Nippon Connection: Ramen, Sushi und andere japanische Leckerbissen


Bei der 16. Nippon Connection mit dem Preis der Nippon Visions Jury ausgezeichnet: "Dear Deer". (c) 2015 Office Kiryu

Bei der 16. Nippon Connection mit dem Preis der Nippon Visions Jury ausgezeichnet: „Dear Deer“. (c) 2015 Office Kiryu

Eine etwas andere Sichtweise auf die Familie als Gradmesser der sozialen Verfasstheit bot das auf dem Festival mit dem Preis der Nippon Visions Jury ausgezeichneten Familiendrama „Dear Deer“ von Takeo Kikuchi, der damit ebenfalls sein Regiedebüt gibt.
Der komplett im 4:3-Format gedrehte Spielfilm überzeugt nicht nur mit großartigen Schauspielern, einer so tragikomischen wie realistischen Story mit fantastischen Elementen, sondern auch mit den wunderschönen animierten Sequenzen von Atsushi Wada, der 2012 für seinen Animationskurzfilm „The Great Rabbit“ auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist „Being Good“ von der koreanisch-stämmigen Regisseurin Mipo O, bekannt unter anderem durch ihre Nominierung bei den Oscars 2014 als bester ausländischer Film für „The Light Shines Only There„. In dem episodisch angelegten und zurückhaltend erzählten Sozialdrama geht es ganz allgemein um die Beziehung von Kindern und Erwachsenen sowie die Verantwortung von Erziehungsberechtigten gegenüber ihren Schutzbefohlenen. In filmästhetisch reduzierter Form, ganz fokussiert auf eine wirklich bewegende, emotional fordernde und starke Story folgt man den verschiedenen, locker miteinander verbundenen Handlungssträngen: Da gibt es den jungen idealistischen Grundschullehrer Tadashi Okano (Kengo Kora), der sich um einen gerechten, fürsorglichen Umgang zu seinen Schülern bemüht. Dabei wird er auf einen Fall von emotionaler Vernachlässigung und womöglich auch physischer Gewalt gegen einen seiner Schüler aufmerksam, bei dem Versuch, diesem zu helfen stößt er immer wieder an persönliche, aber auch an administrative Grenzen. Dann gibt es die mit ihrer Mutterrolle komplett überforderte selbst traumatisierte junge Mutter Masami Mizuki (Machiko Ono), die ihre dreijährige Tochter misshandelt und die Geschichte des kleinen Hiroya Sakurai (Amon Kabe), eines autistisch wirkenden, affektgestörten Jungen, der eine zarte Freundschaft zu einer alten, kinderlosen Dame beginnt. Mipo O gelingt es sehr eindrücklich aufzuzeigen, was einer auf Effizienz und Leistung fokussierten Gesellschaft abhanden geht, wenn sie schon bei den kleinsten Menschen nur strikte Angepasstheit und absolute Leistungsbereitschaft erzwingt. Die expliziten Szenen psychischer und physischer Gewalt gegen Kinder lassen einen den Film streckenweise nur schwer ertragen.

Flüsternde Geisterstädte

Der Dreifachkatastrophe am 11. März 2011 in Fukushima widmete die Nippon Connection einen Schwerpunkt mit zahlreichen Filmen, der Ausstellungsperformance „A Body in Fukushima“ von Eiko Otake und William Johnston sowie einem Vortrag des Filmwissenschaftlers Dennis Vetter „Visualizing Japan’s 2011 Disasters„.
Gerade die Filme überzeugten, die das Thema nur am Rande über die filmästhetische Form oder die metaphorische Auseinandersetzung damit nach neuen Darstellungsformen suchten, wie beispielsweise der komplett in schwarz-weiß gedrehte bizarre Science-Fiction-Film „Anohito“ von Ichiro Yamamoto. Der basiert auf einem Drehbuch, das 1944 geschrieben und nie realisiert worden war. Der Film spielt in einer befremdlich gegenwärtigen Vergangenheit, in der der Krieg nie zu Ende gegangen ist. „Anohito“ erzählt auf kammerspielartige Weise die Geschichte eines Waisenjungen, den abwechselnd vier junge Soldaten und vier junge Frauen großziehen. An diesem Film wirkt alles irgendwie unecht. Ganz so, als sähe man ihn durch eine Glaswand hindurch – ein Effekt, der durchaus so gewollt war: Unter anderem wurden die Bilder nachträglich bearbeitet und falsche Lichtreflexe eingefügt sowie der gesamte Film nachvertont, um auch auf der Tonebene einen Verfremdungseffekt hervor zu rufen.

Mit „The Whispering Star“ präsentierte der Rebell des japanischen Kinos, Sion Sono, der noch mit seinem Popfeuerwerk „Love and Peace“ auf dem Festival vertreten war, einen für sein aktuelleres Werk eher ungewöhnlich ruhigen, poetischen, beinahe komplett in Schwarz-Weiß gedrehten Science-Fiction-Streifen. Dieser spielt in einer post-apokalyptischen Welt in der die Menschen nach einer unbestimmten Katastrophe zu einer bedrohten Art geworden sind. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der ewig junge weibliche Android 722 Yoko Suzuki (Megumi Kagurazaka), die mit ihrem Retro-Spielzeugraumschiff und flüsterndem Bordcomputer für die interstellare Paketzustellung zuständig ist. Die sehr wenigen, auf verschiedene Planeten verteilt lebenden Menschen, schicken sich Pakete mit scheinbar bedeutungslosem Inhalt – Fotografien, Papierbecher, Zigarettenstummel – Erinnerungsobjekte vergangener Zeiten. Im Weltall herrscht beinahe totale Stille, Geräusche würden die Menschen wohl nicht ertragen. Zu den wenigen Tönen, die man im Film überhaupt hört, gehören der tropfende Wasserhahn im Raumschiff und das kindliche Flüstern des Bordcomputers. Gespenstische Landschaftsaufnahmen kontrastieren sich mit klaustrophobischen Aufnahmen des Raumschiffinneren und wecken Assoziationen zu Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ oder Andrej Tarkowskis „Stalker„. Gedreht wurde der Film unter anderem in den evakuierten Gebieten rund um Fukushima, was dem Film eine unheimliche Aktualität und soziopolitische Tragweite verleiht.

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13. Juni 2016 | In Allgemein

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