie eine der großen Ausfallstraßen ist, die vom Alexanderplatz in den Prenzlauer Berg führt.

Der Kopf ist nach solchen Filmen geradezu vollgesogen von Melancholie. Und wenn man dann seine Winterjacke an der Garderobe abholt, sich das etwas in Jahre gekommene Personal anschaut, das mit einem etwas mürrischen Lachen das Danke quittiert, realisiert man, dass sich hier im Großplanetarium auch nicht sonderlich viel verändert hat. Die Eintrittskarten werden noch von Hand abgerissen und die klassische Berliner Bulette mit Kartoffelsalat beherrscht noch immer die Speisenkarte. Nur die Warteschlange, in die man sich vor 25 Jahren einreihen musste, wenn man überhaupt mal eine Eintrittskarte ergattert hatte, gibt es lange nicht mehr.

Martin Daßinnies

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30. November 2011 | In kiezkieken

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