„Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ von Aron Lehmann


Das Pferd wird kurzerhand zum Ochsen. Foto: Kaminski.Stiehm.Film

Das Pferd wird kurzerhand zum Ochsen. Foto: Kaminski.Stiehm.Film

„Seht genau hin“ oder Der Zauber der Imagination

Der Plan: Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ opulent verfilmen. Mit zig Pferden, Waffen, aufwändigen Kostümen, epochalen Schlachten und brennenden Städten. Das Problem: An Tag 1 der Dreharbeiten werden dem Projekt die Fördergelder gestrichen. Kein Geld, kein Film? „Jetzt erst recht!“, denkt sich Regisseur Lehmann (Robert Gwisdek) und reißt eine kleine Gruppe seines Teams mit, weiterzumachen. Unterstützung finden sie beim Bürgermeister des schwäbischen Kaffes Speckbrodi, in dem gedreht wird. Im Wirtshaus finden sie ein Dach überm Kopf, Verpflegung gibt es frei Haus. Die Dorfbewohner sind von der Bürgermeisterfrau über den Müller bis hin zum Schankwirt allesamt Laienschauspieler und lassen sich von Lehmanns Enthusiasmus anstecken. Statt hoch zu Ross reitet Kohlhaas auf dem Ochsen Shanti durch seine Geschichte, mit Luftschwertern und viel Gebrüll wird das fehlende Equipment überspielt, der Regen kommt aus dem Schlauch der freiwilligen Feuerwehr. Doch Lehmanns Fantasie reicht nicht für alle.

Der Star seines Films (Jan Messutat), der sich von der Rolle als Kohlhaas den ganz großen Durchbruch versprochen hatte,  kann sich nicht so recht anfreunden mit der ungeplanten Situation. „Fucking Fuchsbau!“ schimpft er über das zweckmäßige Schlaflager mit tiefen Decken im Wirtshaus und die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten. „Ich brauche einen Raum!“ „Kohlhaas hatte auch keinen Raum,“ entgegnet im Lehmann. „Der hat ganze Städte niedergebrannt ohne einen Raum.“ Mit einer Engelsgeduld versucht der Regisseur, den Star seines Films bei Laune zu halten, ihm seinen Blick zu vermitteln. Als der sich weigert, auf eine Kuh steigen – „Das mach ich nicht. Das sind Kühe.“ – behauptet Lehmann einfach: „Das sind Pferde.“ Diese Auseinandersetzungen zwischen Regisseur und Hauptdarsteller sind ein Augen- und Ohrenschmaus. Der unermüdliche Kampf von Lehmann, gegen alle Widrigkeiten seine Vision umzusetzen, sein unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Fantasie, wird dabei von Robert Gwisdek so atemberaubend dargestellt, dass man seinen Blick nicht abwenden kann. Und dann ist da plötzlich kein Feuerwehrschlauch mehr, kein Ochse, keine selbstgehäkelte Kopfbedeckung. Da ist ein Heer an Rittern in glänzenden Rüstungen, das sich hoch zu Ross und schwer bewaffnet durch das prasselnde Unwetter kämpft.

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5. August 2013 | In Allgemein

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